Reportage Die Haut voller Bilder - Was steckt hinter dem Trend zum Tattoo?

Kompass und Landkarte lässt sich Florian Silbereisen, der neue Kapitän auf dem "Traumschiff", gerade in die Haut ritzen. Bela B. trägt lieber Tattoo statt Pelz. Jeder fünfte Deutsche schmückt seinen Körper damit, laut einer Studie der Uni Leipzig. Gehören Tattoos also mittlerweile zu unserem Schönheitsideal? Warum entscheiden sich in unserer schnelllebigen Zeit so viele für etwas, das eigentlich ewig währt?

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Nah dran Do 31.01.2019 22:35Uhr 05:01 min

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Das erste Tattoo ließ sich Ve Klauser schon mit 17 machen: "Ich dachte, ich lasse mir die Namen und das Geburtsdatum von meinen Eltern auf den Rücken tätowieren, da können sie ja nicht so sauer sein", erinnert sie sich lachend.

Eine junge Frau telefoniert vor einem Computermonitor
!Wie eine Schutzhülle" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die 26-jährige Thüringerin arbeitet derzeit in einem Autohaus, zugleich ist sie Model. Heute kann sie ihre Tätowierungen nicht mehr zählen, um die 10.000 Euro hat sie dafür schon ausgegeben.

Für sie sind die Bilder auf ihrer Haut mehr als ein teurer Schmuck: "Auf der einen Seite empfinde ich sie als Verschönerung, auf der anderen Seite sind sie wie eine Schutzhülle für mich, dass man nicht so angreifbar ist für andere ... und man verarbeitet Sachen damit, Erlebnisse und schließt damit vielleicht einfacher ab."

Quer durch die Gesellschaft: Vom Banker bis zur Krankenschwester

Ein Tattoo auf einem Arm
Von der Vorlage auf die Haut Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im thüringischen Saalfeld betreiben Klemens Spangenberg und Scarlett Habermann ein Tattoo-Studio namens "Das dritte Loch". Sie bestätigen den Trend zum Tattoo, der quer durch die Gesellschaft geht, vom Banker bis zur Krankenschwester kommen sie unter ihre Nadel. Allerdings gebe es auch immer mehr, die vorher nicht groß nachdächten, dass ein Tattoo für immer sei, sagt Klemens. Natürlich sei das gut fürs Geschäft. Er sehe sich aber in der Verantwortung, auch mal von einem Tattoo abzuraten: "Ich würde keinem zwangsläufig ins Gesicht tätowieren (...) oder in den Finger. Das ist heutzutage so ein Trend. Das sieht frisch immer alles gut aus, aber abgeheilt, ist es oft eher ein Schandfleck."

Studie Tätowierungen haben ihren Weg raus aus der subkulturellen Szene gefunden. Zum Thema Tätowierung, Piercing und Körperhaarentfernung ließ die Universität Leipzig 2.510 Ost- und Westdeutsche im Alter von 14 bis 94 Jahren, darunter 1.171 Männer und 1.339 Frauen, befragen. Die Daten aus dem Herbst 2016 wurden verglichen mit den Befragungen aus den Jahren 2003 und 2009.

* Jede/r Fünfte in Deutschland trägt ein Tattoo.
* Vor allem junge Frauen im Alter von 25 bis 34 Jahren (44 %) haben "stark aufgeholt und sind inzwischen häufiger tätowiert als die jungen Männer" (41,4%).
* Auch nach Bildungsgrad und Erwerbstätigkeit wurde gefragt: Demnach trugen 6,5% der Personen mit Abitur mehrere Tattoos, mehr als 10% ohne Abitur. Jede/r fünfte Erwerbslose trug mehrere Tatttoos gegenüber 8,7 Prozent bei den Erwerbstätigen.

Quelle: Selbständige Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig, Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes USUMA

Vor dem Urlaub mal noch schnell ein Tattoo?

Ein Mann mit Brille
Klemens Spangenberg rät auch mal ab vom schnellen Tattoo. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tätowiert wird bei Spangenberg und Habermann erst ab 18 und mit dem Willen, gut zu beraten. Kunden kommen oft mit fertigen Motiven von Promis oder aus sozialen Netzwerken, berichtet Klemens. Originell seien die nicht immer, auch nicht mit tieferem Hintergrund. Oft solle es dann schnell gehen. Vor dem Urlaub mal noch schnell ein Tattoo - warum nicht? Manche Leute seien ein bisschen so wie im Shoppingwahn, "dass die hier reinkommen und sagen: 'Was, heute wird es nichts mehr? Na dann nicht, dann mache ich es mir halt gar nicht oder woanders. Es ist so ein bisschen, wie eine Hose zu kaufen oder ein paar neue Schuhe. Ich glaube, das hat schon viel mit der heutigen Zeit zu tun, wie sich der Konsument verhält, ja.“

Von floral bis Tribal Von Bela B. über Silbereisen bis Arturo Vidal - Wer alles so Tattoo trägt

Ein Mann mit einer Tätowiernadeln
Klemens Spangenberg aus Saalfeld rät manchmal auch ab, vom schnellen Tattoo vorm Urlaub, von Gesichts- oder Finger-Zeichnungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann mit einer Tätowiernadeln
Klemens Spangenberg aus Saalfeld rät manchmal auch ab, vom schnellen Tattoo vorm Urlaub, von Gesichts- oder Finger-Zeichnungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Florian Silbereisen lässt sich einen Kompass und eine Landkarte auf den linken Arm tätowieren.
Kompass und Landkarte lässt sich Florian Silbereisen, der neue Kapitän auf dem "Traumschiff", gerade in die Haut ritzen. Bildrechte: dpa
Tattoo
In Japan wurde schon im 3. Jahrhundert tätowiert, als Körperschmuck, zur Abwehr des Bösen, aber auch zur Brandmarkung Krimineller. Später waren Tattoos den Outlaws wie der japanischen Mafia oder den amerikanischen Rockergangs vorbehalten. Bildrechte: IMAGO
Arturo Vidal (FC Bayern München) mit nacktem Oberkörper nach dem Spiel.
Fußballer stehen auf Tribals. Bildrechte: imago/Ulmer
Ein frisches Tattoo auf einem Unterarm
Eine der Kundinnen von Klemens Spangenberg möchte Blumen und die Schriftzüge ihre Enkel und Töchter auf dem Unterarm tragen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Aber auch damit, wie breit akzeptiert Tattoos in der Gesellschaft inzwischen sind. Trotzdem können sie immer noch zum Problem werden, beim Arbeitgeber oder sogar vor Gericht. Ve arbeitet seit einem halben Jahr im Autohaus, wo sie auffällt. Geschäftsführer Wilfried Opitz gibt zu, dass er beim Einstellungsgespräch dachte, "wie könnten Kunden reagieren, und der ein oder andere wird sich Gedanken machen, aber Negatives ist bisher nichts aufgetreten."

Ves Eltern gefiel es nicht, dass sie das erste Tattoo ohne Erlaubnis machte. Doch ihren Vater brachte sie mit einem Tattoo-Gutschein inzwischen auf den Geschmack. Dass es bei ihm inzwischen mehrere Bilder auf der Haut geworden sind, erklärt Jens Klauser mit einem ganz praktischen Grund: "Weil halt das eine Ding so ein bisschen bescheiden aussah, da macht man halt weiter." Ves Mutter Birgit aber will den Trend nicht mitmachen: "Ich bin nicht so 'ne Coole."

Stichwort: Tattoo – Geschichte und Geschichten * 3.400 v.u.Z. – Schon Ötzi zeigt Tattoos bzw. tätowierte Linien, u.a. an der unteren Wirbelsäule

* 3. Jh. – Anfänge der Tätowierung in Japan: als Körperschmuck, zur Abwehr des Bösen aber auch zur Brandmarkung Krimineller – vier Striche wurden so auf der Stirn angeordnet, dass das Schriftzeichen für "Hund" entstand

* 1066 –Tattoo-Verbot in England nach der Eroberung durch die Normannen, die diese Sitte barbarisch fanden

* 1769 – Der britische Seefahrer James Cook entdeckt die Welt der Körperbilder in Polynesien. Matrosen lassen sich Tattoos von Einheimischen stechen, die ersten Tätowierer tauchen bald in britischen Seehäfen auf.

* 1846 – Eröffnung des ersten New Yorker Tattoo-Studios in Manhattan

* 1891 – Samuel O'Reilly konstruiert die erste, elektrisch betriebene Tätowiermaschine mit Drehzylindern, die Nadeln auf und ab führen, um die Farbstoffe unter die Haut zu bringen; die neue Technologie sorgt für einen Aufschwung der Branche.

* In der ersten Hälfte des 20. Jh. erreichen Underground-Tätowierkünstler Kultstatus. See- und Zirkusleute sind die Klientel. Seeleute und Soldaten machen später den Großteil der Kundschaft in den großen Hafenstädten aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen Outlaws wie die Hell's Angels Tattoos. In den 1960ern macht Janis Joplin Tattoos auch in anderen Kreisen hip, nachdem sie sich eine Blume ans Handgelenk stechen lässt.

* Heute sind Tattoos Mainstream.

Quelle: Carey Hart: Tattoos und ihre Geschichten

Wandel in der Wahrnehmung: Tattoos als Schmuckstück und verewigte Geschichte

Ist man mit Tattoo noch cool oder eher normal? Zumindest kann man fast überall eins bekommen. Allein in der 25.000-Einwohnerstadt-Saalfeld gibt es drei Studios. Klemens sagt, gemeinsam mit seiner Freundin habe er sich inzwischen eine Stammkundschaft aufbauen können: "Es ist eine Vertrauensbasis, die du haben must, um deinen Körper jemand anderem in die Hand zu geben."

Eine junge Frau tätowiert eine andere Frau
Margit Räthe lässt sich Namenszug von Enkeln und Töchtern tätowieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Margit Räthe ist schon zum zweiten Mal da. Nach einem Tattoo für die Enkel, wollten auch ihre Töchter einen Platz auf ihrem Arm. Dass sie 63 ist und im öffentlichen Dienst arbeitet, ist für sie kein Argument gegen eine Tätowierung: "Das Klischee hat sich halt verändert. Früher ist das immer so ein bisschen in die untere Schublade gekommen, wenn jemand ein Tattoo hatte. Mittlerweile ist das für mich ein Schmuckstück."

Ein Tattoo zu entfernen, das hat kaum jemand im Hinterkopf, denn man will zeigen, wer man ist, was man erlebt hat. Auch die 26- Jährige Ve glaubt nicht, dass sie mal ein Motiv bereut: "Selbst wenn ich jetzt irgendwo einen Namen hätte, von einem Freund oder was weiß ich von wem, würde ich es mir trotzdem nicht wegmachen lassen, weil es gehört ja trotzdem irgendwo dazu. Meine Tattoos erzählen eine Geschichte und die Geschichte gehört dann auch irgendwo dazu."

Es werden noch mehr Geschichten folgen. Nur in ihrem Gesicht will sie keine weitere erzählen.

Florian Silbereisen 1 min
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Mo 28.01.2019 12:32Uhr 00:40 min

https://www.mdr.de/meine-schlagerwelt/video-269552.html

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 31. Januar 2019 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2019, 06:10 Uhr

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