Pro & Contra Vor dem BGH-Urteil: Positionen im Streit ums Wittenberger Schmäh-Relief

Seit fast fünf Jahren tobt der Streit ums "Judensau"-Relief an der Wittenberger Stadtkirche. Die war zum Reformationsjubiläum 2017 aufwändig saniert worden, inklusive der außen angebrachten Schmähplastik. Und während die einen fordern, sie müsse dringend entfernt werden, argumentieren andere: Der historische Antijudaismus müsse sichtbar bleiben, dort, wo Luther gegen die Juden hetzte. Die Entscheidung des Bundesgerichtshofs über die Klage von Michael Düllmann wird nun für Juni erwartet. Düllmann wirft der Stadt vor, ein Hort des Antisemitismus zu sein.

Antisemitisches Relief, sogenannte Judensau-Skulptur an der evangelischen Stadtkirche in Wittenberg, an der einst Martin Luther predigte
Gegen das Wittenberger Relief hat Michael Düllmann aus Bonn geklagt. Bildrechte: imago images/Winfried Rothermel

Richtig los ging der Streit um das "Judensau"-Relief mit dem Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Zuvor wurde die Wittenberger Stadtkirche aufwändig saniert. Die Restauratoren kümmerten sich auch um das damals unscheinbare graue Relief hoch oben an der Fassade des Gotteshauses. Die Arbeiten wurden erstklassig ausgeführt – seitdem ist es als Spottbild erkennbar und wieder im Fokus der Öffentlichkeit.

Heikles Thema für Stadt und Kirche

Proteste ließen nicht lange auf sich warten. Die Forderung: Das Relief müsse verschwinden. Die evangelischen Marienschwestern aus Darmstadt um Schwester Damiana haben mehrmals in Wittenberg demonstriert und meinen dazu: "Bilder haben eine sehr starke Sprache, die viel stärker ist, als wenn man ein Schriftwort daruntersetzt. Viele Juden fühlen sich dadurch sehr verletzt, betroffen – das verletzt dann auch mich."

Die Debatte ist aufgeheizt. Sowohl der mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer als auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein forderten, das Relief entfernen zu lassen. Durch die Abbildung werde Juden jede Menschlichkeit abgesprochen, sagen sie.

Die christliche Kirche trägt den Antijudaismus in ihrer DNA.

Christoph Maier Direktor der Evangelischen Akademie in Wittenberg

Es sei ein heikles Thema, auch für die Kirche selbst, betont Christoph Maier als der Direktor der Evangelischen Akademie in Wittenberg: "Die christliche Kirche trägt den Antijudaismus in ihrer DNA. Das Christentum hat sich aus dem Judentum heraus entwickelt und zwar durch eine Trennung, durch eine Abgrenzung. Das ist ja das Schwierige: Wir haben bis in unsere Gründungsurkunde, bis in die neutestamentlichen Texte hinein Antijudaismus, der zu Antisemitismus geführt hat."

Dieses Donnergrollen halle heute noch nach, sagt Christoph Maier. Er ruft deshalb zu einer offensiven Auseinandersetzung auf, um sich den Ursachen für Antisemitismus zu stellen.

Was das Relief zeigt und wie die Stadt bisher damit umgeht

Das Sandsteinrelief wurde um 1300 an der Südfassade der Stadtkirche Wittenberg angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Ähnliche Spottplastiken finden sich an rund 30 evangelischen und katholischen Kirchen und Kathedralen im deutsch geprägten Kulturraum.

Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung.

Die Gemeinde verweist auf Gedenkveranstaltungen und Führungen zur Aufarbeitung.

OB Zugehör will "Vermittlung verbessern"

In Wittenberg dagegen schütteln viele verwundert die Köpfe. Das passiere doch schon längst, meint der Direktor der Luthergedenkstätten-Stiftung, Stefan Rhein: "Wittenberg hat sich schon sehr früh zu dieser Schuld bekannt. Ich bitte immer alle, die von außen auf diese Stadt schauen, beides wahrzunehmen: sowohl die tiefe, unentschuldbare Beleidigung der jüdischen Mitbürger als auch das Bekenntnis von Schuld der Wittenberger. Beides gehört zusammen, beides soll auch bleiben."

Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör verweist auf das Gedenkensemble an der Stadtkirche, das schon in den 1980er-Jahren geschaffen wurde. Es sei ja nicht nur die Schmähplastik zu sehen: "Wir haben unten dieses Mahnmal. Wir haben unten die Zeder als Baum Israels, der dort gepflanzt ist und den viele übersehen. Und es gibt die Stele. Ich glaube, den Dreiklang, den wir dort haben, kann man in der Vermittlung verbessern. Darauf sollte man sich konzentrieren. Vom Abmachen, da bleibe ich dabei, halte ich nichts."

Kläger: "Antisemitismus hat sich eingenistet in Wittenberg"

Doch für Kläger Michael Düllmann aus Bonn, der einer jüdischen Gemeinde angehört, ist die Schmähplastik ein unerträglicher Anblick. Er bleibt dabei: Das Relief müsse weg. Dass er mit seiner Forderung in Wittenberg auf taube Ohren stößt, findet der 79-Jährige befremdlich: "Der Antisemitismus hat sich eingenistet in Wittenberg bis heute. Und die 'Judensau', die dort weiterhin hängt, ist ein Beweis dafür. Die Wittenberger Gesellschaft hat sich mit dem Antisemitismus völlig unzureichend befasst."

Doch wäre es richtig, Geschichte einfach so zu verstecken? Immerhin ist das Relief etwa 700 Jahre alt. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig findet, dass Bilderstürmerei auch aus den allerbesten Beweggründen noch nie etwas bewirkt habe. Unbestritten sei aber auch, dass die Judensau-Skulptur aus dem Mittelalter eine furchtbare Hinterlassenschaft sei, so Liebig: "Es bleibt eine diskriminierende Darstellung. Da kann man auch mit historischen Einordnungen nichts dran ändern. Gleichzeitig ist es meines Erachtens aber auch nicht sinnvoll, das Relief abzunehmen. Ich hätte mir gewünscht, dass da eine befriedende Lösung gefunden würde."

Beispiel Calbe

Nun verhandelt der Bundesgerichtshof über das Wittenberger Relief. In Calbe an der Saale übrigens hat die Kirchgemeinde eine ähnliche Schmähskulptur unlängst zugehängt – woran sich bislang kaum jemand stört.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Mai 2022 | 07:10 Uhr