Interview mit der Autorin und MDR Selbstbestimmt!-Talkerin Jennifer Sonntag: "Es ist nicht schrecklich blind zu sein"

Im Magazin von MDR Selbstbestimmt lädt Jennifer Sonntag Gäste zu einem Perspektivwechsel ein. Denn die TV-Talkerin ist blind. Aus Anlass des Tags des weißen Stocks haben wir die Hallenserin zu den Hürden der Inklusion befragt.

Selbstbestimmt-Moderatorin Jennifer Sonntag
Die Moderatorin und Autorin Jennifer Sonntag Bildrechte: MDR/ Andreas Lander

Seit zehn Jahren stellten Sie die SonntagsFragen bei MDR Selbstbestimmt. Im Gespräch mit Fabian Kahl, sagten Sie: Es sei nicht schrecklich blind zu sein, Blindheit schrecklich zu finden - das sei das Problem. Wie war das für Sie selbst, als Sie in jungen Jahren erfuhren, dass Sie das Augenlicht verlieren werden? Konnten Sie da so rational reagieren - und "den Schalter umlegen"?

Nein, natürlich nicht. Am Anfang war da erstmal Schock und Abwehr und Verleugnung. Gerade als Jugendliche mit 18 Jahren kann man sich was anderes vorstellen für sein Leben. Ich bin dann in die Punk-Szene gegangen und wollte nochmal richtig feiern, bevor ich ganz erblinde. Rebellion, Aggression, Rückzug und Wut auf die Sehenden - all diese Phasen habe ich durchlaufen. Aber dann kommt die Trauerbewältigung, das Suchen nach neuen Möglichkeiten. Man ist ja trotzdem noch mit Gehirn ausgestattet und kann vieles neu erlernen. Den Blindenstock habe ich anfangs abgelehnt, ich wollte nicht als Behinderte sichtbar sein, doch dann war es eine Erlösung, ihn zu benutzen. Irgendwann bin ich bei dieser Möglichkeit angekommen, mich dafür zu entscheiden, auch mit der Blindheit glücklich leben zu wollen.

Es ist nicht schrecklich blind zu sein, Blindheit schrecklich zu finden. Das ist das Problem.

Jennifer Sonntag

Was hat Ihnen geholfen, ihren Alltag neu zu organisieren?

Also erstmal, sich neue Ziele zu setzen, aktiv zu sein, Menschen zu begegnen und zu schreiben. Immer wenn irgendeine Tür zuging, habe ich geguckt, welche andere Tür geht auf? Ich musste viele krumme Wege gehen, doch da trifft man eben auch krumme Gestalten, also besondere Menschen. Ich selbst bin ja auch so eine krumme Gestalt im übertragenen Sinne. All das führt zu viel mehr Lebenserkenntnis und Lebensqualität, weil man mehr sieht und erfährt über die Welt.

Das klingt philosophisch, aber wie war es ganz praktisch: Wie konnten Sie denn schreiben, ohne zu sehen?

Ja, das war tatsächlich ein Problem. Ich habe damals Sozialpädagogik studiert in Merseburg und wollte eigentlich als Streetworkerin in der Drogenhife arbeiten. Ich habe mich umorientiert auf Reha-Pädagogik. So weit so gut. Doch im Studium habe ich meine Bücher ja nicht mehr lesen können oder die Präsentationen. Ich war noch nicht ganz erblindet, wusste aber, das kommt. Die Behörden meinten, ich sei der Lautsprache noch mächtig und deswegen nicht auf Schriftsprache angewiesen. So habe ich keine Punktschriftmaschine bekommen. Doch wie sollte das gehen: Arbeiten verfassen, Prüfungen schreiben über Lautsprache? Das war ein harter Kampf. Ich habe damals eine richtigen Erblindungsschub erlebt, weil meine Augen permanent überfordert waren. Unterstützung kam von der Familie, Kommilitonen und einem kreativen Professor.

Irgendwann konnte ich dann auf meinen "sprechenden Computer" zurückgreifen, das war eine Offenbarung für mich. Der Screenreader überträgt die Schrift in Worte und liest mir alles vor, gleichzeitig kann ich noch eine "Braille-Zeile" anschließen, alles, was auf dem Bildschirm sichtbar ist, kann ich darüber in der Punktschrift abtasten. So kann ich mich im Internet umschauen. Das alles ist ein Riesengeschenk, auch wenn ich meine geliebten Stifte bei der kreativen Arbeit immer noch vermisse und jetzt mit diesem toten Körper arbeite, der der Computer ja eigentlich ist.

Was hilft Ihnen, wenn Sie unterwegs sind?

Es gibt inzwischen Smartphone-Technologien, die für Blinde gut funktionieren, also Apps, über die man mit dem Finger gleitet und die mit einer Sprachausgabe reagieren - Navigations-, Fahrplan- oder sogar Farberkennungsapps. Es braucht allerdings schon ein bisschen Übung, beim Bedienen nicht gleich mehrere Apps anzutippen oder in die falsche Buchstabenreihe zu rutschen, wenn man mal zittrige Hände hat oder beim Lärm um sich rum, die Sprachausgabe nicht verstehen kann. Trotzdem ist das eine tolle neue Möglichkeit, der man sich nicht verschließen sollte.

Sie sind Inklusionsbotschafterin und nennen sich eine "Zwischenweltlerin", weil sie beide Welten - die der Sehenden und die der Blinden - kennen. Welche Barrieren haben Sie erlebt?

Ich habe 16 Jahre in einem helfenden Beruf gearbeitet, als Sozialpädagogin im Berufsförderungswerk für Sehbehinderte und Blinde in Halle. Ich entwickelte ein Projekt, "Sensorische Räume", in denen Sehende nachempfinden können sollten, wie es ist, im Dunklen zu leben. Es ging mir immer um den Austausch zwischen den Welten. Als ich selber mal Hilfe brauchte, musste ich aber ganz persönlich den Ausschluss erfahren. Ich bin Tinnitus-Patientin und wurde in fünf Tinnitus-Zentren abgewiesen, weil das Therapieprogramm blinde Patienten nicht vorsah. Als Inklusionsbotschafterin der "Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben" habe ich begonnen, zur gesundheitlichen Versorgung Behinderter zu recherchieren und zu publizieren, um eine Tür aufzutreten, damit Leute überhaupt erstmal sehen, dass das ein Thema ist. Genauso wie Mobbing am Arbeitsplatz, Sexualität oder Hilfsmitteldesign.

Über Behinderungen spricht keiner gern, welchen Schalter müssten wir im Kopf umlegen, damit sich was ändert im Umgang? Was würden Sie sich wünschen, damit Inklusion gelingen kann?

Ich sage immer, sozialer Umgang heißt nicht, einander sozial zu umgehen. Keiner kann von außen draufgucken auf die Gesellschaft und sagen: Wir machen Inklusion, wir machen keine Inklusion. Wir sind ja alle mittendrin und Teil davon. Das zu erkennen, wäre der Wunsch. Jeder zehnte Bundesbürger ist von einer Behinderung betroffen, die meisten sind nicht angeboren, sondern Folge eines Unfalls oder einer Erkrankung. Insofern ist es ein Thema, das für jeden greifbar ist. Ob es der Nachbar, der Kollege, der Freund ist - irgendwann begegnet uns dieser "jeder Zehnte". Das soll keine Angst machen, das ist ja alles zu bewältigen, aber das geht eben besser, wenn sich mehr Menschen für Inklusion engagieren.

Wie weit sind wir denn gekommen, welche Art der Begegnung prägt Ihren Alltag?

Ich habe jetzt einen Blindenführhund, das ist nochmal eine neue Welt. Da gibt es Leute, die sehr rücksichtsvoll sind. Ein Problem ist es natürlich, wenn Müll oder Glasscherben auf der Straße legen, die so einen Hund außer Gefecht setzen können. Oder es wird geparkt auf Fußwegen, so dass wir auf die Straße ausweichen müssen. Manchmal laufen die Leute mitten in das Führhundgespann rein. Es ist immer alles dabei: Manche Leute sind sehr offen und interessiert, manche sind "blind" im übertragenen Sinne.

Aber: Ich habe ein dickeres Fell als früher. Da hat mich noch jeder Spruch verletzt. Heute weiß ich, die Leute können teilweise nicht anders, die kommen da noch nicht gedanklich mit. Deswegen ist Inklusion ja so wichtig: Wenn Behinderung anerkannt ist, hat man als Betroffener auch nicht so große Probleme, sie für sich selbst zu akzeptieren. Je mehr Vorurteile kursieren, je angespannter eine Gesellschaft ist, desto schwieriger wird es für den Einzelnen.

Die Fragen stellte Katrin Schlenstedt.

Zur Person: Jennifer Sonntag Zehn Jahren stellt sie die SonntagsFragen im Magazin von Selbstbestimmt. Heute llässt sie ihre Talk-Gäste die Welt "mit anderen Augen" sehen. Außerdem arbeitet Jennifer Sonntag als Autorin. In ihren Büchern versucht sie als "Zwischenweltlerin", die Barrieren zwischen Blinden und Sehenden zu überwinden. In "Verführung zu einem Blind Date" vermittelt sie, wie es ist blind zu sein. Im Neuen Theater in Halle realisierte sie dazu auch "Dunkellesungen". In "Der Geschmack von Lippenrot" gibt sie Blinden Tipps zu Stilfragen. Darin geht es nicht nur ums Outfit, sondern um Selbstwahrnehmung und die Entwicklung eines inneren Bildes von sich selbst, da das äußere Blinden abhanden gekommen ist.

Die Hallenserin, Jahrgang 1979, studierte Sozialpädagogik in Merseburg. Mit etwa 18 Jahren erfuhr sie, dass sie aufgrund einer Erbkrankheit ihr Augenlicht verlieren würde. Ihr Ziel, als Streetworkerin in der Drogenhilfe zu arbeiten, gab sie auf und orientierte sich auf Reha-Pädagogik um. 16 Jahre arbeitete sie im Berufsförderungswerk für sehbehinderte und blinde Menschen (BFW) in Halle. Heute setzt sie sich als Inklusionsbotschafterin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. für die Belange von sehbehinderten und blinden Menschen ein.
Außerdem schreibt sie für kobinet.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | selbstbestimmt! Das Magazin | 03. Juni 2018 | 08:00 Uhr