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Die Tänzerin und Schauspielerin Kassandra Wedel, mehr über ihren Weg zeigt die Reportage zum Tag der Gehörlosen am 25. September bei MDR Selbstbestimmt. Seit Juni spielt sie auch in der ARD-Serie "In aller Freundschaft - Die jungen Ärzte" mit. Bildrechte: imago/HRSchulz

25.09.2022Tag der Gehörlosen: "Unsere Körper sind Ohren"

Stand: 22. September 2022, 12:38 Uhr

Den Tag der Gehörlosen nehmen Betroffene weltweit zum Anlass, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und für das Erlernen der Gebärdensprache zu werben, die z.B. auch für die Schauspielerin Heidrun Barth aus Pirna oder die Tänzerin Kassandra Wedel mehr als eine "Krücke" ist.

In Deutschland leben etwa 80.000 gehörlose Menschen. Viele von ihnen nutzen die Gebärdensprache, um miteinander zu kommunizieren. Für sie ist das Gebärden eine vollwertige Sprache mit allen Ausdrucksmöglichkeiten und Teil einer Gehörlosenkultur, die es anzuerkennen gilt.

Gebärdensprache: Kein Handicap, sondern eigene Kultur

Heidrun Barth fühlt sich fest verwurzelt in der Gehörlosenkultur. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dafür plädiert zum Beispiel Heidrun Barth aus Pirna. Sie selbst ist in einer gehörlosen Familie aufgewachsen und erzählte MDR Selbstbestimmt: "Anfangs wusste ich gar nicht, dass es eine andere Welt gibt, als die der Gehörlosen." Sie fühlt sich fest verwurzelt in der Gehörlosengemeinschaft und die hat für sie neben der eigenen Sprache auch eine eigenständige Kultur.

In dem Kinofilm "Stille Angst" spielte Heidrun Barth die weibliche Hauptrolle. Ein Krimi, der 2015 von einer Gehörlosen-Crew und mit gehörlosen Darstellern gedreht wurde. Die Kinosäle Deutschlands waren bei jeder Aufführung ausverkauft, wie sich Heidrun Barth erinnert.

Kurz erklärt: Gebärdensprache

Schauspielerin und Tänzerin Kassandra Wedel: Harter Kampf um Akzeptanz

Auch Kassandra Wedel vertraut auf die Gebärdensprache und darauf, die Welt mit ihren anderen Sinnen wahrnehmen zu können. Im Alter von drei Jahren hatte sie bei einem Unfall ihr Gehör verloren. Bis zum Alter von 18 Jahren trug sie Hörgeräte. Dann entschied sie sich, sie abzulegen. Erst in der 12. Klasse bekam sie eine Gebärdendolmetscherin. Sie absolvierte ihr Abitur und studierte Theaterwissenschaften in München.

Die gehörlose Tanzlehrerin Kassandra Wedel (l) tanzt mit ihrer Hip-Hop-Gruppe. Sie selbst gilt als eine der Weltbesten in dem "Fach" - so wie sie 202 für ihre Interpretation zum 1. Satz der 5. Beethoven-Sinfonie den Opus Klassik in der Kategorie Video bekam. Bildrechte: dpa

Heute arbeitet die 36-Jährige als Tänzerin und Schauspielerin, so wirkte sie beispielsweise im Tatort "Totenstille" mit und interpretierte im Beethoven-Jahr 2020 den ersten Satz der 5. Sinfonie des Komponisten, der im Alter selbst ertaubte. Zur Vorbereitung beobachtete sie das Orchester, erzählt die Künstlerin, die selbst Klavier spielt und sagt dazu: "Unsere Körper sind Ohren, Ihrer auch." Für ihre Performance erhielt sie den Opus Klassik in der Kategorie Bester Videoclip.

Dennoch sagt sie, um Akzeptanz müsse sie immer noch kämpfen. Auch wenn sie inzwischen viele Erfolge verbuchen kann und seit Juni 2022 eine feste Rolle als Oberärztin Dr. Alica Lipp in der ARD-Vorabendserie "In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte" hat.

"Wir sind nicht defizitorientiert"

Die Gemeinschaft der Gehörlosen sei nicht defizitorientiert, so bringt es Thomas Mitterhuber, Chefredakteur der Deutschen Gehörlosenzeitung, auf den Punkt und erklärt er so auch den kritischen Blick auf technische Hilfsmittel wie Cochlea Implantate (CI): "Der springende Punkt ist eigentlich, dass sich die Gehörlosengemeinschaft vor 20, 30 Jahren so stark gegen das CI gewendet hat, weil sie gemerkt hat, dass von der Gesellschaft Gehörlose als Behinderte gesehen wurden und diese Behinderung repariert werden sollte durch das CI. Die haben einen ganz anderen Blick auf uns. Wir sind gar nicht so defizitorientiert in unserer Haltung. Wir sagen, dass wir eine sprachliche Minderheit sind und eine kulturelle Gemeinschaft."

Entscheidung für und wider CI-Implantat

Cochlea Implantat: Über 50.000 Menschen in Deutschland tragen mittlerweile ein CI. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sich für oder gegen ein technisches Hilfmittel zu entscheiden, ist für gar nicht so wenige junge Eltern eine Frage, der sie sich stellen müssen. Denn eins von 1.000 Kindern kommt mit einem schweren Hörschaden auf die Welt. Somit handelt es sich um eine der häufigsten Behinderungen. Für gehörlos Geborene gehört das Cochlea-Implantat bereits zur Standardversorgung, verbunden damit ist die Verheißung, später ein "normales Leben" führen zu können.

Die Operation - immerhin ein Eingriff knapp am Gesichtsnerv vorbei - erfolgt schon in den ersten 24 Monaten, um das Sprechenlernen nicht zu sehr zu verzögern, weil es die geistige Entwicklung insgesamt beeinflusst. Entscheidend sind dafür die ersten vier Lebensjahre. Astrid Braun vom Cochlear-Implant-Rehabilitationszentrum Halberstadt schätzt ein, dass die Hälfte danach ausreichend hört, um die Sprache befriedigend zu lernen.

Programmtipp

Gebärdensprache als Brücke

Doch was ist mit den anderen 50 Prozent? Für sie kann das Erlernen der Deutschen Gebärdensprache (DGS) eine Brücke sein. In Deutschland wurden vor nunmehr 20 Jahren mit dem Behindertengleichstellungsgesetz die Grundlagen zur Anerkennung der DGS als als eigener Sprache gelegt. Doch Eltern müssen die Förderung zum Erlernen immer noch oft vor Gericht erstreiten. Auch auf dieses Handicap möchten Betroffene zum Tag der Gehörlosen hinweisen.

Stichwort: Tag der GehörlosenDer Tag der Gehörlosen wird hier seit Mitte der 1970er-Jahre begangen und 1951 vom Weltverband der Gehörlosen ins Leben gerufen. Er wird jeweils am letzten Sonntag im September begangen und beendet die Weltwoche der Gehörlosen.

Abgesehen von den 80.000 gehörlosen Menschen in Deutschland gibt es nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes ca. 16 Millionen Schwerhörige. Ca. 140.000 davon haben einen Grad der Behinderung von mehr als 70 Prozent und sind auf Gebärdensprach-Dolmetscher angewiesen.

Über 50.000 Menschen in Deutschland tragen mittlerweile ein CI. Darunter sind immer mehr Senioren, bei denen die Hörgeräte nicht mehr weiterhelfen. Sie sollen durch das Implantat wieder mehr Lebensqualität erhalten. Auch gegen Demenz soll das CI vorbeugen.

Die Kosten von bis zu 40.000 Euro inklusive Nachsorge übernehmen in der Regel die Krankenkassen. Im Schnitt hält ein Cochlea Implantat 20 bis 25 Jahre.
Noch kann das elektronische das natürliche Gehör nicht ersetzen. Aber die Entwicklung der Implantate geht weiter.

Gebärdensprache 2021 als Immaterielles Kulturerbe anerkannt

Inzwischen wurde die Deutsche Gebärdensprache (DGS) im März 2021 zum Immateriellen Kulturerbe erklärt und damit von der Deutschen Unesco-Kommission als "soziales und kulturelles Fundament der deutschen Gehörlosengemeinschaft" anerkannt. Der Wortschatz der DGS umfasst 250.000 Gebärden. Dennoch handelt es sich nicht etwa um eine Zeichensprache, sondern um eine eigene Sprache mit eigener Grammatik. So existiert in jedem Land eine nationale Gebärdensprache, in der wiederum regionale Dialekte existieren. Im Gegensatz zur Lautsprache fordert sie ständigen Blickkontakt und verlegt die Bedeutung des Lautes auf die von Mimik und Gestik. Auch Hörende können sie erlernen und so Barrieren überwinden helfen.

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 25. September 2022 | 08:00 Uhr