Fragen & Antworten FAQ: Wer sind die neuen Heiden?

Bis heute gilt das christliche Weltbild vielen als Norm und Heiden als Abtrünnige. Das stört die heutige Anhängerschaft nicht. Sie ist nicht ungläubig, sondern hat viele Götter. Angerufen werden sie nicht in der Kirche, sondern in magischen Ritualen draußen in der Natur, die ihnen als beseelt gilt. Religionsforscher bezeichnen das Neuheidentum als "Paganismus", eine moderne Form der Naturspiritualität, die sich aus vermeintlich jahrtausendealtem, aber verschüttetem Wissen speist. Kritikern gelten sie als Germanentümler und rechte Esoteriker. Was ist dran? Wer sind die neuen Heiden, woran glauben sie?

Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Bei einem Ritual im Film: "Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter" Bildrechte: MDR / rbb

Was steckt hinter dem Begriff Neuheiden?

Vor der Ausbreitung des Christentums glauben die Menschen an viele Götter: an germanische, keltische, griechische oder römische beispielsweise. Für die Missionare sind sie jedoch Heiden, also Ungläubige, die auch mit Gewalt bekehrt werden. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts kommt es mit der Gründung von Nationalstaaten zu nationalen "Erweckungsbewegungen". Zugleich führt die rasante Industrialisierung zu tiefen gesellschaftlichen Umbrüchen und zu einer anti-modernen Sinnsuche in einer fernen Vergangenheit, in der die Menschen vermeintlich in Gemeinschaft lebten, in Harmonie mit sich und der Natur.

Die Neuheiden entstehen in dieser Zeit als esoterisch-neureligiöse Bewegung, die sich speist aus einer Vielzahl unterschiedlicher Gruppen, die nur eint, dass sie sich als Gegenpol zur christlich-jüdischen Religion und ethnisch definieren. Deren völkische Vordenker argumentieren, eine "Wüstenreligion", die in Palästina entstanden sei, passe nicht zum Ahnenerbe im waldreichen Deutschland. So kommt die "Blut und Boden"-Idee auf von der "Entjudung" bzw. Germanisierung des Christentums, um es von "artfremden" Einflüssen zu reinigen. Auch die damaligen Lebensreform-Bewegungen propagieren eine Rückbesinnung auf die Natur, betonen Gesundheit und Körperkultur sowie Spiritualität, lehnen aber Antisemitismus ab.

Nach 1945 erstmal diskreditiert, nimmt die Szene ab den 1970er-Jahren neuen Aufschwung im Zusammenhang mit dem Boom alternativer Religionen, beispielsweise der New Age-Bewegung in den USA.


Worauf berufen sich die Neuheiden?

Da es nahezu keine historischen Aufzeichnungen aus der Zeit des vorchristlichen Europas gibt, speist sich die "Urreligion" der Neuheiden vor allem auch aus keltischen oder germanischen Mythen und Sagen wie der "Edda" mit ihrer Götterwelt von Odin, Thor oder Loki. Diese Sammlung von Götter- und Heldenliedern wurde in der Handschrift Codex Regius um 1270 überliefert. Auch die Mythenadaptionen Richard Wagners gelten als einflussreich für die Vorstellungen vom Germanentum.

Naturheiligtümer wurden im Zuge der Christianisierung geschleift oder umgewidmet. Was über die frühen Germanen bekannt ist, stammt aus archäologischen Funden oder wurde überliefert von Römern und Missionaren.


Was glauben Neuheiden?

Prägend ist eine bestimmte Einstellung zu Leben und Tod. Zeit verläuft nicht linear, sondern im Kreislauf von Werden und Vergehen. Dementsprechend ist auch das menschliche Leben als Kreis zu betrachten, inklusive Wiedergeburt.

Grundsätzlich ist der neuheidnische Glaube aufs Diesseits ausgerichtet. Naturbezogene und erfahrungsorientierte Rituale stehen im Mittelpunkt. Gefeiert werden von allen Neuheiden sogenannte Jahreskreisfeste, gern an einstigen Kultstätten als "Kraftorten", etwa den Externsteinen im Weserbergland. Das Wissen um vermeintlich Jahrtausende alte Traditionen speist sich aus Mythen und Sagen, aber auch aus Studien archäologischer Forschungen oder Naturbeobachtungen.

Typisch sind Sagas wie der "Edda" zufolge generell kultische Orte in der Natur gewesen, was auch archäologische Funde belegen. Ein Opfer - blot - war demnach zentrales Element des Kultes, der von einem Goden, einer Art Häuptling oder Priester, geleitet wurde. So gab es u.a. Speiseopfer zu Ehren der Götter oder Geister, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Dabei sehen Neuheiden das Göttliche nicht als transzendent an, sondern als im Menschen und der Natur zu finden.


Wie viele Neuheiden gibt es in Deutschland?

Dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Viele leben ihren Glauben privat oder in kleinen Gemeinschaften, abseits der Öffentlichkeit.


Welche Gruppierungen der Neuheiden gibt es?

Die größte Gruppe sind die Ásátrú. Ihre Mitglieder verehren die namensgebenden Asen, also das nordisch/germanische Göttergeschlecht, zu denen unter anderem Odin und Thor gehören. Auch die Ásátrú sind keine homogene Gemeinschaft, sondern eher ein Spektrum von Gruppen. Beobachter unterscheiden zwischen einer ethnisch/völkischen und einer universalistischen Richtung.

Wicca sieht sich als Religion der Hexen, den Kult erfand der britische Kolonialbeamte Gerald Brosseau Gardner (1844-1964) in den 1940er-Jahren. Er behauptete, von weisen Frauen eingeweiht worden zu sein. In mystischen Romanen lieferte er rituelle Anweisungen. In Deutschland existieren inzwischen mehrere Zirkel. Ferner gibt es Schamanen oder Druiden in keltischer Tradition (z.B. Orden der Barden, Ovaten und Druiden) und etliche mehr.

Der Austausch läuft über sogenannte Heiden- oder Hexenstammtische sowie virtuell über Foren im Internet.

Über die Mittelalter- und Reenactment-Szene vermitteln sich neuheidnische Ideen auch über den engeren Kreis hinaus, als Lifestyle, in Rollenspiel und Selbstinszenierung.


Sind neuheidnische Gemeinschaften rechts?

Die Neuheiden sind keine einheitliche Gemeinschaft, vielmehr gibt es kleine und kleinste Gruppen. Einige sind dem rechten, völkischen Spektrum zuzurechnen. Viele hängen einem liberalen, sprituell geprägten Heidentum an und grenzen sich von Rechts ab. Sowohl die internationale Pagan Federation als auch die deutsche Kampagne "Heidentum ist kein Faschismus" (2010) distanzierten sich von Rassismus und Ausgrenzung.

Dezidiert anti-rassistisch tritt Nornirs Ætt auf. Ideologisierte Deutungen germanischer Kultur würden von der Gruppe als gefährliche Fälschungen abgelehnt, so Matthias Pöhlmann, Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Zum Ásátrú-Spektrum gehören auch der Eldaring e.V., mit etwa 400 Mitgliedern der größte germanisch-heidnische Verein in Deutschland.

Als rassistisch-rechtsextremistisch stuft Pöhlmann die Artgemeinschaft - Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung ein. Verbindungen in die rechtsextreme Szene unterhält demnach auch der 1976 gegründete Armanen-Orden. Die Germanische Glaubens-Gemeinschaft (GGG) ansässig im brandenburgischen Werbig sieht sich als Wiedergründung der gleichnamigen Gruppierung aus dem Jahr 1907. Offiziell distanziert sie sich von der völkischen Artgemeinschaft und definiert sich als traditionell.

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Galerie Impressionen: Schamanen, Heiden, neue Hexen

Die Dokumentation von Alexander Bartsch und Peter Podjavorsek gibt einen Einblick in die Welt der Neuheiden. Wir stellen drei der Protagonistinnen vor.

Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Thomas Vömel alias Voenix lebt in der Nähe von Frankfurt am Main. Der 52-Jährige ist Künstler, Schamane, Ritualleiter und Lebensberater. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Voenix bei der Eröffnung des Wolfszeit-Metalfestival mit einem Ritual. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Voenix
Als Schamane beruft sich Voenix auf ein Jahrhunderte altes, spirituelles und heilsames Wissen: "Ich habe immer wieder mal Leute, die bei Therapeuten waren, und die haben da zwölf Sitzungen. Dann zahlt die Krankenkasse nicht mehr, und dann stehen sie da, aber werden nicht mehr abgeholt, weil etwas fehlt. Ein Ritual fehlt, und ich mache mit den Menschen, wenn es nötig ist, auch mein Ritual, um Dinge hinter sich zu lassen, endgültig abzuschließen." Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Gudrun Pannier beim Ritual mit ihrer Druidengruppe in Berlin Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Sogenannter Wintermann aus Getreidehalmen, der das Haus und seine Bewohner vor Kälte und Hunger schützen soll. Enstanden ist er bei den Schmeings, die im katholischen Münsterland leben. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Luna Schmeing ist das jüngste Mitglied im Eldaring e.V., der größten neuheidnisch-germanischen Vereinigung in Deutschland. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Voenix als Ritualleiter bei einer Eheleite, also einer Trauung Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Thomas Vömel alias Voenix lebt in der Nähe von Frankfurt am Main. Der 52-Jährige ist Künstler, Schamane, Ritualleiter und Lebensberater. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Voenix ist auf Veranstaltungen in ganz Deutschland unterwegs, so wie beim Wolfszeit-Metalfestival in Leipzig. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Geräuchert wird auch. Bildrechte: MDR / rbb
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Voenix glaubt, als Schamane Menschen helfen zu können, die unter psychsichen Belastungen leiden. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Neuheidnische Rituale finden in der Regel draußen statt. Auch bei Regen. Schließlich handelt es sich um eine Naturreligion. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Gudrun Pannier ist studierte Theologin und versteht sich heute als Wicca, also als moderne Hexe. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Voenix arbeitet an einer Maske, die für ihn folgende Bedeutung hat: "Die Maske steht ursprünglich eigentlich für einen Hilfsgeist. Und der Hilfsgeist wiederum symbolisiert einen psychologischen Prozess, den der Schamane durchlaufen hat. In der Maske findet dieser Prozess einen Ausdruck. Und wenn ich eine Maske bearbeite, ist das immer nicht nur ein kreativer, sondern auch ein meditativer Prozess, in den ich eintauche, und meine eigene Kraft verdichte in diese Maske hinein." Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Stefan (l.) fand über seinen Partner Carsten zur heidnischen Community, die er als offen erlebte. Bildrechte: MDR / rbb
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Quellen: Literatur- & Linktipps

Matthias Pöhlmann (Hg.): Odins Erben. Neugermanisches Heidentum: Analysen und Kritik, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (2006)

Rudolf Simek: Die Germanen, Reclam (2011)

Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen, wbg (2014)

Rudolf Simek: Götter und Kulte der Germanen, C.H.Beck

Stefanie von Schnurbein: Göttertrost in Wendezeiten - neugermanisches Heidentum zwischen New Age und Rechtsradikalismus

Matthias Pöhlmann: Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen, Herder (2021)

Franziska Hundseder: Wotans Jünger. Neuheidnische Gruppen zwischen Esoterik und Rechtsradikalismus, Heyne (1998)

Andrea Röpke, Andreas Speith: Völkische Landnahme. Alte Sippen. Junge Siedler. Rechte Ökos,
Ch. Links Verlag (2019)

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 16. Juni 2022 | 22:40 Uhr