Hintergrund Was glauben die Sorben?

Die enge Verbindung zwischen christlichem Glauben und Nationalität hat in der sorbischen Geschichte einen besonderen Stellenwert. So konnten bis heute Sprache und religiöse Bräuche im Schutz der Kirche die Jahrhunderte überdauern.

Pfarrer Michael Nawka segnet die Osterreiter
Segnung der Osterreiter Bildrechte: IMAGO

Heute leben in Sachsen und Brandenburg schätzungsweise 60.000 Sorben. Dass die meisten katholisch sind, hält der Bautzner Superintendent Jan Mahling für ein Gerücht: "Die katholischen Sorben sind jünger und aktiver, sie wohnen in einem kleineren Gebiet als die evangelischen", sagt der Pfarrer. Deshalb entstehe der Eindruck, dass der katholische Glaube bei den Sorben überwiege. Tatsächlich seien etwa 25.000 Sorben evangelisch und 15.000 katholisch, so Mahling. So gibt es etwa 40.000 mehrheitlich katholische Obersorben in Sachsen und 20.000 überwiegend evangelische Niedersorben in Brandenburg.

Die sorbischen Osterreiter 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die besondere Bindung zum christlichen Glauben zeigt sich in vielen Bräuchen wie dem Osterreiten: Jedes Jahr zu Ostern satteln sorbische Männer ihre Pferde und reiten in die Städte und Dörfer der Lausitz, um die Botschaft der Auferstehung Jesu zu verkünden. Aber es gibt auch eine eigene sorbische Fastnacht oder die Tradition des Hochzeitsbittens. Noch heute sind Trachten, die an hohen kirchlichen Feiertagen getragen werden, sorbische Kirchenlieder und Gottesdienste in sorbischer Sprache Ausdruck der Frömmigkeit und des kirchlichen Lebens in der Region. Zahlreiche Bildstöcke, Betsäulen und Kruzifixe lassen sich auf dem Weg durch das Lausitzer Land entdecken. Die eigene Sprache und Kultur der Sorben, ihr christlicher Glaube werden heute nicht nur in Vereinen gepflegt, sie werden noch immer gelebt.

Die Sorben heute

Die Lausitz ist die Heimat der Sorben, der kleinsten slawischen Nation und eine der ältesten Minderheiten Deutschlands. Ein Blick in den Alltag der Sorben.

Gründung der Stiftung für das sorbische Volk im Oktober 1991 in der Kirche von Lohsa (Łaz) bei Hoyerswerda
Am 19. Oktober 1991 wurde in Lohsa (Łaz) bei Hoyerswerda die Stiftung für das sorbische Volk (Załožba za serbski lud) als eine von der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Sachsen und dem Land Brandenburg getragene nicht rechtsfähige Stiftung öffentlichen Rechts mit Sitz in Bautzen errichtet. Am Gründungsakt nahmen die Ministerpräsidenten von Sachsen, Kurt Biedenkopf, und von Brandenburg, Manfred Stolpe, teil. Stiftungszweck ist die Pflege und Förderung sorbischer Sprache und Kultur. Bildrechte: Jürgen Matschie
Ostersingen in der Kirche Dissen (Dešno)
Im sorbischen Kerngebiet, also in der Region um Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda, leben überwiegend katholische Sorben. Höhepunkt des religiösen Brauchtums der katholischen Sorben ist das Osterfest. Bildrechte: Thomas Kläber
Zapust in Cottbus (Chóśebuz)
Das am ausgelassensten gefeierte Fest in der Niederlausitz ist der "Zapust": die niedersorbische Fastnacht. Im Bild der Zapust-Tanz in Cottbus (Chóśebuz). Bildrechte: Thomas Kläber
Sorbische junge Mädchen bei der Konfirmation in Bautzen/Budyšin 2004
Gern begehen die Mädchen das Fest der sorbisch-evangelischen Konfirmation in Tracht. Bildrechte: Jürgen Matschie
Gründung der Stiftung für das sorbische Volk im Oktober 1991 in der Kirche von Lohsa (Łaz) bei Hoyerswerda
Am 19. Oktober 1991 wurde in Lohsa (Łaz) bei Hoyerswerda die Stiftung für das sorbische Volk (Załožba za serbski lud) als eine von der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Sachsen und dem Land Brandenburg getragene nicht rechtsfähige Stiftung öffentlichen Rechts mit Sitz in Bautzen errichtet. Am Gründungsakt nahmen die Ministerpräsidenten von Sachsen, Kurt Biedenkopf, und von Brandenburg, Manfred Stolpe, teil. Stiftungszweck ist die Pflege und Förderung sorbischer Sprache und Kultur. Bildrechte: Jürgen Matschie
Sorbischunterricht in der Grundschule Schleife (Slepo), 2008
Sorbisch wird überall gesprochen: in vielen Familien, in der Schule, in den Kindergärten und im öffentlichen Leben. Gegenwärtig gibt es sechs sorbische Grund- und vier Mittelschulen sowie ein Sorbisches Gymnasium in Bautzen sowie ein Niedersorbisches Gymnasium in Cottbus. Im Bild Sorbischunterricht in der Grundschule Schleife (Slepo). Bildrechte: Jürgen Matschie
Kinder feiern in Nebelschütz (Bautzen, Oberlausitz) die traditionelle Vogelhochzeit
Der 25. Januar ist für die Kinder in der Lausitz immer ein ganz besonderer Tag. Dann feiern sie in Kindergärten und Schulen Vogelhochzeit. Als symbolischen Dank für die Vogelfütterung im Winter bekommen sie Süßigkeiten. Bildrechte: IMAGO
Lesung in der Buchhandlung des Domowina-Verlages in Bautzen (Budyšin), 2006
Der Domowina-Verlag in Bautzen (Budyšin) betreut seit 1958 alle Publikationen, die sich direkt oder mittelbar auf die Sorben, ihre Identität, ihre Sprache, Kultur und Wissenschaft beziehen. Im Bild eine Lesung in der "Smoler'schen Verlagsbuchhandlung". Die Bautzener Buchhandlung ist der einzige Ort in Deutschland, wo man die gesamte Palette an sorbischer Literatur über die Sorben einsehen und erwerben kann. Bildrechte: Jürgen Matschie
Osterreiten in der Oberlausitz
Am Ostersonntag verkünden die in Gehrock und Zylinder gekleideten Osterreiter mit sorbischen Kirchenliedern und Gebeten hoch zu Ross die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi. Bildrechte: MDR/Diana Fritzsche-Grimmig
Ankleiden in Dissen (Dešno)
Die sorbische Tracht verschwindet zusehends aus dem Alltag, meist wird sie im Alltag nur noch von älteren Frauen getragen. Zu kirchlichen Feiertagen, Hochzeiten, familiären Ereignissen oder bei Auftritten von Kulturgruppen tragen auch jüngere Frauen und Mädchen die entsprechende Festtagstracht. Bildrechte: Thomas Kläber
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Rückblende: Zeit der Völkerwanderung

Etwa um das Jahr 600 kamen die Sorben oder Wenden - wie die Franken, Germanen und Römer sie nannten - während der Völkerwanderung aus dem Osten. Verschiedene slawische Stämme besidelten friedlich das Gebiet zwischen Ostsee und Erzgebirge. In der heutigen Ober- und Niederlausitz ließen sich die Milzener und Lusizer nieder. In Folge der Ostexpansion des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation im 10. Jahrhundert wurden die slawischen Stämme unterworfen. In dieser Zeit wurden die Sorben auf dem Gebiet der Bistümern Brandenburg, Meißen, Merseburg und Zeitz/Naumburg christianisiert.

Wo Glaube und Sprache fest zusammengehören

Mit der Reformation wurden 90 Prozent der Sorben evangelisch, obgleich Martin Luther sie als "die schlechteste aller Nationen" bezeichnete. 1548 wurde Luthers Fassung des Neuen Testaments ins Sorbische übersetzt, wurde aber nicht gedruckt. Es war die erste Übersetzung des Luther-Textes in eine andere Sprache überhaupt und zugleich die Geburtsstunde der sorbischen Schriftsprache. Einzig die Ländereien, die zum Bautzener Domstift und dem Kloster Marienstern gehörten, blieben katholische Enklaven.

Während Kurfürst Friedrich Wilhelm in Brandenburg 1667 "die gänzliche Abschaffung derer wendischen Prediger" anordnete und alle sorbischen Bücher und Manuskripte vernichten ließ, setzten sich in der Oberlausitz Vertreter der pietistischen Bewegung, zu denen auch der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, Graf Zinzendorf, gehörte, für die Verbreitung religiöser Schriften in sorbischer Sprache ein.

Im Ringen der beiden Konfessionen subventionierten die protestantisch dominierten Oberlausitzer Landstände von 1668 bis 1728 sogar die Herausgabe sorbischer Kirchenbücher. Doch die katholische Kirche hielt dagegen. Zeitgleich lassen sich erste Ansätze einer Institutionalisierung sorbischer Interessen erkennen: Ab 1666 wirkte die sorbische Predigerkonferenz, 1728 wurde das Wendische Seminar in Prag für die Ausbildung von katholischen Geistlichen gegründet.

Territorialer Flickenteppich

Nach dem Wiener Kongress 1815 gehörten große Teile des sorbischen Siedlungsgebietes nicht mehr zu Sachsen, sondern zu Preußen. Diese territoriale Aufsplitterung erschwerte die Bildung eines unabhängigen sorbischen Nationalstaates, nachdem das kleine westslawische Volk schon durch unterschiedliche Glaubensbekenntnisse und zwei verschiedene Schriftsprachen geteilt war – das Obersorbische, das dem Tschechischen näher steht, und das Niedersorbische, das enger mit dem Polnischen verwandt ist.

Unterschiedliche Entwicklung

In der Folgezeit kam es in den konfessionell unterschiedlichen Regionen zur unterschiedlichen Entwicklung der sorbischen Kultur. Dies ist auf die verschiedenen Strukturen der Kirchen zurückzuführen: Die evangelischen Landeskirchen hatten stets Landesherren, die deutschsprachig waren, während die römisch-katholische Kirche mit ihrer Ausrichtung zum Vatikan, transnational war.

Außerdem wirkte sich die Staatsnähe der evangelischen Kirche – besonders in der Niederlausitz – mit ihrer seit dem 19. Jahrhundert betriebenen Germanisierungspolitik negativ auf die sorbische Kultur, speziell auf die Sprache aus. In der katholischen Kirche herrschte dagegen eher die Meinung vor, dass die Muttersprache als göttliches Geschenk zu betrachten sei. So erklärt sich auch, dass in bestimmten Gebieten der Erhalt der sorbischen Sprachen besonders gepflegt wird.

Mehr über sorbische Kultur

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Nach einiger Zeit der Trauer bekennt sich Ena (Ulrike Krumbiegel) schließlich zu ihren Gefühlen und heiratet Sieghart (Ulrich Mühe). Der traditionelle sorbische Hochzeitsbitter, der Braschka, (Benno Mieth, rechts) gratuliert dem Paar.
Nach einiger Zeit der Trauer bekennt sich Ena (Ulrike Krumbiegel) schließlich zu ihren Gefühlen und heiratet Sieghart (Ulrich Mühe). Der traditionelle sorbische Hochzeitsbitter, der Braschka, (Benno Mieth, rechts) gratuliert dem Paar. Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 04. Juli 2020 | 11:00 Uhr