"Nicht sprechen zu können, ist grausam und zerstörerisch" Sexueller Missbrauch: Was die Aufarbeitungskommission des Bundes sagt

Es gibt Experten, die vermuten, dass jedes 7. Kind in Deutschland von sexuellem Missbrauch betroffen ist. Viele schweigen aus Angst, Scham oder weil ihnen nicht geglaubt wird. Damit sich das ändert, gibt es seit drei Jahren die aus Bundesmitteln finanzierte Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Kindesmissbrauchs, die Betroffene hörte und in ihrem letzten Bericht klare Vorschläge zu Aufarbeitung und Hilfen macht. Klar wird darin, dass die Prävention eine Aufgabe für alle ist.

Wenn sexueller Kindesmissbrauch bei der Polizei angezeigt wird, geht der Fall in die Kriminalstatistik ein. Allein im Jahr 2018 gab es 14.606 Anzeigen. Doch viele Betroffene schweigen – aus Angst, Scham oder einfach, weil man ihnen nicht glaubt – nicht selten Jahrzehnte lang. Deswegen gehen Experten von einer extrem hohen Dunkelziffer aus. So bleiben Stimmen von Betroffenen oft ungehört, auch Hilfen werden ihnen nicht zu Teil.

Kaum etwas ist furchterregender als das Gefühl von Verlassenheit. (...) Und zu keiner Zeit unseres Lebens ist diese Angst tiefer als in der Kindheit. Eben diese existenzielle Not erfährt ein Mensch, der sexuell missbraucht wird. Wer das als Kind erleidet, dem wird diese Not oft zu einer Bedrohung, die ein ganzes Leben überschatten kann. Sich niemandem anvertrauen zu können, weil der Täter oder die Täterin ein naher, nächster Angehöriger ist, eine Autorität, Priester, Lehrer oder Sporttrainer. Nicht sprechen zu können, weil das Erlebte unsagbar ist, ist grausam und zerstörerisch.

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident Zum Bericht der Aufarbeitungskommission 2019

Anhören und Helfen

Damit sich das ändert, gibt es seit drei Jahren die aus Bundesmitteln finanzierte Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie startete mit einem Aufruf an Betroffene, sich zu melden, damit sie berichten, was ihnen widerfahren war. Auf Wunsch auch anonym und schriftlich. Viele bemerkten, wie sie in ihrer Not allein gelassen worden seien und nun das erste Mal das Wort ergriffen. Knapp 1.400 Menschen meldeten sich bei der Kommission, rund 290 äußerten sich schriftlich. Ausgewertet wurden 914 Anhörungen und Berichte.

In Deutschland begann das öffentliche Schweigen-Brechen von betroffenen Frauen Anfang der 80er-Jahre. Jahrzehnte später folgte 2010 der sogenannte Missbrauchs-Skandal. Neun Jahre danach sind es immer noch die Stimmen von Betroffenen, die Aufarbeitung vorantreiben.

Renate Bühn, Mitglied des Betroffenenrates

Der Bericht der Kommission dokumentiert, wie verheerend die Erfahrung sexuellen Missbrauchs wirkt, zumal wenn die Aufarbeitung und Hilfsangebote fehlen. Moniert werden in dem Bericht Versäumnisse auf Seiten des Staates und der Kirchen. Angesprochen wird aber auch die Verantwortung der ganzen Gesellschaft, die eher die Täter als die Opfer schützt, wenn sie das Thema tabuisiert. Veranstaltet wurden von der Kommision deswegen auch drei öffentliche Hearings mit jeweils etwa 200 Menschen zu sexuellem Missbrauch in der Familie, in der DDR und in der Kirche. Die meisten Fälle, die angezeigt wurden, sind verjährt. Umso wichtiger ist es, dass der Bericht auch nach vorn weist, mit klaren Handlungsempfehlungen zu Prävention und Hilfen für Betroffene. Dass das Thema lange nicht erledigt ist, zeigt die Verlängerung des Arbeitsauftrags für die Kommission um weitere fünf Jahre.

Wo die Betroffenen sexuelle Gewalt erfuhren
Familie Institutionen (Schule & KITA, Kirchen, Sportverein etc.) Soziales Umfeld Organisierte Strukturen Fremdtäter
682 209 152 117 56
56 % 17 % 12 % 10 % 5 %

Ausgewertet wurden 914 Anhörungen und Berichte. Viele Betroffene haben Missbrauch in mehr als einem der Bereiche erfahren.

Die Fälle verteilt auf Institutionen
Schule Kath. Kirche Freizeitein. Evang. Kirche Klinik & Praxen Heime And. Relig.gemein. Jugendwerkhöfe Arbeit & Ausbildung
57 49 32 13 24 23 7 5 4
24 % 21 % 13 % 31 % 10 % 10 % 3 % 2 % 2 %

Ausgewertet wurden 914 Anhörungen und Berichte. Einige Betroffene haben Missbrauch in mehr als einer Institution erlebt.

Alter zu Beginn der Tatzeit
Unter 3 Jahre 4-6 Jahre 7-9 Jahre 10-12 Jahre 13-15 Jahre 16-17 Jahre keine Angabe
158 183 104 98 39 9 117
22 % 26 % 15 % 14 % 5 % 1% 17

Ausgewertet wurden 708 Anhörungen und Berichte.

"Tatort Familie": "Wir tun nicht das maximal Mögliche, um unsere Kinder zu schützen"

Mehr Engagement fordern nicht nur die Berichterstatter der Kommission, sondern auch der Beauftragte der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig: "Wir tun nicht das maximal Mögliche, um unsere Kinder zu schützen", sagte er bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung Ende Juni. Er schlug Missbrauchsbeauftragte für die einzelnen Bundesländer vor und mahnte mehr Mittel an. Die Budgets der Kinder- und Jugendhilfe reichten für diese Aufgabe nicht aus. Landes- und Bundespolitik müsste stärker in Einklang gebracht werden. "Tatort Nummer eins für sexuelle Gewalt" blieben Familie und soziales Umfeld des Kindes. Um so wichtiger sei es, dass Schulen und KITAS als "Schutzorte" begriffen würden, die auch Wege zur Hilfe aufzeigen könnten.

Telefonberatung für Missbrauchsopfer Opfer von Missbrauch können sich anonym und kostenfrei beim Hilfeportal sexueller Missbrauch melden. Die Telefonnummer ist 0800 22 555 30.
Unter der Nummer sind Seelsorger montags, mittwochs und freitags zwischen 9 Uhr und 14 Uhr sowie dienstags und donnerstags zwischen 15 Uhr und 20 Uhr zu erreichen.

"Tatort Kirche": Betroffene fordern hohe Entschädigung

Was den "Tatort Kirche" angeht, sieht die katholische Laienbewegung "Wir sind Kirche" den Staat in der Pflicht, Standards für die Missbrauchsaufarbeitung zu entwickeln und die Zusammenarbeit der Kirchen mit den Strafverfolgungsbehörden einzufordern. Indessen verlangen Betroffene einem "Spiegel"-Bericht zufolge hohe Entschädigungen von der katholischen Kirche. Vertreter von Opferverbänden diskutierten auf einem von der Deutschen Bischofskonferenz organisierten Treffen demnach Einmalzahlungen in Höhe von 300.000 Euro pro Person. Der "Spiegel"-Bericht wurde von der Bischofskonferenz mit Verweis auf die laufende Überarbeitung des Anerkennungsverfahrens nicht kommentiert. Laut "Spiegel" wünschen sich die Betroffenen eine Kommission mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen, um ihre Fälle zu klären. Viele Betroffene litten noch Jahrzehnte nach dem Missbrauch unter psychischen Erkrankungen und seien nur bedingt arbeitsfähig. Kosten für Jahre währendeTherapien wollten Krankenkassen oft nicht mehr tragen.

Viel Klärungsbedarf also weiterhin, was Aufarbeitung, Prävention und Hilfe betrifft. Zumindest traten Ende Juni die von Papst Franziskus verschärften neuen Normen im Kampf gegen Missbrauch durch Geistliche der katholischen Kirche in Kraft. SIe sehen u.a. eine Anzeigepflicht vor und regeln Untersuchungen gegen Bischöfe, die Ermittlungen vertuscht oder verschleppt haben.

MHG-Studie Laut einer ersten Zusammenfassung der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Studie gab es zwischen 1946 und 2014 mindestens 3.677 Opfer sexueller Übergriffe, die von 1.670 Priestern, Diakonen und Ordensleuten begangen wurden.

Bei den Betroffenen handelt es sich der Untersuchung zufolge überwiegend um männliche Minderjährige. Mehr als die Hälfte von ihnen sei zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre gewesen.

Experten gegen von einer Dunkelziffer von mehr als 100.000 Geschädigten aus.

Die ehrenamtlichen Mitglieder der Kommission & Betroffenenrat Der Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten entsendet Mitglieder als ständige Gäste der Kommissionssitzungen. dies waren zunächst Tamara Luding und Matthias Katsch, Mitgründer der Initiative Eckiger Tisch e. V., die sich seit 2010 für die Interessen der Betroffenen von sexuellem Missbrauch in Einrichtungen des Jesuitenordens und der katholischen Kirche einsetzt.

Ehrenamtliche Mitglieder Kommission sind Sabine Andresen, Erziehungswissenschaftlerin und Vorsitzende; Christine Bergmann, Bundesfamilienministerin a.D.; Peer Briken
Sexualwissenschaftler und Psychotherapeut; Barbara Kavemann, Sozialwissenschaftlerin; Heiner Keupp, Sozialpsychologe und Brigitte Tilmann, Präsidentin des Oberlandesgerichtes a. D. Frankfurt am Main

In die Arbeit der Kommision flossen bislang rund fünfeinhalb Mio. Euro an Bundesmitteln. Die Kommission hört Betroffene ab dem 16. Lebensjahr an.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 27. Juni 2019 | 22:35 Uhr