Szene aus: selbstbestimmt! - Die Reportage: Ersatzteil im Kopf
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mikrochirurgie kurz vor dem Hirn Stichwort: Cochlea-Implantat

50 Kliniken haben sich in Deutschland auf die Cochlea-Implantation spezialisiert. Mikrochirurgie kurz vor dem Hirn: Wie läuft sie ab?

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Im Ameos-Klinikum Halberstadt gilt die Cochlea-Implantation als eine Routine-Operation. Mehr als 1.200 Mal wurde sie dort schon durchgeführt. Trotzdem bedeutet der Eingriff heikle Mikrochirurgie kurz vor dem Hirn. Knapp am Gesichtsnerv vorbei bohren sich die Ärzte direkt zur Cochlea - der Hörschnecke - hindurch.

Ein Arzt in einem OP
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Und was wir jetzt machen ist, uns einen Weg bahnen zum Innenohr, um da dann das Cochlea-Implantat einzusetzen. Wir sind sehr nah an wichtigen Strukturen. Unter dem Sauger hier ist der Gesichtsnerv. Wenn Sie das so knackern hören, dann ist der Gesichtsnerv in der Nähe.

Der Informatiker und Fachautor Enno Park hat "Körper-Technik" zu seinem Spezialgebiet gemacht. Er testet sie selber, weil er gehörlos ist. Seit sechs Jahren nutzt er Cochlea-Implantate und bezeichnet sich selbst als "Cyborg", weil die Technik Teil seines Körpers geworden ist und ihn fast vollständig wieder hören und am Leben Teil haben lässt.

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Das Cochlea-Implantat sieht aus wie ein normales Hörgerät, hat aber noch dieses Anhängsel mit der Spule. Und über die Spule wird ein elektronisches Signal nach innen gesendet, da ist dann ein Kabel quasi unter Putz verlegt bis zu meinem Hörnerv. Mein Ohr mit all seinen Teilen ist umgangen, denn es geht direkt an den Nerv ran.

Enno Park, gehörlos und implantiert
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Prof. Dr. Klaus Begall ist Ärztlicher Direktor in Halberstadt und betont, dass man für diesen Eingriff, damit er so erfolgreich ist wie bei Enno Park, ein gewisses Training braucht und man sich v.a. auch mit den Problemen auskennen sollte, die während der Operation auftreten können. So sollten die Operateure am Anfang immer unter Supervision arbeiten, so dass immer einer dabei ist, der weiterhelfen kann.

Noch in der Narkose prüft ein im OP-Saal anwesender Audiologe die Funktion der Elektroden.

Ein Mann mit Haube und Mundschutz sieht auf einen Monitor
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Jetzt wird es spannend, jetzt stimuliere ich elektrisch, so wie es später sein soll und ich messe gleichzeitig ob der Hörnerv angekoppelt ist, ob der auch antwortet.

Begall weiß um die Probleme, die nach der Operation auftreten können. Da auf der Hörschnecke auch das Gleichgewichtsorgan sitze, könne ein, zwei Wochen danach Schwindel auftreten. Doch auch wenn alles gut gelaufen ist: Ob der Eingriff wirklich erfolgreich war, zeigt sich erst später, weiß Astrid Braun vom Cochlear-Implant-Rehabilitationszentrum Halberstadt.

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Wenn wir bei den Eltern nachfragen, was sie sich von der CI-Versorgung ihrer Kinder erhoffen, hört man oft: einen regulären Lebensweg, eine reguläre Schulbildung, ein selbständiges Leben. Da müssen wir sagen: Ein Großteil, ungefähr 50 Prozent der Kinder, schafft das tatsächlich. Es gibt aber ebenso Kinder, die nicht so gut in die Sprache kommen, wie wir uns das erhoffen.

Astrid Braun, Cochlear-Implant-Rehabilitattionszentrum Halberstadt:

Genauso wichtig wie die Technik und das Können der Ärzte ist die jahrelange therapeutische Begleitung. Spätertaubten fällt das Wieder-Hören-Lernen relativ leicht. Ihr Gehirn kennt Sprache schon. Ein Drittel der Implantierten aber sind gehörlos geborene Kinder. Sie müssen bei Null anfangen.

Stichwort: Cochlea Implantat Bei leicht oder mittelgradig ausgeprägter Schwerhörigkeit besteht eine gute Chance, mithilfe eines Hörgeräts wieder besser zu verstehen. Manche Menschen sind aber so stark schwerhörig oder gar taub, da hilft ein solches System nicht.

Ihnen kann unter Umständen ein sogenanntes Cochlea-Implantat helfen. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Implantation ist immer ein gesunder Hörnerv. Ob der Hörnerv intakt ist, kann nur in einer HNO-Klinik festgestellt werden.

Ein Cochlea-Implantat ist eine Prothese, die teilweise im Schädel verborgen liegt. Von außen sichtbar ist nur ein Mikrofon am Ohr mit einem verbundenen Sprachprozessor. Unter der Haut ist ein Empfänger implantiert. Von hier führt ein Elektrodenstrang durch ein Loch in der Schädeldecke.

An den Gehörknöchelchen vorbei läuft er bis in die Hörschnecke. Die Elektroden sollen anstelle der Haarzellen die elektrischen Signale produzieren. Das Mikrofon am Ohr nimmt die Geräusche aus der Umwelt auf und leitet sie als elektrische Signale zum Sprachprozessor. Der bearbeitet sie und sendet sie über eine Spule drahtlos zum Empfänger im Kopf. Jetzt gelangen die elektrischen Impulse über den Elektrodenstrang direkt in die Hörschnecke.

Über den Hörnerv wandern die Signale weiter in das Hörzentrum im Gehirn. Und erst hier fügen sich die einzelnen Signale zu einem Gesamtklangbild.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | selbstbestimmt! - Die Reportage | 30. September 2018 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2018, 11:15 Uhr