Geschichte eines Chores Die Thomaner - seit über 800 Jahren Weltklasse

Vor mehr als 800 Jahren wurde in Leipzig eine Musiktradition begründet, die noch immer in alle Welt strahlt. Die Thomaner begeistern mit ihrer Sangeskunst - ob unter Thomaskantor Johann Sebastian Bach oder unter Georg Christoph Biller. 2012 feierten die Thomaner ihr 800. Jubiläum.

Im Kloster St. Thomas wird auf Initiative von Markgraf Dietrich von Meißen eine Klosterschule begründet. Am 20. März 1212 besiegelt eine Urkunde von Kaiser Otto IV. diese Gründung auch offiziell. In der Schule soll der geistliche Nachwuchs des Klosters ausgebildet werden. Eine kleine "Gegenleistung" der Schüler führt zu einem der prachtvollsten und ältesten musikalischen Vokalensembles der Welt: den Thomanern.

Die Schüler lernen nicht nur Latein und Bibelkunde, sie singen auch zu allen möglichen Anlässen des Jahres, zu Taufen, Geburten, Begräbnissen und natürlich den Gottesdiensten. In den ersten Jahrhunderten ist ihre Anzahl auf 24 Chorsänger beschränkt. Später werden es mehr und heute singen etwa 100 Chormitglieder bei den Thomanern.

Eckpfeiler der Leipziger Musiktradition

Im Jahr 1254 öffnet sich die Schule auch Schülern, die nicht für das Kloster ausgebildet werden. Gegen Zahlung von Schulgeld können auch Bürger Leipzigs ihre Kinder in die Lerneinrichtung des Klosters schicken. Damit ist die Thomasschule auch eine der ältesten öffentlichen Schulen Deutschlands.

Die Thomaner singen bald nicht nur zu kirchlichen Anlässen. So werden sie auch von der Stadt Leipzig berufen. Bei der Gründung der Leipziger Universität  im Jahre 1409 sorgen Thomaner beispielsweise für einen angemessenen musikalischen Rahmen.

Durch die Reformation im 16. Jahrhundert kommt es zu gewaltigen Veränderungen. Ab 1543 wird die Thomasschule der städtischen Verwaltung unterstellt und damit auch der Thomanerchor. Das zwischenzeitlich säkularisierte Kloster wird abgerissen. Die Thomaskirche bleibt jedoch erhalten. 1553 erhält die Thomasschule ein neues Gebäude direkt neben der Kirche, das bis zum Jahr 1902 zur Heimstätte der Schüler werden soll. Die Tätigkeit der Thomaner ändert sich auch trotz der Umbrüche nicht. Sie singen weiterhin bei Gottesdiensten, Taufen und Begräbnissen.

Ein Bewerbungskrimi

Georg Philipp Telemann
Eigentlich sollte Georg Philipp Telemann Thomaskantor werden, er sagte jedoch ab Bildrechte: dpa

Eine der prägendsten Phasen des Chores soll mit einem geradezu unwürdigen Bewerbungskrimi beginnen. Die Stelle des Thomaskantors, also des musikalischen Leiters der Thomaner, muss im Jahr 1722 neu besetzt werden, nachdem der Vorgänger Johann Kuhnaus am 5. Juni 1722 stirbt. Es erfolgt ein musikalisches Vorspiel der Bewerber, bei dem sich die Entscheidungsträger der Stadt einstimmig für Georg Philipp Telemann als Gewinner entscheiden. Telemann hat schon in Leipzig studiert und schon früher u.a. Kantaten für die Thomaskirche komponiert. Doch Telemann erhält plötzlich bei seiner Anstellung in Hamburg eine saftige Lohnerhöhung - und sagte in Leipzig ab.

Es erfolgte eine zweite Kantoratsprobe, bei der auch Johann Sebastian Bach vorspielt. Der Rat entscheidet sich jedoch für Johann Christoph Graupner, damals Kapellmeister in Darmstadt. Doch auch hier kommt es zu einer unerwarteten Absage. Der hessische Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt verbietet Graupner einen Wechsel nach Leipzig. Und er legt auf Graupners Gehalt noch einen beachtlichen Betrag drauf.

Bach als "dritte Wahl"

Erst im dritten Anlauf entscheidet man sich in Leipzig für die Besetzung der Stelle des Thomaskantors mit Johann Sebastian Bach. Einer der größten Komponisten der Musikgeschichte ist also ursprünglich in Leipzig nur "dritte Wahl". Die Entscheidung, letztlich Johann Sebastian Bach zum Thomaskantor zu küren, hat sich - wie bekannt - bezahlt gemacht. In Leipzig komponiert Bach bis zu seinem Tod im Jahre 1750 zahlreiche seiner bedeutendsten Werke.

Um sich ganz der Musik widmen zu können, kauft sich Bach übrigens aus dem eigentlich verpflichtenden Schuldienst als Lateinlehrer frei. Dafür opfert er die Hälfte seines festen Jahreseinkommens. Andererseits verdient Bach durch freie Komponistenaufträge ein Vielfaches seines öffentlichen Gehalts. Der Nachwelt sind dadurch viele Werke Bachs geschenkt worden, die er in der Zeit geschrieben hat, in der er sonst die Lateinarbeiten seiner Schüler hätte korrigieren müssen.

Musikalische Traditionspflege - nicht nur für Leipzig

Bis heute ist Johann Sebastian Bach als Thomaskantor die Lichtgestalt der Thomaner geblieben. Sein musikalisches Ansehen verhalf und verhilft dem Chor und auch der mitteldeutschen Heimat zu internationalem Ansehen und zu einem festen Platz in der Kulturgeschichte.

Die Pflege von Bachs Nachlass ist daher bis heute ein Eckpfeiler der lebendigen Tradition der Thomaner. Auch in wandelnden geschichtlichen Zeiten, so während der Nazi-Diktatur oder in der säkularisierten Zeit der DDR, fühlen sich die Thomaner ihrem musikalischen Erbe verpflichtet. Bis heute tragen sie es in alle Welt, ob mit Konzerten oder auf Tonträgern. Und auch in Leipzig sind und bleiben die Thomaner fester Bestandteil der Kultur. Jeden Freitag, Samstag und Sonntag singen sie in der Thomaskirche.

Die Thomaskirche in Leipzig
Die Thomaskirche ist bis heute das musikalische Zentrum der Thomaner. Bildrechte: MDR/Julia Rubner

Zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2012, 08:31 Uhr