Nah dran | 03.10.2019 | In der Mediathek Verschwörung unterm Kirchendach - Plauen, Weimar, Wolfen im Herbst '89

In der so genannten Provinz gelang die Wende oft schon eher und ging weiter als in den bekannten Metropolen der Friedlichen Revolution. Autor Peter Grimm hat Beteiligte in Plauen, Weimar und Wolfen 20 Jahre später besucht und sie nach der Rolle der Kirche für die Opposition befragt.

Im Oktober 1989 kämpft die SED-Führung gegen einen drohenden Umsturz. In Leipzig und anderen großen Städten gehen die Menschen auf die Straße. Immer mehr Menshcen wagen den offenen Protest. Treffpunkte sind meist die Kirchen. Auch in der sogenannten Provinz läuft ohne die Kirche oft wenig. Ist der Aufruhr also, wie die Obrigkeit klagt, Ergebnis einer Verschwörung unterm Kirchendach?

Das Wort Verschwörung geht ein Stück zu weit. Denn wir haben eigentlich nie ein Geheimnis daraus gemacht, was wir dort getan haben.

Thomas Küttler, 1989 Superintendent in Plauen

Das Gespräch gesucht

7. Oktober 1989. In Plauen demonstrierten Tausende Menschen - nicht zum DDR-Geburtstag, sondern gegen die SED-Führung. Mit nur einigen Hunderten hatte die Stasi gerechnet. Mit Knüppeln und Wasserwerfern versuchten Volkspolizei und Staatssicherheit vergeblich, die Versammlung aufzulösen. Die Angst vor einer Gewalt-Eskalation ging um.

Thomas Küttler in der Markuskirche
Thomas Küttler in der Plauener Markuskirche. Bildrechte: MDR/Peter Grimm

Thomas Küttler, seit 1979 Superintendent der evangelischen Kirche im Kirchenbezirk Plauen, suchte das Gespräch mit der Obrigkeit. Es glückt ihm in dieser aufgeheizten Situation, den Einsatzleiter zu überzeugen, die Demonstration zu dulden. In Plauen gelang, was in Leipzig erst zwei Tage später, am legendären 9. Oktober geschah: Die protestierenden Massen setzten sich gegen die Machthaber durch. Begreifen konnten die Plauener ihren Sieg erst bei den Demonstrationen an den nächsten Samstagen. Es gab keine Polizeiketten mehr, die die Massen aufhalten wollten.

Motor des Umsturzes

Die Kirche war den Genossen schon immer verdächtig - eine Institution, die in fast jedem Ort präsent war und sich trotzdem der Befehlsgewalt der Machthaber entzog. Und so kamen gerade in der Provinz der DDR die Initiatoren der friedlichen Revolution im Herbst 1989 aus der Kirche. Hier wurden die Oppositionsgruppen gegründet, die Demonstrationen geplant, die Besetzung von Stasi-Dienststellen vorbereitet. Und manchem kirchlichen Mitarbeiter wuchs plötzlich eine immense Verantwortung zu.

Herausforderung, den Protest zu organisieren

Der Raum Bitterfeld, insbesondere die Stadt Wolfen, war das Sinnbild für den vollkommen abgewirtschafteten SED-Staat. Der wirtschaftliche Niedergang der DDR war hier besonders deutlich zu sehen. Das Wort "Umweltverschmutzung" klang inmitten maroder Industrieanlagen und vergifteter Flüsse und Seen noch verharmlosend.

Axel Noak
Axel Noack, 1989 Pfarrer in Wolfen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um den politischen Protest vor Ort kümmerte sich zunächst die Kirche, konkret Pfarrer Axel Noack. Er bot in seiner Kirche den Raum für die Oppositionsgruppen, die sich auch hier sehr schnell gründeten. Auch er stand vor der Herausforderung, den aufbrandenden Unmut und den Protest zu organisieren. Der spätere Magdeburger Bischof rief in der Region den "Runden Tisch" ins Leben und wurde damit ein wichtiger Mann für die Abwicklung der SED-Herrschaft in einem der am schlimmsten durch Misswirtschaft zerstörten Landstriche der DDR.

Die Kirche war offen für die Menschen. Und da die Menschen kamen und viele auch viele Nöte hatten, musste die Kirche sich darum kümmern. Das haben wir uns nicht ausgesucht. Die Kirche sucht sich das nicht aus. Dass sie hier in so einem Raum Parteien gründen muss, ist eigentlich schlimm.

Besetzung der Stasi-Dienststelle

Rudolf Keßner in Weimar war schon lange Jahre in der Opposition aktiv. Und in seiner Kirchgemeinde. Ein Pfarrer hatte ihn noch 1988 überredet, nicht in den Westen auszureisen, weil er doch hier gebraucht würde.

Rudolf Keßner in seiner Stempelfabrik
Rudolf Keßner war in Weimar in der Kirchgemeinde aktiv und druckte "staatsfeindliche", oppositionelle Texte. Bildrechte: MDR/Peter Grimm

In seiner Werkstatt vervielfältigte Keßner "staatsfeindliche" Texte. Zur DDR-Kommunalwahl 1989 forderte er öffentlich, selbst zur Wahl zu kandidieren und organisierte in Weimar den Beweis der Wahlfälschung. Im Herbst 1989 war Keßner einer der ersten auf der Straße. Und er war am am 5. Dezember in einem Demonstrationszug, der zur Stasi-Kreisdienststelle zog und diese besetzte. Im Ergebnis konnte der Großteil der Stasi-Akten in Weimar gerettet werden.

Das hatte schon Mut erfordert. Man wusste nicht, wie es ausgeht. Und wir hatten zwar von Erfurt gehört, das ging friedlich aus. Aber die Leute, die hier drin waren, haben uns wie die Pest gehasst.

Rudolf Keßner

Ohne die Kirche wäre der Sturz der SED-Diktatur vielleicht nicht so friedlich verlaufen, wie es im Herbst 1989 geschehen ist. Und mit ihrer Hilfe gründeten sich schließlich so einige Parteien.

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Zuletzt aktualisiert: 24. September 2019, 13:20 Uhr

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