Treffen mit Autorin Kristina Lunz Neues Sachbuch: "Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch"

Der Titel des Buches kleckert nicht im Konjunktiv, sondern stellt selbstbewusst fest: Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch, basta. Doch kaum war es am 24. Februar 2022 erschienen, begann der Krieg gegen die Ukraine. Die Hoffnung auf gelebten Feminismus, mit dem auch Außenministerin Annalena Barbock gerade angetreten war: erledigt? Keineswegs, sagt Autorin Kristina Lunz und erklärt, warum.

Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Außenministerin, informiert sich im verlassenen Ort Schyrokyne über die Lage im Konfliktgebiet Donbass.
Auch Annalena Barbock trat an mit der Absicht, eine feministische Außenpolitik zu etablieren. Kaum im Amt reiste sie kurz vor Kriegsbeginn mehrfach in die Ukraine, so in den verlassenen ostukrainischen Ort Schyrokyne Bildrechte: dpa

Kristina Lunz ist Politikwissenschaftlerin und Aktivistin, die mit ihrem Centre for Feminist Foreign Policy auch Beratungsarbeit leistet, etwa auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine konstatiert sie "Verzweiflung, tatsächlich auch Ratlosigkeit viel Schmerz, viel Sorge". Überrascht aber ist sie nicht: "Es ist damit zu einem Zustand gekommen, vor dem alle unsere Partnerorganisationen seit sehr vielen Jahren warnen."

Komplexer Ansatz, da Frauen umfassend von Krieg und Krisen betroffen sind

Podiumsdiskussion mit Publikum bei der Münchner Sicherheitskonferenz.
Podiumsdiskussion mit Publikum bei der Münchner Sicherheitskonferenz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Feminismus bedeutet für Kristina Lunz ein Vorgehen gegen Jahrtausende alte patriarchale Strukturen, in denen der Mann das Sagen in Staat und Familie hat und die entsprechenden Hierarchien durch Gewalt und aufrechterhalten bleiben: "Und eine feministische Außenpolitik ist sehr umfassend darin, die Resultate dieses patriarchalen Denkens in allen Bereichen zu analysieren und dann neue Dinge zu fordern."

Krieg in der Ukraine: Eine Frau zieht einen Handwagen durch eine von Bomben beschädigte Straße.
Krieg in der Ukraine Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Schweden schrieb sich mit der Sozialdemokratin Margot Wallström als erstes Land eine "feministische Außenpolitik" auf die Fahnen. Sie umfasst schlicht alles: Einerseits, weil Frauen in allen Krisen – ob bedingt durch Hunger, Krieg oder Klimawandel  – am meisten leiden. Andererseits, weil die Lösung der Krisen nirgendwo gelingt, wo weiterhin Menschenrechte der Frauen verletzt werden." Lunz verweist dabei auf die historische Rolle, die sie spielten und einen Meilenstein:

Historische Vorläufer: Frauentreffen 1915 in Den Haag

Eine Gruppe von Geflüchteten aus der Ukraine kommt am Bahnhof von Przemysl an.
Eine Gruppe von Geflüchteten aus der Ukraine kommt am Bahnhof von Przemysl an. Bildrechte: dpa

"1915 kamen in Den Haag mehr als 1.200 Frauen zusammen, nicht nur, um ein Ende des ersten Weltkrieges zu fordern, sondern Krieg als völkerrechtswidrig einzustufen. Es dauerte Jahrzehnte, bis ihre Forderungen international umgesetzt wurden. Erst mit der Gründung der Vereinten Nationen 1945 war es völkerrechtswidrig, Aggressionen auszuüben, genau solche Aggressionen, wie sie Russland gerade begeht."

Radikale Vorschläge gegen Waffenproduktion

Postkarten zeigen die bisherigen Friedensnobelpreisträger im Nobel-Friedenszentrum in Oslo.
Postkarten zeigen die bisherigen Friedensnobelpreisträger im Nobel-Friedenszentrum in Oslo, darunter US-Präsident Wilson Bildrechte: imago/Camera4

Es ist kaum bekannt, dass diese frühen Aktivistinnen, noch vor dem Wahlrecht für Frauen, radikale Vorschläge zum Beispiel sogar gegen Waffenproduktion machten. Als es 1919 zur Gründung des Völkerbundes als eine Art Vorläufer der UNO kam, gelangten einige ihrer Thesen für eine Friedensordnung in US-Präsident Wilsons Vorschläge dafür. Er bekam den Friedensnobelpreis. – Demilitarisierung sieht Lunz bis heute als ein Hauptziel.

Ich glaube, wir müssen uns kurz rauszoomen aus der Situation, um zu verstehen: Auch wenn es jetzt die Entscheidung gab, die Mittel für die Bundeswehr aufzustocken, mehr aufzurüsten und es vielleicht gerade so einen kleinen Rausch für mehr Militarisierung gibt, so müssen wir doch sehen, dass alle Konflikte und Krisen eben genau so auch eine direkte Konsequenz daraus sind.

Kristina Lunz

Prävention gegen den Wahnsinn eines nuklearen Krieges

Die jüngste brutale Gewalt scheint diese Annahme außer Kraft zu setzen. Warum gibt es überhaupt den Anspruch, von prekären Minderheiten bis zur Friedensarchitektur schlicht alles mit einem feministischen Blick zu erfassen. Soll Feminismus gewissermaßen den Humanismus beerben? Lunz stellt klar:

Kristina Lunz
Politikwissenschaftlerin und Aktivistin: Kristina Lunz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir wollen nicht, dass es Frauen und politischen Minderheiten in Konflikten und Kriegen 'gut geht', etwa weil sie nicht vergewaltigt werden, sondern wir wollen, dass Kriege überhaupt nicht erst geschehen. Wir sind jetzt alle konfrontiert mit dem Wahnsinn, dass Russland mit der Alarmbereitschaft von Nuklearwaffen droht. Es gibt sehr konkrete, zivilgesellschaftliche Vorschläge seit sehr vielen Jahrzehnten, die dazu beigetragen hätten, dass wir nicht zu diesem Punkt kommen. Das wäre eine wirklich feministische Außenpolitik."

Alte weiße Männer vs. feministische Erneuerung

Anti-Feministen haben sich zuletzt verbündet. Der Kampf um das Recht auf Abtreibung in Polen und die vielen Anhänger für Donald Trump sind deutliche Zeichen. Das Schema des Konflikts besteht aus altem weißem Mann hier und so oder so feministischer Erneuerung da. Selbstverständlich ist, abgesehen vom Krieg, der alles übertönt, eine gerechte Welt wie sie sich auch nennt – eine so schöne wie ferne Utopie, weiß auch Kristina Lunz.

Ich werde nicht mehr in dieser Gesellschaft leben, die gerecht funktioniert für alle. Trotzdem und auch wenn dieser fürchterliche Krieg gerade alles überschattet, ist es gleichzeitig wahr, dass sich vieles tut, dass sehr viele Menschen und Organisationen an einem neuen Verständnis von internationaler Politik arbeiten.

Kristina Lunz

Merkwürdig und ein gutes Zeichen, dass ein Buch gleichzeitig völlig deplatziert erscheinen kann und brandaktuell. Fatal ist nur, dass die Vergangenheit einfach nie enden will.

Angaben zum Buch Kristina Lunz:
Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch - Wie globale Krisen gelöst werden müssen
Econ
448 Seiten
ISBN: 9783430210539

Mit ihrem Centre for Feminist Foreign Policy tritt die Politikwissenschaftlerin, Aktivistin und Entrepreneurin an, Frieden, Menschenrechte und Gerechtigkeit mit Außenpolitik zusammenzudenken, um nichts weniger als einen Paradigmenwechsel einleiten.

Auf der Flucht...

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 03. März 2022 | 22:05 Uhr