Gespräch & Hilfsangebote Häusliche Gewalt – Wie damit umgehen in Corona-Zeiten?

Eine Zunahme so genannter häuslicher Gewalt befürchten Experten in Corona-Zeiten. Bundesfamilienministerin Giffey forderte die Länder bereits auf, im Falle überfüllter Frauenhäuser Hotelzimmer als Schutzräume anzumieten. Der Opferhilfeverein Weißer Ring ruft zu Achtsamkeit auf, wenn die Lage in der Wohnung nebenan eskaliert. Heike Herold, Geschäftsführerin der Frauenhauskoordinierung in Deutschland, erklärt, was Betroffene und wir alle tun können.

Flyer Hilfetelefon für Frauen.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Jede vierte Frau in Deutschland macht diese Erfahrung, sagt die Statistik, laut einer nicht repräsentativen Studie ist auch jeder zehnte Mann körperlicher oder psychischer Gewalt ausgesetzt. Es ist zu erwarten, dass diese Zahlen zunehmen, jetzt in Corona-Zeiten, da es weniger Möglichkeiten gibt, Konflikten zu Hause auszuweichen. Was denken Sie?

Heike Herold, Geschäftsführerin der Frauenhauskoordinierung in Deutschland: Also die Ausgangsbeschränkungen bedeuten ja für alle Familien eine zusätzliche Belastung. Es wird Homeoffice durchgeführt. Die Kinder sind zu Hause. Es fehlen soziale Kontakte. Es bestehen vielleicht Existenzängste. Und es gibt kaum Möglichkeiten, kritische Situationen zu verlassen, beispielsweise zu Freundinnen und Freunden zu gehen oder ins Sportstudio. Besonders schwierig wird es, wenn es ohnehin schon Konflikte, eventuell auch schon verbale und psychische Gewalt gegeben hat. Da besteht ein hohes Risiko, dass sie jetzt eskalieren, aus verbaler auch körperliche Gewalt wird.

Was lässt sich dagegen tun? Wie können sich Betroffene selbst Hilfe holen?

Wenn die Situation sehr eskaliert, ist die Polizei zu rufen. Zuflucht bieten die Frauenhäuser, die Adressen sind zum Beispiel auf der Website der Frauenhauskoordinierung zu finden. Es gibt die Fachberatungsstellen, die jetzt umgestellt haben, vorrangig auf telefonische oder Online-Beratung. Und es gibt selbstverständlich auch das bundesweite Hilfetelefon, das immer noch Unterstützung anbietet.

Und wenn ich als Unbeteiligter mitbekomme, dass im Haus eine Familie in so eine Problemlage rutscht, dass es da möglicherweise häusliche Gewalt in meiner Nachbarschaft gibt, was kann ich als Nachbar oder Nachbarin tun?

Sie könnten zum Beispiel versuchen, den Streit zu unterbrechen: Nicht indem sie zu schlichten versuchen, sondern an der Tür klopfen und beispielsweise um etwas Salz oder zwei Eier bitten. Häufig reicht das schon.

So wird klar, dass jemand die Situation bemerkt, dass noch soziale Kontrolle da ist.

Wenn Freunde oder Bekannte wissen, dass es ein Problem in der Partnerschaft gibt, könnten sie versuchen, den Kontakt zu dem betreffenden Paar zu halten, telefonisch, um rauszuhören, wie die Situation ist und dann notfalls einzugreifen, also wenn die Situation zu eskalieren droht, die Polizei zu rufen.

Was sind Anzeichen dafür? Welche Familien sind besonders gefährdet? Worauf gilt es besonders zu achten?

Das lässt sich nicht so genau sagen. Wir wissen, dass jede dritte bis vierte Frau in ihrer Partnerschaft oder in ihrem Leben Gewalt erlebt. Das ist eine ganz beachtliche Zahl. Anzeichen sind, dass der Mann die Frau sehr geringschätzig behandelt, zunächst verbal, dass es immer wieder zu heftigsten Streiten kommt. Häufig versuchen die betroffenen Frauen aber auch, Konflikte zu überspielen oder Spuren körperlicher Misshandlung umzudeuten, indem sie sagen, sie seien gestürzt oder vor eine Tür gelaufen.

Ich stelle fest, es kommt auf uns alle an, hinzuschauen beispielsweise. Aber es scheint wenig zu geben, was man vorbeugend und koordiniert tun könnte ...

Doch, die wichtigste Art der Vorbeugung gegen häusliche Gewalt wäre es, dass wir uns in der Gesellschaft kritisch mit unseren Rollenbildern auseinandersetzen. Welche Rolle hat eine Frau in der Beziehung? Ist sie wirklich diejenige, die für die sozialen Kontakte, für das Gelingen der Beziehung zuständig ist? Was bedeutet eine gelingende Beziehung, ein gutes Verhältnis zwischen den Geschlechtern? Diese Fragen müssen wir uns stellen.

Das Gespräch führte Thomas Bille, MDR KULTUR.

Wo Sie Hilfe finden können

Frauenhauskoordinierung

Derzeit bitte mailen an: info@frauenhauskoordinierung.de

Hilfetelefon für Frauen: 08000 116 016 und Online-Beratung

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch immer erleben. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung bekommen Betroffene hier Hilfe - 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Fachkräfte werden anonym und kostenfrei beraten.

Der Weisse Ring-Hilfetelefon: 116006 und Online-Beratung

Auch beim "Weissen Ring" gibt es eine kostenfreie Hotline, an die sich alle Opfer von Gewalt wenden können. Unter der Nummer 116006 können Betroffene sieben Tage die Woche von 07:00 Uhr bis 22:00 Uhr anrufen.

Darüber hinaus bietet der "Weisse Ring" eine Reihe von Hilfsangeboten, die sich an Opfer häuslicher Gewalt richten. Weitere Infos dazu erhalten Sie auch über eine Onlineberatung des WEISSEN RINGS

Was können Sie tun, wenn Sie akut gefährdet sind?

Rufen Sie die Polizei unter der Telefonnummer 110. Die Beamten sind dort rund um die Uhr erreichbar.

Teilen Sie dann mit:

  • durch wen Sie gefährdet sind,
  • ob Sie verletzt sind,
  • ob Ihnen weitere Gewalt droht,
  • ob Waffen eingesetzt werden


Bringen Sie sich in Sicherheit, bis die Polizei kommt, und sagen Sie, wo Sie erreichbar sind. Wenn die Beamten vor Ort sind, haben Sie die Möglichkeit, mit Ihren Kindern unter Polizeischutz den Tatort zu verlassen und getrennt vom Gewalttäter Ihre Situation zu erläutern.

  • Schildern Sie der Polizei ausführlich, was vorgefallen ist, damit entsprechende Maßnahmen zu Ihrem Schutz und zur Verfolgung des Straftäters eingeleitet werden können.
  • Berichten Sie über Verletzungen, auch die nicht sichtbaren.
  • Übergeben Sie der Polizei das Tatwerkzeug.

Sich wehren

Die Polizei hat die Möglichkeit, dem Täter einen Platzverweis zu erteilen oder ihn in Gewahrsam zu nehmen, wenn die Gefährdung noch andauert oder nicht anders abgewendet werden kann. Bitten Sie die Beamten, Sie zu informieren, wenn der Täter entlassen wird. Sie haben die Möglichkeit, eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten, meist ist dazu ein Strafantrag erforderlich. Ein Strafantrag verdeutlicht Ihr persönliches Interesse an einer Strafverfolgung.

Verletzungen attestieren lassen

Lassen Sie sich Ihre Verletzungen attestieren. Ein Attest ist als Beweismittel für das Ermittlungsverfahren notwendig. Hierzu können Sie eine Gewaltopferambulanz aufsuchen.

Auch Männer können Opfer von Gewalt werden. Sie haben jedoch weit weniger Anlaufstellen, um ihre Probleme zu schildern. Männliche Opfer von Gewalt können sich jedoch genauso an die Opferambulanzen und an die Polizei wenden, auch der Weisse Ring steht ihnen zur Seite. Als einzige Stadt in Mitteldeutschland unterhält Leipzig eine so genannte Männerschutzwohnung, ähnlich den Frauenhäusern in anderen Kommunen.

Suchen Sie Hilfe in einer Gewaltopferambulanz

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. März 2020 | 08:40 Uhr