Orthodoxe Christen Wie der Ukraine-Krieg die orthodoxen Kirchen spaltet

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige ist Experte für die Ostkirchen. Er erklärt, warum der Moskauer Patriarch hinter Putin steht. Und wie er die Rolle des Papstes angesichts des Ukrainekriegs sieht.

Russisch-orthodoxes Osterfest in Kiew , Ukraine
Das orthodoxe Osterfest wurde am 24. April gefeiert (Kiew, Ukraine). Bildrechte: imago/photothek

Ukrainisch-orthodoxe Christen und Christen in Russland haben gemeinsame Wurzeln. Vor vier Jahren kam es jedoch zu einem Bruch. Zahlreiche Gemeinden sagten sich von Moskau los, um eine eigene Ukrainisch-Orthodoxe Kirche zu gründen. Wie viele ukrainische Gläubige sich religiös noch immer an Moskau orientieren, ist derzeit unklar.

Mehrheit ukrainisch-orthodoxer Christen befürwortet Souveränität

Politisch sieht das anders aus. Der katholischen Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, sieht hier eine überraschende Einigkeit unter den Orthodoxen in der Ukraine: "Die meisten orthodoxen Christen sind für die Souveränität der Ukraine. Selbst die, die zur Moskauer Richtung gehören, verstehen den Patriarchen Kyrill und die Kirchenleitung in Moskau mit ihrer Positionierung nicht und sind darüber erbost."

Bischof Gerhard Feige
Gerhard Feige ist katholischer Bischof von Magdeburg. Bildrechte: IMAGO

Gerhard Feige war selbst Professor für Ostkirchenkunde, bevor er Bischof wurde. Die aktuellen Entwicklungen in Moskau und Kiew verfolgt er mit besonderem Interesse. Wenn der Moskauer Patriarch Kyrill alle Gegner Russlands als "Kräfte des Bösen" bezeichne, klinge das in westeuropäischen Ohren befremdlich. Doch in diesem Zusammenhang lohne der Blick in die Kirchengeschichte, sagt Gerhard Feige:

Die Abhängigkeit zwischen Kirche und Staat gibt es im Osten seit jeher.

Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg

Dies entspreche, so Bischof Feige, dem byzantinische Modell des Zusammenwirkens von Staat und Kirche: "Dieses Verhältnis hat eine ganz andere Entwicklung durchgemacht als im Abendland, wo es zum Kampf zwischen Kaiser und Papst kam, zum Canossa-Gang, und wo der Papst letztendlich als Sieger hervorging. Von daher haben die Kirchen im Abendland meist eine kritischere Haltung gegenüber dem Staat."

Bischof Feige: Papst zeigt politische Unabhängigkeit

Derzeit gibt es Versuche, über die Kanäle des Vatikan auf einen raschen Waffenstillstand hinzuarbeiten. Bei allen Äußerungen zum Krieg hat der Papst es bislang jedoch vermieden, Russland als Aggressor zu bezeichnen.

Wie Bischof Gerhard Feige sagt, zeigt das Oberhaupt der katholischen Kirche damit seine politische Unabhängigkeit. Das sei auch der Grund, warum Papst Franziskus bislang nicht nach Kiew gereist sei:

Papst Franziskus tritt für keine politische Macht ein. Er agiert gewissermaßen auf neutralem, religiösen Terrain.

Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg

Aber auch zwischenkirchlich könne eine solche Reise problematisch sein, erklärt der Bischof: "Problematisch wäre zum Beispiel, wenn der Papst nach Kiew reisen würde, denn das beansprucht das Moskauer Patriarchat immer noch als eigenes Territorium. Das wäre also eine kirchliche Einmischung des Papstes in Dinge, die ihn aus Sicht des Moskauer Patriarchats gar nichts angehen."

Ausschluss aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen?

Zugleich mehren sich Forderungen, die orthodoxe Kirche Russlands aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen auszuschließen. Denn vor allem die Haltung der Kirchenleitung ist kaum mit biblischen Grundsätzen in Übereinstimmung zu bringen.

Angriffskriege können nicht mit Verweis auf die Heilige Schrift begründet werden. Doch ein Ausschluss muss Bischof Feige zufolge gut durchdacht sein: "Wichtig ist, nicht alles abzubrechen, sondern Kontakte zu halten für Gesprächsmöglichkeiten. Wichtig ist, auch im Blick zu halten, dass der Moskauer Patriarch und die Kirchenleitung nicht die gesamte russisch-orthodoxe Kirche sind. Es gibt durchaus Kräfte, Geistliche, viele Gläubige, die gegen diesen Krieg sind und die Positionierung ihrer Kirchenleitung nicht verstehen."

Derzeit hat die russische orthodoxe Kirche etwa 38.000 Gemeinden außerhalb Russlands. Vor allem in diesen wird der Kurs von Patriarch Kyrill deutlich kritisiert.

Erzbischof 1 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2022 | 16:00 Uhr