Inklusion Warum Marburg bei blinden Menschen so beliebt ist

Marburg, bekannt als Studentenstadt, gilt außerdem als Vorreiter in Sachen Barrierefreiheit. In keiner anderen deutschen Stadt leben im Verhältnis so viele blinde und sehbehinderte Menschen. Zurückzuführen ist das auf die Blindenstudienanstalt (blista), die hier vor über 100 Jahren gegründet wurde.

Barrierefrei Studieren in Marburg
Zu Besuch in einer inklusiven Klasse an der blista in Marburg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass Marburg als Stadt der Blinden bekannt ist, hat historische Gründe. Während des Ersten Weltkrieges kehren viele junge Männer mit Sehbehinderungen oder Blindheit zurück. Für sie ist es - aufgrund ihrer Behinderung – nahezu unmöglich, Zugang zur Berufswelt zu finden. Der damalige Direktor der Marburger Universitäts-Augenklinik, Alfred Bielschowsky veranlasst 1916, dass eine Deutsche Blindenstudienanstalt (blista) in der Stadt gegründet wird.

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Die Anfänge der blista. Bildrechte: blista

Zunächst ist die Integration von Kriegsblinden in das Arbeitsleben und das Nachholen von Schulabschlüssen das primäre Ziel der Einrichtung. Doch schon 1921 wird ein Gymnasium offiziell anerkannt, und so erhalten junge blinde Menschen eine qualifizierte Schul- und Berufsausbildung.

Heute ist die blista ein bundesweites Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung. Mit einem Gymnasium, den dazugehörigen Internaten, mit einem vielfältigen Montessori-Angebot (Kinderhaus, Grundschule, integrierte Sekundarschule bis Klasse 10), der Deutschen Blinden-Bibliothek und einer Reha-Einrichtung ist die blista auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Jung und Alt ausgerichtet.

Barrieren abbauen

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Taktile Leitsysteme im Marburger Stadtbild Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit vielen Jahrzehnten gehören blinde und sehbehinderte Menschen ganz selbstverständlich zum Marburger Stadtbild. Im Ort hat man viel dafür getan, dem Beinamen "Blindenstadt" gerecht zu werden.

Viele Ampeln mit Akustiksignalen, sprechende Aufzüge, taktile Leitsysteme und tastbare Stadtmodelle sorgen für bessere Orientierung und somit zur Verbesserung der Lebensqualität.

Es gibt Sportvereine für Sehgeschädigte, deren Angebote vom Blindenfußball bis zum Zumba reichen. Auch andere Freizeitangebote werden in Marburg für blinde und sehgeschädigte Menschen mitgedacht: Ganz selbstverständlich sind Theateraufführungen mit Audiodeskription und Rabatte für Begleitpersonen bei Kinobesuchen.

Bauvorhaben inklusiv

1971 wird in Marburg Deutschlands erste Ampel mit Akustiksignal installiert und noch heute werden Bauvorhaben der Stadt intensiv unter barrierefreien Gesichtspunkten geplant.

Thorsten Büchner vom blista-Campus erklärt das Prozedere: "Mit der Bauverwaltung der Stadt gibt es mehrmals im Jahr Treffen mit blinden Menschen und mit Menschen im Rollstuhl, mit denen Bauprojekte besprochen werden. Mitarbeitende von der blista sind immer dabei, wenn hier Ampelanlagen neu gemacht werden. Menschen mit Rollstuhl brauchen keine Kante, für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung ist eine Kante eine gute Orientierungshilfe. Es gibt dann Kompromisse, wie man gemeinsam zu einer barrierefreien Lösung kommt.“

Studieren in Marburg als Blinder und Sehgeschädigter

An der Philipps-Universität Marburg studieren zirka 150 Menschen, die blind oder sehbehindert sind - das ist der größte Anteil an einer Uni bundesweit. Für sie und Studierende mit anderen Behinderungen gibt es verschiedene Beratungsstellen und Angebote zur Teilhabe.

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Kai Kortus arbeitet mit einer Braillezeile Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Uni-Bibliothek zum Beispiel arbeiten extra Studienhelfer- und Helferinnen, die blinden Studierenden dabei helfen, herkömmliche Texte so umzuwandeln, dass sie für sie "lesbar" sind. Zudem stehen spezielle Arbeitsplätze mit Sprachausgabe und Braillezeile bereit.

Kai Kortus ist 29 Jahre alt und in Marburg geboren. Momentan schreibt er an seiner Doktorarbeit im Fach Mathematik. Er ist von Geburt an sehbehindert und seit sieben Jahren vollständig erblindet. Für Kai sind diese Hilfsmittel in der Uni-Bibliothek immens wichtig.

Vor Jahren hätte ich Korbflechter, Bürstenbinder oder Masseur werden können. Dadurch, dass es diese Digitalisierungs-Möglichkeiten, dass es Bücher in Brailleschrift und dass es Studienassistenz-Leistungen gibt, sind diese ganzen akademischen Berufe auch für Menschen mit Blindheit und Seh-behinderung möglich und erschließbar.

Kai Kortus

Das inklusive Wohnheim

Nicht nur blinde Menschen können in Marburg gut studieren, sondern auch Menschen mit anderen körperlichen Einschränkungen. Ein inklusives Studentenwohnheim macht es möglich.

Im Konrad-Biesalski-Haus wohnen Studierende mit und ohne Behinderung zusammen. Es ist das einzige Wohnheim in ganz Europa, das Studierenden mit Behinderung ermöglicht, fast so frei wie Kommilitonen ohne Behinderung zu leben.

Das Besondere hier ist, dass zum Haus Pflege- und Fahrdienste gehören, die sich weitgehend nach den Bedürfnissen der Bewohner richten. Egal, ob die Studierenden zur Uni oder in eine Kneipe wollen, von acht Uhr morgens bis Mitternacht stehen einmal pro Stunde Fahrer für sie bereit. Wie die Pflege finanziert sich auch der Fahrdienst über die Pflegesätze der Bewohner.

Inklusives Wohnheim in Marburg
Studierende im Biesalski-Haus Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das inklusive Wohnheim in Marburg gibt es seit über 50 Jahren, dennoch ist es bislang das einzige seiner Art in Deutschland geblieben. Es ist nur ein Beispiel, wie die Idee der Chancengleichheit alle Bereiche des Studiums an der Phillips Universität durchzieht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 10. April 2022 | 08:00 Uhr

Das Magazin in Gebärdensprache und mit Audiodeskription

Ein blinder Mann auf einer Bank mit einem Hund an der Leine, spricht mit einem Mann in weißer Jacke der auf einem Steinsims sitzt. 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Logo "selbstbestimmt" mit DGS-Piktogramm 29 min
Logo "selbstbestimmt" mit DGS-Piktogramm Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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