Wie ost- und westdeutsche Kirchen nach 1989 zusammenkamen Wiedervereinigung auf evangelisch

Im Herbst 1989 spielten die Kirchen eine wichtige Rolle: Viele Kirchen und Pfarrämter wurden zu Zufluchts- und Versammlungsorten, Frauen und Männer der Kirche waren aktiv in der Oppositionsbewegung, vermittelten, moderierten und wurden zu Wortführern. Beim Prozess der Wiedervereinigung tat sich die evangelische Kirche schwerer. Ein Rückblick.

Als in Berlin die Mauer fiel, tagte gerade die Synode der EKD im südwestlichen Zipfel der Republik, im badischen Bad Krozingen. Die Nachricht von der Grenzöffnung sorgte im Kirchenparlament eher für Sprachlosigkeit und Überraschung als für spontane Begeisterung, so jedenfalls beschrieb es später Alt-Bischof Hartmut Löwe, damals Vizepräsident im Kirchenamt der EKD. Aber bereits zwei Monate später ergab sich durch eine glückliche Fügung die Chance ein starkes Zeichen zu setzen: Lange vor der Friedlichen Revolution war ein mehrtägiges Treffen der Kirchenleitungen Ost und West vereinbart worden.

Die Loccumer Erklärung

Bei der ersten Tagung der gesamtdeutschen Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am 28.06.1991 in Coburg (Bayern) besiegeln der damalige Ratsvorsitzende der EKD, der Berliner Bischof Martin Kruse, und die Ost-Berliner Oberkonsistorialrätin Rosemarie Cynkiewicz mit einem symbolische Händedruck die Vereinigung der evangelischen Kirchen in Deutschland nach 22-jähriger Trennung.
Der Berliner Bischof Martin Kruse, und die Ost-Berliner Oberkonsistorialrätin Rosemarie Cynkiewicz besiegeln mit einem Händedruck die Vereinigung der evangelischen Kirchen in Deutschland nach 22-jähriger Trennung. Bildrechte: imago images / epd

Vom 15. bis 17. Januar 1990 versammelten sich in der evangelischen Akademie Loccum führende Vertreter der EKD und des Bundes der evangelischen Kirchen der DDR (BEK). Unter ihnen der Magdeburger Bischof Christoph Demke, Bischof Werner Leich aus Thüringen und Bischof Johannes Hempel aus der sächsischen Landeskirche. Eigentlich sollte in diesen Tagen Rückblick auf gemeinsame Gespräche gehalten werden, aber nun stand man vor der Herausforderung, über die Zukunft der evangelischen Kirchen unter den neuen politischen Bedingungen nachzudenken. Nicht nur nachzudenken, sondern sich auch zu äußern, denn die öffentliche Aufmerksamkeit richtete sich auf den kleinen Ort in Niedersachsen.

Kurz erklärt: Bund der evangelischen Kirchen in der DDR (BEK)

Der Bund der evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) war der Zusammenschluss der acht evangelischen Landeskirchen auf dem Gebiet der DDR. Die SED-Führung setzte nach Gründung der DDR auf strikte Abgrenzung vom Westen. Die Kirchen in Ost und West hingegen lebten gemeinschaftlich und seit 1948 unter dem Dach der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Daran änderte sich zunächst auch nach dem Bau der Mauer 1961 nichts. Erst der politische Druck durch die neue DDR-Verfassung von 1968 zwang die Landeskirchen in der DDR schließlich dazu, sich eigenständig zu organisieren. Dem stimmten bis Anfang Mai 1969 sämtliche Landessynoden zu. Im Juni 1969 wurde mit der Unterzeichnung der Ordnung des neuen Kirchenbundes die rechtlich-organisatorische Trennung von der EKD vollzogen. Im Zuge der Wiedervereinigung ging der Kirchenbund 1990 dann wieder in der EKD auf.

Quelle: epd

Nach intensiven Diskussionen wird am 17. Januar die "Loccumer Erklärung" verabschiedet und der Wunsch nach einer raschen kirchlichen Vereinigung formuliert:

Martin Kruse (li.), EKD-Ratsvorsitzender und Werner Leich, Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirche in der DDR, unterschreiben die Loccumer Erklärung.
Martin Kruse (li.), EKD-Ratsvorsitzender und Werner Leich, Vorsitzender des Bundes der evangelischen Kirche in der DDR, unterschreiben die Loccumer Erklärung. Bildrechte: imago/epd

Die besondere Gemeinschaft der evangelischen Christenheit in Deutschland ist trotz der Spaltung des Landes und der organisatorischen Trennung der Kirche lebendig geblieben. Wie sich auch die politische Entwicklung künftig gestalten mag, wir wollen der besonderen Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland auch organisatorisch angemessen Gestalt in einer Kirche geben. Mit den während der Trennung gewachsenen Erfahrungen und Unterschieden wollen wir sorgsam umgehen.

Loccumer Erklärung, Januar 1990

Wie die "organisatorisch angemessene Gestalt" aussehen könnte, soll eine gemeinsame Kommission der evangelischen Kirchen in beiden deutschen Staaten erarbeiten.

Die Loccumer Erklärung wird in der Öffentlichkeit mit Interesse aufgenommen, löst aber innerkirchlich Widerspruch aus. Eine Kritik: Diese Konsultation, so hochrangig sie auch besetzt sei, habe keine Berechtigung Weichen zu stellen, die Beteiligten hätten sich ohne Mandat geäußert. Andere warnen grundsätzlich vor einer vorschnellen Vereinigung.

"Wir wollen uns Zeit lassen"

Als Antwort auf Loccum veröffentlichen Christen aus beiden deutschen Staaten Anfang Februar 1990 die "Berliner Erklärung". Unter den Initiatoren sind Heino Falcke und Joachim Garstecki aus dem Osten, Ulrich Duchrow und Konrad Raiser aus dem Westen. Sie plädieren für ein Aushalten der noch bestehenden Trennung und ein langsames Zusammenwachsen. Diese beiden Positionen prägen auch die nächste Zeit: Während es den einen angesichts der Dynamik der politischen Entwicklung nicht schnell genug geht, mahnen andere vor "Wiedereivereinigungs-Trunkenheit". Auf der Synode des Bundes der evangelischen Kirche in der DDR heißt es Ende Februar 1990 zur Wiedervereinigung: „Wir wollen uns Zeit lassen.“

Die Vereinigungskommission wird dennoch gebildet und trifft sich ab Mai 1990 mehrmals. Sie besteht aus zehn Vertretern der EKD und neun Mitgliedern des ostdeutschen Kirchenbundes. Axel Noack, später Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, lehrt heute an der Universität Halle Kirchengeschichte der DDR. Er war sowohl in Loccum wie auch bei den Treffen der Vereinigungskommission dabei. Im Rückblick fasst er seine Eindrücke so zusammen:

Es waren sehr unterschiedliche Wahrnehmungen. Die aus dem Westen sagten immer: Brüder ihr habt es hinter euch, freut euch! Und wir sagten immer: Das war doch unser Leben, es war ja nicht einfach nur, dass wir es hinter uns haben. Da musste man dann vermitteln.

Axel Noack, Alt-Bischof der Kirchenprovinz Sachsen Deutschlandfunk

Vereinigung oder nur Wiederanschluss?

Während man auf Seiten der EKD keinen oder kaum Veränderungsbedarf sah, stellte man auf ostdeutscher Seite die Nähe der westdeutschen Kirchen zum Staat in Frage. Insbesondere das Kirchensteuersystem, der Religionsunterricht und die Militärseelsorge sorgten für Konfliktstoff.

In der Frage der Kirchensteuer einigte man sich am Ende darauf, das westdeutsche Modell zu übernehmen und die Kirchensteuer künftig auch im Osten über die Finanzämter einziehen zu lassen. Ähnlich beim Religionsunterricht an den Schulen. Beim Militärseelsorgevertrag musste die Lösung vertagt werden. 1957 hatten die westdeutschen Kirchen mit dem Staat einen Vertrag geschlossen, der vorsah, dass die Pfarrer in der Soldatenseelsorge von der Bundeswehr bezahlt werden.

In den ostdeutschen Kirchen, die sich für die Möglichkeit eines Dienstes ohne Waffen und für die Seelsorge an Wehrdienstverweigern eingesetzt hatten, empfand man das westdeutsche Modell als eine Zumutung. Eine befristete Rahmenvereinbarung machte in dieser Frage einen Kompromiss möglich und den Weg frei für die kirchliche Einheit.

Verpasste Chance für Veränderung

Am Ende vieler Diskussionen stand das EKD-Vereinigungsgesetz mit dem sperrigen Titel: "Kirchengesetz zur Regelung von Fragen im Zusammenhang mit der Herstellung der Einheit der Evangelischen Kirche in Deutschland". Im Februar 1991 wurde darüber getrennt in den Synoden Ost und West abgestimmt: In der EKD Synode wurde es mit einer Enthaltung angenommen, in der Synode der BEK gab es acht Gegenstimmen und eine Enthaltung. In Kraft trat es zum 27. Juni 1991. Anschließend tagte in Coburg die erste gemeinsame Synode der evangelischen Kirchen nach dem Bau der Mauer. Das Ereignis wurde, wie Augenzeugen berichteten, eher nüchtern, ohne große Feierlichkeit, begangen.

Formal, strukturell war die evangelische Kirche nun unter einem Dach wiedervereinigt, aber den unterschiedlichen Erfahrungen war nicht ausreichend Rechnung getragen worden. Eine verpasste Chance für kirchliche Veränderung, so empfanden es nicht nur viele Protestanten im Osten. Aber damals ließ der politische Druck wenig Raum für Zögern. Gerade von den evangelischen Kirchen, die während der Zeit der Trennung immer intensiv Kontakte gepflegt hatten und die doch ein Glaube verband, wurde erwartet, Vorreiter der Einheit zu sein, nicht Nachzügler.

Heute gibt es immer noch spürbare Unterschiede zwischen West und Ost, die Prägungen und Erfahrungen aus den Jahrzehnten vor 1990 wirken nach und sind auch dreißig Jahre später ein Thema. 2019 wurde in Leipzig die Forschungsstelle "Kirchliche Praxis in der DDR" gegründet. Sie versteht sich auch als eine Möglichkeit, den versäumten Dialog von 1990/1991 nachzuholen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran - Das Magazin | 24. September 2020 | 22:40 Uhr