Nah dran | 12.11.2020 | In der Mediathek Was vom alten Leben bleibt: Wenn das Elternhaus ausgeräumt wird

Wenn die Eltern sterben oder älter werden, wenn ihnen Haus oder Wohnung zu groß werden, sind es oft die Kinder, die entscheiden müssen: Was behalten, wovon sich trennen? Wie Abschied nehmen vom Ort der Kindheit? Wir haben zwei Schwestern, eine Mutter und deren Tochter dabei begleitet.

Was vom alten Leben bleibt - Nah dran-Reportage 30 min
Bildrechte: MDR / Dickebohm /Tautfest

Seit Monaten räumen Ina Schwarz und Annedore Knaack das Haus ihrer Eltern aus, nachdem ihre Mutter im letzten Sommer und ihr Vater bereits 2009 starb. Die Schwestern sind Anfang, Mitte 60, sie haben selbst Haus und Hof, so können sie das Anwesen im brandenburgischen Blandikow nicht behalten.

"Oh nein, das schmeiß ich nicht weg!"

Was vom alten Leben bleibt - Nah dran-Reportage
Fotos, die an die über 100-jährige Geschichte des Hauses erinnern Bildrechte: MDR / rbb / Heike Dickebohm

Die Urgroßeltern hatten das Haus gebaut, mehrere Generationen lebten dort unter einem Dach. Kaufleute waren sie alle.

Sie führten den Kolonialwarenladen des Ortes, zu DDR-Zeiten wurde ein Konsum daraus.

Bis in die 1990er-Jahre war der Laden Mittelpunkt des Dorfes.

Es kommt der Zeitpunkt, wo man nur noch die Erinnerungen hat, aber nicht mehr dahingehen kann, wo die Erinnerungen herkommen.

Annedore Knaack
Was vom alten Leben bleibt - Nah dran-Reportage
Das ehemalige Kinderzimmer der Schwestern leert sich, das macht ihnen zu schaffen. Bildrechte: MDR / Dickebohm /Tautfest

Als Kinder mussten Ina und Annedore oft im Laden helfen, wo die Mutter lange hinter der Theke stand. Die alten Geschäftsunterlagen liegen noch in den Schränken. Nun müssen die Schwestern Haus und Laden räumen: "Es gab Momente nach dem Tod meiner Mutter, da bin ich reingekommen und musste wieder nach Hause gehen. Weil ich immer gedacht habe, sie sitzt mir auf der Schulter und sagt zu mir: 'Was machst du hier, du kannst doch nicht alles ausräumen!', erzählt Ina Schwarz. Auch im alten Kinderzimmer finden sich längst vergessene Schätze: "Guck mal! Da bin ich mal als gestiefelter Kater gegangen, das Kostüm hat Omi genäht. Hab' ich 'nen 1. Platz gekriegt dafür. Oh nein, das schmeiß ich nicht weg!"

Erinnerungen auszutauschen, bedeutet Kraft zu tanken. Pfarrer Berthold Schirge kennt die Familie lange und begleitet die Schwestern zum Grab der Eltern. Er sagt:

Wenn der Abschied unabdingbar ist, würde ich jedem empfehlen, dass er nicht alleine bleibt mit diesen ganzen Vorkehrungen.

Berthold Schirge Pfarrer in Blandikow

Was vom alten Leben bleibt - Nah dran-Reportage
Gemeinsam mit Freunden der Familie und dem Pfarrer am Grab der Eltern Bildrechte: MDR / rbb / Heike Dickebohm

Erinnerungen, die bleiben sollen

Was vom alten Leben bleibt - Nah dran-Reportage
Bilder, die Erinnerungen wecken, Anne Kriesel hat sie mitgenommen auf ihre Datsche, ihr Rückzugsort vor den Toren Berlins Bildrechte: MDR / rbb / Heike Dickebohm

Auch für Anne Kriesel ist der Abschied vom Elternhaus schmerzhaft. Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters mit nur 51 Jahren blieb die Mutter im Elternhaus wohnen. Das ist jetzt 10 Jahre her, damals sahen sich Annes Geschwister und ihre Mutter mit vielen Fragen konfrontiert: Welche Formalitäten sind zu erledigen? Wie organisiere ich eine Beerdigung? Wo finde ich Unterstützung? Anne Kriesel, damals gerade 30 und junge Mutter geworden, erinnert sich an die Überforderung. Für sich und ihre Familie hätte sie sich gewünscht, sich beraten zu können. "Es hat aber keiner gemacht." In ihr reifte der Gedanke, ein Netzwerk zu gründen, mit Experten, an die sich Betroffene vor und nach dem Tod eines Angehörigen wenden können; so ist "Bohana" entstanden.

Ich finde es ganz wichtig, dass die Menschen besser vorbereitet sind. Dafür habe ich die Plattform gegründet, als Hilfe, Entscheidungen bewusst treffen zu können und nicht aus einer Überforderung heraus.

Anne Kriesel
Was vom alten Leben bleibt - Nah dran-Reportage
Erinnerungen verpflanzen Bildrechte: MDR / rbb / Jupp Tautfest

Schließlich muss sich Anne Kriesel von ihrem Elternhaus verabschieden. Ihrer Mutter möchte in eine Wohnung ziehen. Die Kinder unterstützten ihren Entschluss und helfen bei der Beräumung. Doch auch das ist nicht leicht, denn inzwischen wohnen die drei weit weg, Sohn Johannes sogar in den USA. Auch corona-bedingt wird er nicht mehr kommen können, um sich zu verabschieden. Beim Gang durch das leer geräumte Elternhaus sagt Anne Kriesel: "Ich habe schon Fotos der Zimmer vor der Beräumung gemacht, und ich habe mir den alten Lieblingssessel meines Vaters mitgenommen. Solche Erinnerungen helfen, damit auch in Zukunft Dinge aus der Vergangenheit bleiben, die mir wichtig sind." Beim letzten Besuch des elterlichen Grundstücks gräbt Anne gemeinsam mit ihrer Mutter Marie Pflanzen im Garten aus. Die will sie mit zu sich nach Hause nehmen. Erinnerungen, die bleiben sollen!

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 12. November 2020 | 22:40 Uhr