Familiengeschichte Dritte Generation Ost: "Ich habe gedacht, ich wäre drüber weg"

Aufbruch und Niedergang – im Frühsommer 1991 liegt das nah beieinander. Die Heimat, der Alltag, das Leben hat sich im Osten abrupt verändert. Ein Großteil der Betriebe ist in Abwicklung, Arbeitsbiografien enden und damit auch Zukunftspläne. Das alles ist nun 30 Jahre her und prägt doch die Lebenswelt der Generation, die heute etwa so alt ist wie ihre Eltern damals, die dritte Generation Ost. Wie, das haben wir Bettina Löser und ihren Sohn Tilman gefragt.

Dritte Generation Ost? Bettina und Tilman Löser im Gespräch über Glück und Unglück der Wende
Der Leipziger Musiker Tilman Löser blickt gemeinsam mit seiner Mutter in die noch sehr präsente Vergangenheit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Drei Generationen haben die DDR erlebt: die erste hat die Kriegserfahrung im Hintergrund; die zweite wird in den Arbeiter- und Bauernstaat hineingeboren, die dritte Generation hat eigentlich "nur" noch Kindheitserinnerungen, das selbst Erlebte mischt sich mit den Erzählungen über das Leben damals in der DDR. Dass diese Herkunft sie dennoch bis heute prägt, davon zeugen die sich mehrenden Berichte über die dritte Generation Ost; Wendekinder, die zwischen 1975 und 1985 geboren wurden und inzwischen ein gleichnamiges Netzwerk gründeten. Sie machten und machen sich auf der Suche nach ihrer Geschichte so wie der Musikmanager Tilman Löser aus Leipzig:

Dritte Generation Ost? Bettina und Tilman Löser im Gespräch über Glück und Unglück der Wende
Tilman Löser ist sechs Jahre alt, als die Mauer fällt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn man jemanden trifft und fragt: 'Wo kommst du her?' Ob aus Leipzig, Dresden, Berlin, München oder Frankfurt, eigentlich sehen alle erstmal gleich aus. Aber wenn man sich ein bisschen länger unterhält, merkt man, oft sind die Menschen, die in Ostdeutschland geboren sind ... da gibt es noch eine andere Ebene."

"Wo sind meine Wurzeln?"

Dritte Generation Ost? Bettina und Tilman Löser im Gespräch über Glück und Unglück der Wende
Blättern im Fotoalbum Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tilman Löser ist sechs Jahre alt, als die Mauer fällt. Neue Wege tun sich auf. Er besucht eine neu gegründete Schule in Leipzig. Später beginnt er, Klavier zu studieren, auch im Ausland. Dann gerät er in eine Krise. Er hat das unbestimmte Gefühl, dass ihn etwas aus seiner Vergangenheit belastet. Kopfschmerzen plagen ihn. Er weiß nicht mehr, warum er überhaupt Klavier spielen soll: "Und das war der Punkt, auf die Suche zu gehen: 'Was ist eigentlich mein eigener Weg?' Dann habe ich geschaut, wo sind meine Wurzeln?"

Gespräche zwischen Mutter und Sohn

Diese Wurzeln beginnt er, in Gesprächen mit seiner Mutter zu erkunden. Er erfährt von den Montagsdemos, auf denen die Mutter im Herbst 1989 protestiert hat.

Wie es der Familie in den 1990er Jahren geht,  welche Gefühle vorherrschen, daran erinnern sich die beiden sehr unterschiedlich. Dass nie viel Zeit war, Rastlosigkeit und ein neuer Druck auch im Alltag der Familie, das sind Eindrücke, die sich bei Tilman einprägten:

In dieser Zeit nach der Wende wart ihr mit euch beschäftigt, kann man das so sagen?

Na, nicht mit uns. Wir waren damit beschäftigt, beruflich nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wir waren damit beschäftigt, eine schöne Bleibe zu finden für uns alle, weil wir ja aus der alten Wohnung raus sollten.

Tilman und Bettina Löser Erinnerungen an die Wendezeit

Bettina Löser ist Christin. Schon zu DDR-Zeiten debattiert sie in Kirchengruppen über Friedens- und Umweltthemen. Sie weiß noch, wie enttäuscht sie gewesen ist, als sich die Mehrheit der DDR-Bürger 1990 für die Einheit entscheidet:

Ich hab' geweint, ja, ich hab' geweint. Ich wollte nicht die schnelle Einheit. Ich hatte die Idee, dass wir als DDR-Bürger etwas Eigenes schaffen können.

Bettina Löser

Neue Freiheiten, neue Zwänge

Dritte Generation Ost? Bettina und Tilman Löser im Gespräch über Glück und Unglück der Wende
An der Leipziger Nikolaikirche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zugleich fühlt sie sich befreit, die DDR hinter sich zu lassen. Sie genießt die Freiheit, reisen zu können. Doch zur Freude kommt die bittere Gewissheit, dass sie ihre Arbeit als Chemikerin verlieren wird. 1994 wird ihre Stelle am traditionsreichen Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften der Universität Leipzig gestrichen. Um die Stadt nicht verlassen zu müssen, arbeitet sie dort als Sachbearbeiterin weiter.

Ich habe immer gesehen, dass ich weiter Arbeit hatte. Viele sind ja ganz raus geflogen. Das hatte ich auch vor Augen.

Bettina Löser

"Sie war damals um die 40, ich bin jetzt 38"

Dritte Generation Ost? Bettina und Tilman Löser im Gespräch über Glück und Unglück der Wende
Gemeinsamer Blick in die Vergangenheit Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tilman ist heute etwa so alt wie seine Mutter Bettina zu Wendezeiten: "Sie war damals um die 40, ich bin jetzt 38", überlegt er. Jahre nach der Wende beginnt er zu verstehen, wie diese Zeitenwende ihr Leben neu geprägt hat. Einfach von vorn beginnen kann sie nicht: "Ich habe gemerkt, dass das meine Mutter sehr getroffen hat", erinnert er sich und meint:

Ich habe den Zusammenhang verstanden, dass ein Teil des Unglücks meiner Mutter durch die gesellschaftliche Situation hervorgerufen war. Das hat mir geholfen, sie besser zu verstehen.

Tilmann Löser

Auf seiner Suche findet Tilman Löser zum Netzwerk Dritte Generation Ost. Die heute etwa Vierzigjährigen verbindet ihre ostdeutsche Prägung und die Erfahrung des politischen Umbruchs.

Ich glaube, es tut gut, verwurzelt zu sein in seiner eigenen Geschichte, Im Hinblick auf die Familie, aber auch die Gesellschaft. Und zu unserer Geschichte in Ostdeutschland gehört einfach die DDR. Diese 40 Jahre zwischen 1949 und 1989, die sind nicht mit Mauerfall vorbei, die leben in den Familien weiter und auch in der Gesellschaft.

Tilmann Löser

"Wenn Sie so fragen"

Dritte Generation Ost? Bettina und Tilman Löser im Gespräch über Glück und Unglück der Wende
Engagiert in Sachen Umwelt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sich gemeinsam zu erinnern, hilft zu verstehen und einander zu verstehen: an das Plakat, das sie bei der Demo 1989 dabei hatten oder an die Freude über das ferngesteuerte Auto vom ersten Westgeld. Die Frage nach den Erinnerungen und Geschichten aus der Zeit des Umbruchs bringt allerdings auch die alten Verletzungen wieder ins Bewusstsein. Nicht mehr mit den Studentinnen und Studenten an der Universität arbeiten können, das fehlte Bettina Löser lange Zeit in ihrer "zweiten Karriere": "Ich dachte, dass das geheilt ist. Aber wenn Sie so fragen, merke ich schon, dass so eine Traurigkeit aufsteigt. Ich habe gedacht, ich wäre drüber weg, aber die Vergangenheit holt mich jetzt doch bei Ihrer Frage wieder ein."

Bettina Löser im Gespräch über Glück und Unglück der Wende
Nach der Wende machte die promovierte Chemikerin als Sachbearbeiterin weiter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihre Kompetenz, ihr Wissen, ihre Ausbildung war nichts mehr wert in dem neuen Land – so ging es vielen. Und das Gefühl ist noch immer da.

Die Frage, was es für sie bedeutet, heute und rund 30 Jahre nach Wende und Einheit, ostdeutsch zu sein, löst bei Bettina Löser widerstreitende Gefühle aus:

Also ich sehe mich als den dummen Rest.
Ich habe es geschafft. Ich kann hier wunderbar leben. Also ich bin wirklich im Paradies angekommen. Aber viele andere sind das nicht.

Bettina Löser

Ich seh' das und ich spür' das auch. Ich habe das Glück gehabt, später geboren zu werden. Ich habe aber noch den Kontakt und das Mitgefühl und deswegen fühle ich in mir eine Brückenfunktion und spüre da auch einen Wunsch und eine Verantwortung, da was beizutragen.

Tilmann Löser
3. Generation Ost? Bettina und Tilmann Löser im Gespräch über Glück und Unglück der Wende
Musikprojekt "Klänge der Hoffnung", Tilman Löser am Flügel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tilman ist in gewissem Sinne zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Er arbeitet heute für die Stiftung Friedliche Revolution in Leipzig und begründete das Musikprojekt "Klänge der Hoffnung" mit. Es bringt Musikerinnen und Musiker mit und ohne Fluchterfahrung zusammen, die gemeinsam Konzerte geben.

Wie ein gutes Zusammenleben auf diesem Planeten aussehen kann, diese Frage treibt Bettina immer noch um. Das Engagement dafür gibt sie nun zusammen mit ihren Erfahrungen an die nächste Generation weiter.

"Nah dran" fragt nach persönlichen Umbrüchen vor 30 Jahren

Martina Müller 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 27. Mai 2021 | 22:40 Uhr