Eisenach Thüringen eröffnet Themenjahr "Welt übersetzen"

Vor 500 Jahren lebte Martin Luther im Exil auf der Wartburg – und übersetzte dort, um den Jahreswechsel 1521/22 herum, in wenigen Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Ein Werk mit Folgen: für die Christenheit, aber auch für die deutsche Sprache. Zu diesem Jubiläum hat das Land Thüringen am Reformationstag in Eisenach ein Themenjahr mit dem Titel "Welt übersetzen“ eröffnet. Wie werden die Ereignisse von damals für uns heute greifbar – und: was erwartet uns im Themenjahr?

Die Wartburg bei Eisenach
Die Wartburg bei Eisenach: Hier übersetzte Martin Luther das Neue Testament Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was da vor 500 Jahren geschah, sei auch heute ganz aktuell, meint der Jenaer Historiker Werner Greiling. Denn Luthers Übersetzung sei auch ein herausragendes Sprachereignis. In einer Zeit, in der sehr viel über Sprache und Sprachveränderung diskutiert werde, sei seine Bibel-Übertragung eminent aktuell.    

Luther zeige, so Greiling, dass sich Sprachveränderung nicht von oben aufdrücken lasse, sondern dadurch entstehe, dass eine Person wie Luther, mit großem sprachlichen Vermögen, dem Volke aufs Maul geschaut und dann Vereinheitlichungen geschaffen habe. Luther etablierte eine bestimmte Normsprache, die dann auch der Verständigung in der gesamten Gesellschaft diente. 

Da ist der Historiker ganz nahe beim Theologen: Auch der Eisenacher Superintendent Ralf-Peter Fuchs hebt Luthers besondere Art des Übersetzens hervor.

Er hat immer auch seinen Gegenüber im Blick gehabt. Er hat immer auf die Leute hin übersetzt, er hat auf deren Ohren hin übersetzt. Das ist dann auch wirklich ein Über-Setzen und ein Ringen um eine Sprache, die verbindet und nicht trennt. Und das ist auch ein Anspruch, den er an unser heutiges Sprechen stellt.

Superintendent Ralf-Peter Fuchs

Luthers Sprachgebrauch als Herausforderung und Prüfstein? Wie gehen wir heute mit Sprache um? Nutzen wir sie, um zu verbinden – oder um zu trennen? Dieses Thema zieht sich durch das gesamte Jubiläumsjahr. Auf der Wartburg wird es dazu eine weitere Sonderausstellung geben, so Frau Burghauptmann Franziska Nentwig.

Eine Ausstellung von der Macht der Worte: Uns geht es tatsächlich darum nachzuvollziehen, was hieß Übersetzen damals, was heißt es heute? Gibt es Dinge, die vergleichbar sind? Wie ist überhaupt die Geschichte des Übersetzens von so wichtigen Schriften wie der Bibel?

Frau Burghauptmann Franziska Nentwig

Mit der "Kraft der Worte" können sich im kommenden Jahr Besucher bei einer Festwoche des Kirchenkreises in Eisenach auseinandersetzen, kündigt Superintendent Ralf-Peter Fuchs an. Schon in diesem Jahr haben zwei Gottesdienst-Reihen zum Jubiläum begonnen.

Bibel in Bildern

Eine logistische Herausforderung ist auch ein künstlerisches Jubiläumsvorhaben des Kirchenkreises: Die Bibel des Stuttgarter Künstlers Willy Wiedmann soll im kommenden Jahr gezeigt werden.

Die Wiedmann-Bibel ist das gesamte Alte und Neue Testament in Bildern. 3333 Bilder – auch eine Form des Übersetzens. Nicht in Musik, wie bei Bach, nicht in Sprache, wie bei Luther, sondern in Bilder, wie bei Wiedmann.

Superintendent Ralf-Peter Fuchs

Sämtliche Bilder sollen sich Besucher auf einem Fußweg hoch zur Wartburg anschauen können. 

Rolle der Sprache

Die Stadt Eisenach plant außerdem im kommenden Jahr Kunstprojekte mit Studierenden der Hochschulen in Münster und Halle-Burg Giebichenstein zum Thema Über-Setzen. Außerdem soll es Workshops für Schüler geben, sagt der zuständige Amtsleiter Reinhold Brunner.

Zum Beispiel Fragen zur Politik-Sprache, Fragen zu Sprache und Gewalt, auch der sich vermeintlich immer mehr zuspitzenden Konflikt von kultureller Hochsprache und Alltagssprache. Das sollen die Themen sein, mit denen sich junge Leute auseinandersetzen. Und die sollen dann ihre Ergebnisse auch der Öffentlichkeit präsentieren.

Amtsleiter Reinhold Brunner

Welt übersetzen – in Kunst, Musik und Sprache – so soll Luthers 500 Jahre altes Werk im Themenjahr zur Auseinandersetzung anregen.

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Moderator im Studio 3 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 31. Oktober 2021 | 09:15 Uhr