Zum Tag der Gehörlosen | 30.09.2018 "Anfangs wusste ich gar nicht, dass es eine andere Welt gibt"

Den Tag der Gehörlosen nehmen Betroffene weltweit zum Anlass, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und für das Erlernen der Gebärdensprache zu werben, die z.B. auch für Heidrun Barth mehr als eine "Krücke" ist.

In Deutschland leben etwa 80.000 gehörlose Menschen. Viele von ihnen nutzen die Gebärdensprache, um miteinander zu kommunizieren. Für sie ist das Gebärden eine vollwertige Sprache mit allen Ausdrucksmöglichkeiten und Teil einer Gehörlosenkultur, die es anzuerkennen gilt.

Handicap oder eigene Kultur?

Dafür plädiert zum Beispiel Heidrun Barth aus Pirna. Sie selbst ist in einer gehörlosen Familie aufgewachsen und erzählt: "Anfangs wusste ich gar nicht, dass es eine andere Welt gibt, als die der Gehörlosen." Sie fühlt sich fest verwurzelt in der Gehörlosengemeinschaft und die hat für sie neben der eigenen Sprache auch eine eigenständige Kultur.

In dem Kinofilm "Stille Angst" spielt Heidrun Barth die weibliche Hauptrolle. Ein Krimi, der von einer Gehörlosen Crew und mit gehörlosen Darstellern gedreht wurde. Die Kinosäle Deutschlands sind bei jeder Aufführung ausverkauft, sagt sie.

Entscheidung für und wider

Szene aus: selbstbestimmt! - Die Reportage: Ersatzteil im Kopf
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sich für oder gegen ein technisches Hilfmittel zu entscheiden, ist für gar nicht so wenige junge Eltern eine Frage, der sie sich stellen müssen. Denn eins von 1.000 Kindern kommt mit einem schweren Hörschaden auf die Welt. Somit handelt es sich um eine der häufigsten Behinderungen. Für gehörlos Geborene gehört das Cochlea-Implantat bereits zur Standardversorgung, verbunden damit ist die Verheißung, später ein "normales Leben" führen zu können.

Die Operation - immerhin ein Eingriff knapp am Gesichtsnerv vorbei - erfolgt schon in den ersten 24 Monaten, um das Sprechenlernen nicht zu sehr zu verzögern, das die geistige Entwicklung insgesamt beeinflusst. Entscheidend sind dafür die ersten vier Lebensjahre. Astrid Braun vom Cochlear-Implant-Rehabilitationszentrum Halberstadt schätzt ein, dass die Hälfte danach ausreichend hört, um die Sprache befriedigend zu lernen.

Gebärdensprache als Brücke

Szene aus: selbstbestimmt! - Die Reportage: Ersatzteil im Kopf
Heidrun Barth und ihr Partner sind gehörlos, ihre Kinder nicht. Sie kommunizieren über Gebärdensprache. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch was ist mit den anderen 50 Prozent? Für sie kann das Erlernen der Gebärdensprache eine Brücke sein, denn sie befördert die geistige Entwicklung ebenso wie die Lautsprache. Hierzulande aber hat das Gebärden keine Lobby. In Deutschland wurden zwar vor 15 Jahren mit dem Behindertengleichstellungsgesetz die Grundlagen zur Anerkennung der Gebärdensprache geschaffen. Doch Eltern müssen die Förderung zum Erlernen immer noch oft vor Gericht erstreiten. Auch auf dieses Handicap möchten Betroffene zum Tag der Gehörlosen hinweisen.

Stichwort: Tag der Gehörlosen Der Tag der Gehörlosen wird hier seit Mitte der 1970er-Jahre begangen und 1951 vom Weltverband der Gehörlosen ins Leben gerufen. Er wird jeweils am letzten Sonntag im September begangen und beendet die Weltwoche der Gehörlosen.

Abgesehen von den 80.000 gehörlosen Menschen in Deutschland gibt es nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes ca. 16 Millionen Schwerhörige. Ca. 140.000 davon haben einen Grad der Behinderung von mehr als 70 Prozent und sind auf Gebärdensprach-Dolmetscher angewiesen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | selbstbestimmt! - Die Reportage | 30. September 2018 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2018, 13:38 Uhr