Mein Körper – Meine Gabe #witchtok: Jede(r) kann Hexe(r) werden!

MDR Volontärin Vivien Vieth
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie kommunizieren mit Verstorbenen, legen Tarotkarten oder pendeln, sie behaupten, positive Energien zu senden: Unter dem Hashtag #witchtok teilen junge Hexen und Hexer ihre Erfahrungen auf der App TikTok. Viele von ihnen sind der Meinung: Jede:r kann Hexe(r) werden! Reporterin Vivien Vieth lässt sich deshalb auf einen Selbstversuch ein: Sie will wissen, was hinter dem Hype steckt. Wahrer Glaube? Marketing? Lifestyle? Dafür trifft sie sich mit zwei der erfolgreichsten Witchtokerinnen im deutschsprachigen Raum, mit Jessica aus Halle und Shisha Rainbow aus Berlin.

Eine neue Generation Hexen
Jessica ist Witchtokerin und sieht die moderne Hexerei als Form der Achtsamkeit. Bildrechte: MDR/Vivien Vieth

Vor einem Jahr hat Jessica einen schweren Autounfall überlebt. Sie erinnert sich, vorher durch eine männliche Stimme in ihrem Kopf gewarnt worden zu sein. Seitdem glaubt die junge Hallenserin fest daran, dass es mehr gibt, als nur das, was man sehen kann – und hat sich dem Hexendasein gewidmet. Online nennt sie sich witch.universe.

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Mein Körper: Wie werde ich eine Hexe? 15 min
Mein Körper: Wie werde ich eine Hexe? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK



In ihrem erfolgreichsten Video kommuniziert sie mit einer Verstorbenen, die sie Lea nennt: Jessica sitzt vor ihrer Handykamera und hält zwei goldene Wünschelruten in den Händen. In den leeren Raum hinein stellt sie Fragen. Überkreuzen sich die Ruten, heißt das für sie: Ja. Bleiben sie stehen, wird die Frage verneint. Lea sei mit 42 Jahren gestorben, erklärt Jessica. Sie wolle herausfinden wie: "Bist du bei einem Verkehrsunfall gestorben?" Die Ruten bewegen sich nicht. "An einer Erkrankung?" Kein Ausschlag. Jessica fragt weiter : "Bist du durch Mord gestorben?" Die Wünschelruten kreuzen sich. An dieser Stelle ist das Video plötzlich zu Ende. 

Jessica und das Gesetz der Anziehung: Wenn Wünschen hilft

Eine neue Generation Hexen
Kommunikation mit Verstorbenen? Bildrechte: MDR/Vivien Vieth

Weit mehr als 1,7 Millionen Mal wurde es geklickt. In den Kommentaren wird vor allem spekuliert, ob die Kommunikation mit einer Toten wirklich funktionieren kann. Seitdem lädt Jessica immer mehr Videos hoch, in denen sie den Kontakt ins Jenseits sucht. Aber auch ihre anderen Videos werden häufig geklickt: Darin erzählt Jessica, die als Heilkundelehrerin an einer Berufsschule arbeitet, über die Bedeutungen von Heilsteinen, wirbt für das Kartenlegen oder spricht von ihren Erfahrungen als Hexe.

Ihr Ziel sei es, eine vertrauenswürdige Quelle für alle zu sein, die auch Hexe werden wollten, erklärt sie. Auf die Frage, was das bedeute, sagt sie: "Man kann sich das nicht vorstellen wie bei Harry Potter oder The Winx, dass man mit dem Zauberstab rumwedelt und Sachen verzaubert." Es sei eher wie ein Lifestyle: "Man lebt viel achtsamer, macht Meditation, indem man Kräuter zum Kochen benutzt oder auch zum Baden." Und:

Eine Hexe zu sein bedeutet für mich, in Harmonie mit dem Universum zu leben.

Jessica

Jessica sagt, das sei die Grundlage der Hexerei, wichtig zum Beispiel für das Manifestieren: Innige Wünsche würden wahr, wenn man im Einklang mit dem Universum lebe, ist sie überzeugt. Dazu gehöre auch das Gesetz der Anziehung: "Ich denke an was Positives, dann passiert mir auch was Positives. Ich denke an was Negatives, also ziehe ich auch negative Sachen an."

ShiSha Rainbow: Mystikerin in sechster Generation

Das, was Jessica für sich als Lebensstil definiert, ist für ShiSha Rainbow fester Glaube. Sie ist Mystikerin in sechster Generation, wie sie erzählt. Ihre Mutter habe sie schon von klein auf spirituell erzogen. Sie setze sich seit Jahren mit dem Hexentum auseinander, durch Bücher und Kurse, neben dem Austausch mit ihrer Verwandtschaft und anderen Hexen.

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ShiSha Rainbow ist Mystikerin in sechster Generation, wie sie sagt. Bildrechte: MDR/Vivien Vieth

Einer ihrer Leitsprüche lautet:

Das Leben besteht zu 33 Prozent aus Biologie, zu 33 Prozent aus Psychologie und zu 33 Prozent aus Magie.

Shisha Rainbow

Magie ist für sie der Teil der Realität, der zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht wissenschaftlich erklärbar sei. Die Berlinerin ist mittlerweile die erfolgreichste deutschsprachige Witchtokerin. Sie sticht mit ihren Videos aus der Witchtok-Community hervor. Nicht nur durch ihr pinkes Haar, Makeup und Outfits, sondern vor allem auch durch die Art ihres Auftretens.

Hass und Drohungen

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Was sie weiß, teilt ShiSha seit circa einem Jahr auf TikTok. Bildrechte: MDR/Vivien Vieth

Sie spricht sehr selbstbewusst und energiegeladen, fast schon theatralisch zu ihren Followern. Sie erzählt von ihren spirituellen Erlebnissen, gibt Einsteigenden, die in der Community als Babywitches bezeichnet werden, Tipps. Wie viele andere TikTok-Hexen glaubt auch ShiSha, dass jede:r das Potential hat, eine Hexe zu sein. Für ihre Videos bekommt sie allerdings auch viel Hass und Drohungen:

Darin heißt es, dass man mich verbrennen soll, dass man das wieder so handhaben sollte wie 'damals'. Dann gibt es ganz viele Leute, die einen Glauben haben und den aufzwingen wollen beziehungsweise sich auf eine höhere Stufe stellen wegen ihres Glaubens und sagen: 'Du kommst in die Hölle.' Ich denke dann: 'Du kannst ja deinen Glauben haben, ich respektiere jeden Glauben, aber nur solange man mich auch respektiert. Das ist Toleranz. Ich weiß nicht, was die Wahrheit ist, du weißt es nicht und auch nicht der Christ oder Moslem.'

Shisha Rainbow

Kulturanthropologin Hegner: "Wissenssystem Spiritualität"

Die Kulturanthropologin Victoria Hegner hat sich viele Jahre mit modernen Hexen und ihrer Geschichte auseinandergesetzt. Deren Bild habe sich immer wieder neu geformt und so an die jeweiligen Umstände und Bedürfnisse der Gesellschaft angepasst, sagt sie Blick etwa auf eine Stadt wie London im 19. Jahrhundert, als mit Industrialisierung und Aufstieg der Wissenschaften auch die Rationalität im Denken an Bedeutung gewonnen habe. Zugleich habe sich eine Gegenbewegung gebildet, die sich auf die Spiritualität berufen und die Hexe als magische Frau wiederentdeckt habe. Im Kalifornien der 1960er- und 1970er-Jahren sei die Hexe zum feministischen Vorbild einer selbstbewussten, sich selbst ermächtigenden Frau geworden.

Hegner sieht in dem neuen Trend denn auch nichts Irrationales. Vielmehr erkennt sie darin eine politisch-aktivierende Komponente in der heutigen, von Krisen und Technisierung geprägten Zeit, die schließlich auch dadurch gekennzeichnet sei, dass körperlich-seelische Erfahrungen abnähmen:

Das hat Konjunktur, nicht als Eskapismus, sondern aktivierend: 'Mischt euch ein, verändert die Welt. Nutzt nicht immer nur das Wissenssystem Wissenschaft, denn da hat man ja gesehen, dass es nicht alle Lösungen bereit hält, sondern daneben und im Verbund auch das Wissenssystem Spiritualität'.

Victoria Hegner Kulturanthropologin

Trump und Corona als Trendsetter

Der Witchtok-Trend fand um 2016 in den USA seinen Anfang. In verschiedenen Zeitschriften wird das Interesse am modernen Hexentum auf TikTok mit dem Aufstieg von Trump begründet. Mit der Black Lives Matter-Bewegung haben sich demnach Witchtokerinnen auf der App zusammengeschlossen, etwa um Schutzzauber für die Demonstrierenden zu initiieren. Nach Deutschland schwappte der Trend mit Beginn der Corona-Pandemie.

Neuer Hype, großer Markt

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Reporterin Vivien Vieth lässt sich auf einen Selbstversuch ein. Bildrechte: MDR/Vivien Vieth

Der neue Hype zeigt sich auch beim überbordenden Angebot für Hexen-Artikel. Auf verschiedenen TikTok-Accounts wird von Pendeln über Heilsteine bis hin zu passender Literatur alles empfohlen. Bücher mit Titeln wie "Das große Hexen-Handbuch", "Wiccapedia" oder "Grüne Magie" haben sich seit Beginn der Corona Pandemie auffallend gut verkauft. Auf Anfrage an die Verlage wird bestätigt, dass die Nachfrage noch immer stetig steigt.

Die Motivation, Witchtok zu folgen oder selbst Teil der Witchtok-Community zu sein, sind vielfältig. Aber egal, ob politisch motiviert, aus tiefem Glauben heraus oder als Lifestyle: Das Ziel achtsamer zu sein und sich wieder mehr auf das Zusammenleben mit der Natur zu konzentrieren, scheint immer eine Rolle zu spielen.

 

 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 19. März 2022 | 18:00 Uhr