Kristallkugel, Tarot & Astro TV Warum die Wahrsagerei in Krisenzeiten blüht

Zum Jahreswechsel, überhaupt wenn neue Zeiten anbrechen, haben Wahrsagerinnen Hochkonjunktur. Und besonders gefragt sind sie in Krisenzeiten. Was wir uns wider besseres Wissen davon versprechen, das haben wir u.a. die Kulturwissenschaftlerin Anne Dippel von der Universität Jena gefragt.

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Warum lesen wir Horoskope oder gießen Blei, lassen uns Karten legen, all das wider besseres Wissen? Anne Dippel von der Universität Jena erklärt ein uraltes Bedürfnis, mit dem sich bis heute viel Geld verdienen lässt.

MDR KULTUR - Das Radio So 09.01.2022 06:00Uhr 04:05 min

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Wahrsagen wollen ist menschlich, zumindest das konstante Bedürfnis danach, meint die Kulturwissenschaftlerin Anne Dippel von der Universität Jena.

Altes Bedürfnis, immer neue Einnahmequelle

Tatsächlich gibt es seit der Antike zahlreiche Formen: von der Eingeweideschau, über den Vogelflug, der Blick in die Kristallkugel, das Handlesen oder Kartenlegen. Dass die Wahrsagerei vor allem in Krisenzeiten Hochkonjunktur hat, darauf verweist die Historikerin Ulrike Ludwig vom Exzellenzcluster Religion und Politik an der Universität Münster.

"Wir können seit der Aufklärung sehen, dass es immer wieder neue Esoterikwellen gab, wo die Angebote zunehmen, wo es auch Mode ist, sich mit Wahrsagerei zu beschäftigen, und ich würde sagen, dass wir momentan durchaus in so einer Modewelle drin sind. (…) Da wird sehr viel Geld mit verdient."

Zum Beispiel mit zahlreichen Büchern, aber auch über einen Sender wie Astro TV, der viel verspricht: "Hingabe, Liebe, oh wie schön, und Freude. Bei dir sagen die Engel ganz klar, du darfst dich fallen lassen, du hast genug gegeben."

August der Starke schätzte Wahrsager

Einen Blick in die Zukunft schätzen nicht nur heutige TV-Zuschauerinnen. In früheren Zeiten waren Seher auch bei den Mächtigen gefragt, beispielsweise Mitte des 16. Jahrhunderts bei Kurfürst August von Sachsen, wie Ludwig erläutert: "Der nutzte die Wahrsagerei, um die Glaubwürdigkeit von Briefen oder Nachrichten zu überprüfen oder sich darüber klar zu werden, wie Bergwerksunternehmen sinnvoll und gewinnbringend anzulegen seien."

Sterndeuter im Dienste der Päpste

Bis zur Aufklärung galt gerade die Astrologie als seriöse Form der Weissagung. So war der Wittenberger Reformator Philipp Melanchthon von der Astrologie fasziniert, und selbst die Päpste griffen im ausgehenden Mittelalter auf die Dienste von Sterndeutern zurück. Und Wahrsagerei und Prophetie liegen manchmal eng zusammen, wie Anne Dippel betont: "Auf der einen Seite ist die Bibel selbst und das Buch der Offenbarung ja nichts anderes als eine große Form der Wahrsagung, die uns auch ein Gehalten-Sein verspricht, wie die meisten großen Religionen das tun."

Andererseits stellt der katholische Katechismus fest: "Alle Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen."

Hoffnung auf ein Gehalten-Sein in schweren Zeiten

Doch gerade der Umstand, dass die Verurteilungen der Wahrsagerei immer wieder von den Kirchen ausgesprochen werden mussten, zeigt, wie populär es immer gewesen ist, in die Zukunft zu blicken, wie die Kulturwissenschaftlerin Anne Dippel ausführt: "Das Schöne an der Wahrsagerei ist ja eigentlich, dass die Hoffnung besteht, man könnte in irgendeiner Form übernatürliche Kräfte anzapfen; dass es etwas gibt wie eine Vorsehung, möglicherweise göttliche Wesen, die unser Dasein bestimmen, und diese Hoffnung verbindet sich mit einem Gehalten-Sein."

Und diese Sehnsucht nach einer Verbindung mit göttlichen Wesen nehme gerade in einer immer komplexer werdenden Welt noch zu, meint Dippel: "In einer Welt, in der durch soziale Medien und eine Überfülle an Informationen eine zusammenbindende und kohärente Erzählung fehlt, ist diese Hoffnung, durch Wahrsagerei eine eindeutige Erzähllinie zu erfahren, natürlich besonders verführerisch."

Vorhersage oder Faktor Zufall?

Wobei die meisten Menschen, die Wahrsager aufsuchen, auch wissen, dass der Blick in die Zukunft immer ambivalent ist. Und nicht allzu konkret, wie die Historikerin Ulrike Ludwig zu bedenken gibt: "Es gibt einerseits Vorhersagen, die so allgemein gehalten sind, dass sie irgendwie zutreffen. (…) Und bei der etwas 'seriös' betriebenen Wahrsagerei werden auch weitreichende Vorhersagen gemacht, und die sind häufig falsch."

Denn alle wissenschaftlichen Untersuchungen von Wahrsagungen kommen letztlich zu einem Ergebnis: dass bestimmte Ereignisse so eintreffen wie vorhergesagt, das entspricht genau dem Zufallsfaktor. 

 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Januar 2022 | 09:15 Uhr