Einführung vor 1.700 Jahren am 3. März Der freie Sonntag in Gefahr?

Vor 1.700 Jahre - am 3. März 321 - erklärte der römische Kaiser Konstantin den Sonntag per Edikt zum Feiertag. Ein Geburtstag, der von der "Allianz für den freien Sonntag" - ein Zusammenschluss von kirchlichen und gewerkschaftlichen Gruppen - gefeiert wird. Doch neben den Feierlichkeiten werden auch Sorgen laut, der freie Sonntag könnte immer mehr unter wirtschaftlichen Druck geraten und womöglich zu einem normalen "Alltag" werden. Michael Hollenbach berichtet.

Aktionsbündnis freier Sonntag
Das Bündnis "Allianz für den freien Sonntag" in Aktion. Bildrechte: IMAGO / epd

Der 3. März des Jahres 321 nach Christus ist der Geburtstag des arbeitsfreien Sonntags, wie wir ihn heute kennen. Sein Geburtsort ist Rom. Der evangelische Theologe Uwe Becker, Professor für Altes Testament an der Universität Jena erklärt:

Das Christentum verdankt eigentlich als Geburtsstunde diesen arbeitsfreien Tag einer kaiserlichen Gesetzgebung, einer politischen Setzung und keiner religiösen Begründung.

Uwe Becker, Evangelischer Theologe, Uni Jena

Der sonntägliche Ruhetag galt sowohl für die Christen, als auch für die Anbeter des weit verbreiteten Sonnenkults. Doch eigentlich war der sonntägliche Ruhetag schon älter und ist eine "kulturelle Schöpfung des alten Judentums, mit Verbindungen zu älteren orientalischen Kulturen," wie der Jenaer Kulturhistoriker Michael Maurer anmerkt.

Die ersten Christen waren Judenchristen: sie begingen den Sabbat am Samstag und den christlichen Feiertag - den Sonntag - als Tag der Auferstehung Jesu. Doch schon bald versuchten sich die Christen vom jüdischen Sabbat abzugrenzen.

Fragmente der Konstantin-Statue
Per Edikt führte Kaiser Konstantin den Sonntag als Feiertag ein. Hier Fragmente einer Konstantin-Statue in Rom. Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Im Rückgriff auf den Sabbat wurde der Sonntag als der eigentliche Höhepunkt betrachtet. Als das, was noch viel mehr wert ist als der Sabbat, und das ist ein Stück der Kirchengeschichte, von der man sagen kann, dass sie eine Enteignungsgeschichte jüdischer Theologie ist.

Theologe Uwe Becker

Dass heute in Deutschland – selbst im Vergleich zu manchen sehr katholischen Ländern – die Sonntagsruhe weitgehend eingehalten wird, hat auch mit dem Grundgesetz zu tun. Dort steht:

Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.

Grundgesetz, Artikel 140
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Mehr verkaufsoffene Sonntage?

Doch der Sonntag gerät auch hierzulande – vor allem durch die Geschäftsschließungen im Lockdown - zunehmend unter Druck.

An einem Geschäft hängt ein Schild auf dem "Geöffnet" steht.
Sonntagsöffnung gewünscht? Bildrechte: imago/Becker&Bredel

"Verkaufsoffene Sonntage als Konjunktur und als Impuls für die Innenstädte wären deshalb wichtig, um besondere Einkaufsatmosphären zu schaffen, um verloren gegangenen Umsatz wiederzuholen", meint Stefan Genth.

Er ist Geschäftsführer des Handelsverbands Deutschland. Die Regelungen zu verkaufsoffenen Sonntagen sind zwar von Bundesland zu Bundesland verschieden, doch in der Regel gilt bislang: An bis zu vier Sonntagen pro Jahr können Geschäfte öffnen.

Wir glauben, dass es in solchen Krisenzeiten erforderlich ist, Denkverbote zur Seite zu legen. Wir müssen ein anderes Verhältnis zur Sonntagsarbeit haben, ohne die Grundwerte komplett zu vergessen.

Stefan Genth, Geschäftsführer des Handelsverbands Deutschland

"Sich nicht nur in der alltäglichen Tätigkeit verlieren"

Georg Lämmlin sieht das anders. Er ist Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er sagt, der Mensch dürfe sich nicht in Arbeit und im Konsum verlieren. Es gehe darum, auch einen anderen Blick auf die Welt zu gewinnen.

Einen Blick, der unterscheidet zwischen dem, was letztendlich wichtig ist. Das sind Begegnungen, Freude, Solidarität, gemeinsam geteiltes Leben und sich nicht nur in der alltäglichen Tätigkeit zu verlieren.

Georg Lämmlin, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD

Aber geht der arbeitsfreie Sonntag nicht ohnehin schon verloren? In Deutschland müssen rund elf Millionen Menschen ständig oder gelegentlich sonntags arbeiten. Dazu kommen jetzt noch viele, die am Sonntag im Homeoffice tätig sind – und das dürften mit und nach Corona immer mehr werden. Die Arbeitszeiten und der Wochenrhythmus werden flexibler.

Wenn wir uns gesellschaftlich nicht mehr auf einen Rhythmus einigen, dann fehlen ganz grundsätzliche Voraussetzungen. Wenn es den Rhythmus nicht mehr gibt, dann ist jeder Tag gleich.

Georg Lämmlin

Noch ist der Sonntag ein besonderer, ein herausgehobener Tag. Der Journalist und Autor Heribert Prantl hat das einmal so ausgedrückt: "Sonntage sind Spuren des Heiligen in der Moderne."  Auch wenn das nicht mehr sehr viele Menschen spüren.

Festveranstaltung zum Jubiläum der "Allianz für den freien Sonntag" Unter dem Titel "1.700 Jahre freier Sonntag" findet am 3. März von 11.00 bis 13.00 Uhr eine Online-Veranstaltung statt, die im Internet unter www.allianz-fuer-den-freien-sonntag.de/jubilaeum verfolgt werden kann.

Festredner sind der Kolumnist der "Süddeutschen Zeitung", Heribert Prantl und Rechtsanwalt Friedrich Kühn, der Grundsatzurteile zum Schutz des freien Sonntags erstritten hat.

Erwartet werden auch prominente Videobotschaften aus Politik,Gewerkschaften, Kirchen und Kultur, unter anderen von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Heinrich Bedford-Strohm und dem Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 28. Januar 2021 | 09:15 Uhr