Neue Wege im Umgang mit Altern, Sterben, Abschiednehmen Warum den Tod studieren?

Wer in Ruhe gehen will, sollte nicht erst am Ende auf sein Leben zurückblicken. Warum, erklären zwei Theologen, die einen ganzen Master-Studiengang um dieses große "Zukunftsthema" konzipierten. Ab dem nächsten Wintersemester gibt es an der Universität Regensburg das Fach der "Perimortalen Wissenschaften". Denn Rupert Scheule und Michael Fricke finden, immer noch laufe viel falsch "in dieser Schleusenzeit zwischen Tod und Beerdigung".

Mein Ort zum Sterben - Nah dran-Reportage
Abschied nehmen und Trauern als Leben begreifen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ehe der Vorweihnachtsrummel beginnt, heißt es: Innehalten am Totensonntag. Memento mori - Bedenke, dass du sterblich bist! Auf die Frage, warum wir uns mitten im Leben mit dem Ende beschäftigen sollten, hat der Theologe Rupert Scheule eine schlagende Antwort, Sterben sei "ein Zukunftsthema" in unserer alternden Gesellschaft. Zugleich werde "in dieser Schleusenzeit zwischen Tod und Beerdigung" immer noch auf allen Seiten viel falsch gemacht. Deswegen entwickelte Scheule gemeinsam mit Kollegen einen interdisziplinär angelegten Studiengang, der sich "Perimortale Wissenschaften" nennt und ab dem Wintersemester 2020/21 an der Universität Regensburg angeboten wird.

Gegen Routinen und Verdrängung

Laut Scheule soll beim Studium der "gesamte Aktionsradius" in den Blick genommen werden, ab dem Zeitpunkt, ab dem klar sei, dass ein Mensch sterben werde. Auch als Diakon wünschte er sich oft, früher mit den Angehörigen in Kontakt zu kommen, um sie besser begleiten zu können, über Trauergespräch und Beerdigungsgottesdienst hinaus. Scheule wendet sich vor allem gegen die Routine, die sich nicht einschleichen dürfe, wenn es um den letzten Weg eines Menschen gehe. Diejenigen, die in der Totenversorgung arbeiteten, ob im Krematorium oder im Bestattungsinstitut, bräuchten deswegen dringend mehr Unterstützung, auch seelsorgerliche, appelliert Scheule. Ebenso benötigten Geistliche eine professionelle Schulung im Umgang mit Tod und Sterben. Zugleich müsse jeder sein Verhältnis in dieser Frage selber klären. Seelsorgende sollten keine Hoffnungsbotschaften der Auferstehung verbreiten, findet er, sondern begleiten, das sei ein Zeichen der Solidarität.

Jesus legt in der Emmausgeschichte auch keine Auferstehungsshow vor den trauernden Jüngern hin, sondern er geht erst einmal schweigend mit ihnen mit und hört ihnen zu. Das ist nicht nichts, das ist Solidarität.

Rupert Scheule, Theologe

Sterben und Trauern als Teil des Leben

Dabei kann der katholische Theologe den Impuls zur Verdrängung durchaus verstehen. Schließlich sei der Tod eine "Riesenkränkung":

Allein der Umstand, dass uns nichts so sicher ist wie der Tod, wir aber keine Ahnung haben, was da auf uns zukommt, weil bisher ja immer nur die anderen gestorben sind, bringt uns Kontrollfreaks in Rage.

Rupert Scheule, Theologe

Wer nicht über den eigenen Tod nachdenken möchte, nimmt sich vermutlich auch keine Zeit zur Trauer. Aus Sicht von Scheule heißt das praktisch oft, "dass die tote Oma zügig unter die Erde muss, damit die - nur vorläufig noch nicht toten - Angehörigen schnell wieder in ihr sogenanntes normales Leben zurückkehren können." Das sei aber vielleicht nicht mehr die einzige Option, die Menschen heute dank guter Bestatter, Palliativmediziner oder Hospize sehen: "Ich glaube, dass die hohen Zeiten der Todesverdrängung vorbei sind." Die Erkenntnis wachse, dass auch Sterben und Trauern eines seien: ziemlich intensives Leben.

So sieht es auch der evangelische Theologe Michael Fricke, der ebenfalls an der Entwicklung des Studiengangs mitarbeitete:

Wer in Ruhe gehen will, sollte nicht erst am Ende auf sein Leben zurückblicken.

Michael Fricke, Theologe

Ein Beratungsgespräch am Anfang soll die Eignung der Bewerber klären. Begonnen werde dann mit selbstreflexiven Seminaren, denen theologische Fragen folgten, erklärt Fricke zum Vorgehen. Zusammengearbeitet würde mit der medizinischen Fakultät, da ein Arzt wisse, wie der Tod physiologisch abläuft. Genauso spielten rechtliche Fragen um Erbschaft und Friedhofsordnungen in dem Studiengang eine Rolle. Auch die Kulturgeschichte des Abschiednehmens werde betrachtet. All das soll helfen, das tun zu lernen, was vielen erst einfalle, wenn es zu spät sei; jemanden anrufen, sich bei jemandem bedanken oder entschuldigen ... Der Studiengang umfasst vier Semester, in Teilzeit studiert, dauert er länger.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. November 2019 | 09:15 Uhr