Nah dran-Reportage "Alle Jahre wieder": Warum wir so gerne Weihnachten feiern

Keine andere Zeit im Jahr ist so geprägt von Bräuchen und Traditionen: Weihnachtsbaum, Krippenspiel und Gänsebraten. "Alle Jahre wieder". Selbst junge Leute pochen darauf, und die Kinder sowieso. Wie und warum das so ist, erkundeten wir im thürinigischen Waffenrod-Hinterrod, beim Plätzchenbacken in einem Viergenerationen-Haushalt und bei den Proben zum Krippenspiel sowie im Gespräch mit Volkskundler Friedemann Schmoll von der Universität Jena.

Advent in Waffenrod-Hinterrod im Thüringer Wald
Probe zum Krippenspiel im thüringischen Waffenrod-Hinterrod: Einer drei Engel spricht zu den Hirten: "Geht und überzeugt euch selbst ..." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Advent in Waffenrod-Hinterrod im Thüringer Wald. Bei Oma Marianne werden Butterplätzchen gebacken: "Wollen wir auch mal ein Ringele machen, Elena?, fragt sie. "Oma, du bist ganz schön schnell", bekommt sie zu hören, weil sie so fix ist, wenn sie den Teig durch den "Fleischwolf" drückt.

Advent in Waffenrod-Hinterrod im Thüringer Wald
"Haste gut geleiert!", lobt Elena ihre Uroma. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Oma ist eigentlich die Uroma, Marianne Vogt kennt das Rezept seit ihrer Kindheit: Butter, Zucker, Mehl, ganz schlicht. "Jetzt machen wir das auch halt so", sagt Elenas Mutter, Carolin Krahl. Die Butterplätzchen sind nur eine von fünf Sorten, diealljährlich aufs Blech kommen. Eine Charge wird für die Probe des Krippenspiels in der Kirche gebraucht.

Vier Generationen leben im Hause Vogt/Krahl gemeinsam unter einem Dach. Die familiären Bräuche zur Weihnachtszeit hat jede Generation ganz selbstverständlich übernommen, erzählt Carolin Krahl: "Das Plätzchenbacken mit Uroma Marianne, das Ausschmücken der Wohnung, den Weihnachtsstollen, das Familienessen mit Weihnachtsgans."

Die magische Formel

Mit der Frage, warum Traditionen – besonders die weihnachtlichen – die Zeiten überdauern, beschäftigt sich auch die Wissenschaft. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena forscht dazu der Volkskundler Professor Friedemann Schmoll:

Traditionen bedeuten Stabilität: Je beschleunigter sich die Welt verändert, je größer Orientierungsschwierigkeiten sind, desto stärker das Bedürfnis, sich in Traditionen zu verankern.

Prof. Friedemann Schmoll Friedrich-Schiller-Universität Jena
Advent in Waffenrod-Hinterrod im Thüringer Wald
Blick auf Waffenrod-Hinterrod im Thüringer Wald Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Familie endlich vereint ohne Stress. Ein paar schöne Momente und Rituale. Vielmehr braucht es nicht: Wer Weihnachten so erlebt hat, möchte diese Erfahrung weitergeben, "weil man sich ja da selbst wohlgefühlt hat. Ich würde nichts ändern, gar nichts", sagt Carolin Krahl.

Es ist schon sehr bemerkenswert, dass Weihnachten das letzte große Fest ist, das eine ganze Gesellschaft durchdringt, die sehr stark auseinander fällt in Milieus, in Subkulturen, in Gruppen. Aber Weihnachten – das ist vielleicht die magische Formel von Tradition überhaupt, dieses 'Alle-Jahre-wieder', dieses verlässlich Wiederkehrende – das erfasst alle.

Prof. Friedemann Schmoll Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Weihnachtsgeschichte wird immer wieder neu erzählt. Daran konnten auch verschiedene politische Systeme nicht rütteln, selbst wenn sie versuchten, Traditionen zu vereinnahmen. "Es gab in der DDR Versuche, Weihnachten umzudeuten in ein Friedensfest. Noch absurder haben es die Nationalsozialisten getrieben, die Weihnachten entchristlichen wollten und umdefinieren in ein germanisches Fest. Aber totalitäre Gesellschaften – das zeigt Weihnachten auch sehr schön – haben sich da immer 'die Zähne ausgebissen'", sagt Friedemann Schmoll.

Abschied vom Pferdeschnitzen ...

Advent in Waffenrod-Hinterrod im Thüringer Wald
Das Pferdeschnitzen gerät leider in Vergessenheit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dafür stehen lokale Traditionen, die mit dem Weihnachtsfest einhergehen, auf der Kippe. Im thüringischen Waffenrod-Hinterrod wurden immer Holz-Pferdchen geschnitzt, das Dorf ist berühmt dafür. Kein Weihnachten ohne Pferdchen: "Im Ort waren zehn Pferdeschnitzer damals. Mein Opa hat auch welche gemacht. Aber jetzt ist nix mehr los", bedauert Marianne Vogt. Ihr Sohn Benno hat drei Jahre im Familienbetrieb mitgearbeitet, sich dann aber einen anderen Job gesucht: "Der Absatz war nicht mehr da. Das ist der Lauf der Dinge. Es ist schade drum, aber das lohnt sich wirklich nicht mehr." Heute gibt es noch einen Pferdeschnitzer im Ort. Im Thüringer Wald wird diese alte Handwerkstradition wohl aussterben.

... willkommen zur Stern-Prozession?

Advent in Waffenrod-Hinterrod im Thüringer Wald
Christoph Bauer, Ortsteilbürgermeister Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Leben in Waffenrod-Hinterrod geht trotzdem weiter. Ortsteilbürgermeister Christoph Bauer trägt seinen Teil bei. Und vielleicht macht er aus einer Gepflogenheit eine neue Tradition. Denn jedes Jahr muss der Stern für das Krippenspiel vom Gemeindehaus in die Kirche wechseln. 500 Meter liegen dazwischen: "Letztes Jahr haben wir den Stern die Runde durchs Dorf getragen.Dieses Jahr machen wir's wieder. So eine kleine Sternwanderung durchs Dorf als neue Tradition. Mit Musik und Glühwein. Das wäre eine feine Sache für die Gemeinschaft. Das müssten wir echt mal überlegen."

Advent in Waffenrod-Hinterrod im Thüringer Wald
Vielleicht eine neue Tradion ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ob die Stern-Prozession eine Zukunft hat, wird sich zeigen. Das Laienspiel, das die Geburt Jesu unter dem Stern darstellt, ist DER Klassiker beim Kirchgang am Heiligen Abend in Waffenrod-Hinterrod wie in vielen anderen Gemeinden. Die Kinder proben schon: "Geht und überzeugt euch selbst. Da findet ihr das Kind in einer Krippe in Windeln gewickelt in einem Stall in Bethlehem."

Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Einer der drei Engel spricht zu den Hirten In Luthers Übersetzung der Weihnachtsgeschichte

"Da wird jeder ein bisschen christlich"

Advent in Waffenrod-Hinterrod im Thüringer Wald
Jetzt schaut Carolin Krahl ihrer Tochter beim Krippenspiel zu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schon vor tausend Jahren soll es Krippenspiele am Altar gegeben haben. Dies dürfte also eine der ältesten Weihnachtstraditionen sein. Heute werden viele überhaupt erst durch das Krippenspiel an den Ursprung des Festes erinnert, wie Organisatorin Rebecca Bauer erklärt: "Allein schon durch die Vorbereitung ist das eine intensive Auseinandersetzung. Die Kirche ist heut' ja nicht mehr so, dass man das so sehr ernst nimmt, aber an Weihnachten ist es hier gerammelt voll. Dann müssen wir hinten noch Bänke hinstellen und oben stehen die Leute. Weihnachten beim Krippenspiel wird jeder so ein bisschen christlich."

Eine Familie sitzt zusammen am Tisch und feiert den zweiten Advent. 7 min
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Alle Jahre wieder, weil es schön ist und Erinnerungen weckt, auch bei Carolin Vogt, die nun ihrer Tochter Elena beim Krippenspiel zusieht: "Das Krippenspiel gehört schon immer zu unseren Traditionen dazu, ich habe selber schon mitgespielt, bevor ich getauft war. Für uns gehört der Kirchgang jedes Jahr dazu." Aber vorher ist noch Probe und danach gibt es die Butterplätzchen aus dem Viergenerationenhaus.

Advent, Advent ...

Moderator 3 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 19. Dezember 2019 | 22:35 Uhr

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