Karneval in Köln
Nicht nur im Rheinland wird Karneval gefeiert, aber vor allem hier ... Bildrechte: Kölner Karnevalmuseum / Festkomitee Kölner Karneval

Warum wir Fasching, Fastnacht oder Karneval feiern "Der Tüfel hat das Spiel erdacht"

Im Grunde ist es so: Für die Katholiken ist spätestens am Aschermittwoch alles vorbei, dann heißt es, karg leben und das bis Ostern. Um das zu ertragen, wird vorher nochmal gezecht. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen - einst Kernlande der Reformation - wird seit Luther aus freien Stücken verzichtet, oder eben nicht. Deswegen braucht es auch kein Fest, das sich "der Tüfel" erdachte, oder?

Karneval in Köln
Nicht nur im Rheinland wird Karneval gefeiert, aber vor allem hier ... Bildrechte: Kölner Karnevalmuseum / Festkomitee Kölner Karneval

"Der Tüfel hat das Spiel erdacht", heißt es bei Sebastian Brant, dem Autor des "Narrenschiffs". Als Zeit der großen Sünden wird die Fastnacht oft beschrieben: Bei all der "fresserei, hochmut oder hoffart, unkeuschheit, narrheit, dadurch Gottes gantz wirt vergessen", warnt ein liturgisches Buch von 1518. Doch warum toleriert die katholische Kirche Völlerei und Gottlosigkei? Weil am Aschermittwoch alles vorbei sein soll. Dann heißt es, 40 Tage lang Enthaltsamkeit üben. Fastnachtstreiben und die vorösterliche Fastenzeit gehören im Mittelalter zusammen - sie stehen für Gegenwelten, das Reich Gottes und das seines Gegenspielers.

Stichwort: Die Welt als Narrenschiff Die Welt als Narrenschiff, alles steht Kopf, ist verkehrt - dieses Bild steht von altersher für die Faschings- und Karnevalszeit. Bis heute sind vielerorts die Wagen beim Straßenkarneval in Form eines Schiffes gestaltet. Angespielt wird so auf das alte Bild vom Schiff ohne Mast, Segel und Kompass, das mit seinen Insassen ins Verderben fährt. Sebastian Brants (1457-1521) gleichnamige Moralsatire "Das Narrenschiff" war das erfolgreichste deutschsprachige Buch der Reformation und karikiert die Laster der Narren an Bord, die am Ende wieder auf Kurs gebracht werden.

Dominik Fugger, Religionswissenschaftler an der Uni Erfurt spricht nicht vom Mummenschanz, sondern von "Verkehrungsritualen", die eine Schwellenposition in sozialen Prozessen markieren und einen Zwischenzustand schaffen, der die herrschende Ordnung befristet aufhebt. "Damit", so Fugger, "entsteht eine Phase der Offenheit, an deren Ende der Umsturz oder aber auch die Rückkehr zur althergebrachten Ordnung stehen kann." Oder manchmal auch nur ein heftig brummender Schädel.

Aus den Klöstern und Kirchen in die Städte

Schaulustige beim Festumzug zum Karneval in Wasungen
"Das Narrenschiff" ist immer mit dabei, hier beim Festumzug im thüringischen Wasungen ... Bildrechte: dpa

In den christlichen Klöstern liegen die Anfänge für das bunte Treiben. Dort wird in den Tagen vor der Fastenzeit noch einmal opulent gespeist. Fleisch und alles Verderbliche muss schnell weg. In den Kirchen werden vom 12. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts Narrenfeste gefeiert. Niedere Kleriker übernehmen vorübergehend die Privilegien der höheren Geistlichkeit. Kirchliche Rituale werden in Narren- oder Eselsmessen parodiert, sogar ein Pseudobischof- oder -papst gekürt. Das Geschehen verlagert sich allmählich aus den Kirchen in die Städte. Die Bürger nehmen teil an den Festen mit Prozessionen, Musik und Spottgedichten, die wie im Süddeutschen oder am Rhein eine regionale Färbung bekommen.

Ein wertvoller Wiegendruck, «Das Narrenschiff» auf Französisch, ist am Freitag (30.11.2007) in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar zu sehen.
... und als wertvoller historischer Wiegendruck Bildrechte: dpa

Der Narr ist für die katholische Kirche der, der Gott nicht in den Werken der Schöpfung erkennt. Die Masken stehen für Laster wie Hochmut oder Geiz. So dient selbst der Mummenschanz dazu, auf die Zeit der Buße vor Ostern einzustimmen und an die Nichtigkeit der Welt zu erinnern. Beim Volk kommt mancherorts nicht die Moral, sondern das subversive Element der Botschaft an: Jeder kann in jede Rolle schlüpfen, es gibt kein Oben und kein Unten. Das Fastnachtstreiben gerät, wenn Rechnungen offen sind, schnell außer Rand und Band, so wie 1296 in Speyer, wo eine "Schlegerey mit der Clerisey Gesind" überliefert ist. Rat und Bürgern der Stadt wird danach sogar mit Exkommunikation gedroht.

Stichwort: Der Narr und die Masken Der Narr ist in der mittelalterlichen Welt der, der Gott nicht in den Werken der Schöpfung erkennt. An seiner Mütze trägt er Eselsohren, Hahnenkamm und Schellen. Manche Narren tragen einen Stock mit Narrengesicht, das Narrenzepter steht für eitle Selbstbezogenheit. Dass die, sich sich sonst wichtig nehmen, entthront werden, ist dabei durchaus ein christlicher Gedanken.

Die Masken stellen die sieben Laster dar. Für den Hochmut steht der Pfau oder das Pferd, der Neid wird durch den Drachen, der Zorn durch den Löwen, der Geiz durch den Fuchs, die Unkeuschheit durch Bock und Hahn, die Unmäßigkeit durch den Bär oder das Schwein und die Acedia, die Trägheit des Herzens, durch den Esel dargestellt. Diese Art der Maskerade nimmt direkten Bezug auf den arabischen Ursprung des Wortes "Maske", im Sinne von "Verspottung" und "Scherz".

Das Kostüm des Narren weisen durch die Zweigeteiltheit auf seine verkehrte Weltsicht hin. In der Neuzeit sollen die Verkleidungen als Chinese, Indianer oder "Neger" die vermeintlichen Feinde des Christentums karikieren.

Martin Luther setzt das Fasten und damit auch die Fastnacht außer Kraft

Doch dann kommt ein Mann namens Martin Luther und "spielt verkehrte Welt": Er findet, ob der Christenmensch faste oder nicht, sei seine Entscheidung: "Der Mensch darf jederzeit jegliche Speise essen", stellt er lakonisch fest. Auch adressiert er die Obrigkeit gern direkt - ohne sich unter Masken und Perücken zu verstecken. So wird mit der Reformation die vorösterliche Fastenzeit und zugleich die Fastnacht in Frage gestellt, damit schwindet auch ein Stück sinnenfreudige Festkultur. In protestantischen Gegenden geraten viele Bräuche in Vergessenheit. Der Fasching gilt dort bald als nicht zu duldendes "heidnisch Teuffels-Fest".

Die Rheinländer und die subversive Kraft des Karnevals

Später im 18. und 19. Jahrhundert wird aus anderen Gründen versucht, das närrische Treiben zu unterbinden. So untersagen die Franzosen in den besetzten rheinischen Gebieten den Karneval, der Kölner Stadtkommandant verbietet 1795 nicht nur das Maskieren, sondern jede Art der Verkleidung, weil er "Unordnungen" erwartet. Und Preußens König Friedrich Wilhelm III. will seinen neuen Untertanen 1828 "Maskeraden" nur noch in jenen größeren Städten der Rheinprovinzen erlauben, "wo sie von Alters her herkömmlich stattgefunden haben". Gerade durch die Verbote nimmt der Karneval, der vielerorts zur bloßen Sauferei verkommen ist, wieder neuen Aufschwung.

Und heute?

Kostümierte Mädchen tanzen vor dem Rathaus in Erfurt
In Erfurt sind die Jecken los Bildrechte: dpa

Überlebt hat das närrische Treiben in den Karnevalshochburgen - und auch in der thüringischen Diaspora. Jenseits davon - will man Umfragen glauben - lässt die fünfte Jahreszeit fast jeden fünften Deutschen eher kalt, weil ihm betrunkene Erwachsene in Kostümen, Podiumssitzungen und Marschmusik peinlich sind. Doch dort, wo die Karnevalsvereine noch wirken, gerade auf dem Land, treffen sich die Mitglieder oft das ganze Jahr über, ohne sie gäbe es noch weniger Miteinander.

Stichwort: Fastnacht, Fasching, Karneval In Süddeutschland und Österreich ist von "Fasching" die Rede. Bereits im 13. Jahrhundert gab es dort den "vaschanc" oder "vastschanc" - und das stand für das Ausschenken des Fastentrunks. "Oho, Faschang!" ist dort als Freudenaufruf bekannt. Die "Fastnacht" oder "Fasnacht" ist nicht nur in Baden-Württemberg, der Schweiz oder Liechtenstein belegt, auch in der Oberlausitz hat das Wort Tradition. Es entstand aus dem mittelhochdeutschen “vas(t)(en)nacht“. Das bedeutet die “Nacht vor dem Fasten“. Seit dem 15. Jahrhundert schließt es eine ganze Woche vor der Fastenzeit ein. Und das ist eine Zeit zu feiern, bevor dann am Aschermittwoch alles vorbei ist.

Der "Karneval" ist erst seit dem 17. Jahrhundert bekannt, aktenkundig wurde der Begriff das erste Mal 1780 in Köln. Angenommen wird, dass das Wort auf das italienische “carnevale“ zurückgeht und so in seiner Bedeutung (in etwa: Fleisch, lebe wohl) einen klaren Bezug zur Fastenzeit herstellt. Es könnte jedoch noch ältere Wurzeln haben, was viele Sprachwissenschaftler für wahrscheinlich halten: Das lateinische "carrus navalis" bezeichnet ein "Narrenschiff", das bei feierlichen Umzügen mitgeführt wurde.

Quellen: Das Kirchenjahr - Die Feste: Bedeutung Entstehung Brauchtum, Feste und Brauchtum im Kirchenjahr

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 25. Januar 2018 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2018, 17:16 Uhr

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