Zivilcourage gegen die Angst "Dann steht uns zur Seite!"

Der Ton wird rauer. Wer gegen Rassismus und Hetze auftritt, muss mit Konsequenzen rechnen, vor allem Kommunalpolitiker bekommen sie zu spüren. Markus Nierth war bis 2015 Bürgermeister von Tröglitz. Als er für die Aufnahme von rund 50 Flüchtlingen in der Gemeinde im Burgenlandkreis plädierte, wurde er zur Zielscheibe des Hasses und gab sein Amt auf. Auch weil er keinen Rückhalt spürte. Das Gefühl der Angst und Isolation kennt auch Annalena Schmidt, deren Blog über rechte Vorfälle in Bautzen 2016 Furore machte. Die Historikerin und Ex-Stadträtin hat inzwischen einen Neuanfang gemacht. Wie beide auf die Ereignisse blicken und wie sie umgehen lernten mit einem lähmenden Gefühl, der Angst ...

Ein Mann mit Brille
Sechs Jahre nach den Ereignissen von Tröglitz rekapituliert Markus Nierth: "Es belastet noch immer." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Friedhöfe tun ihm gut, sagt Markus Nierth. Auch weil er hier als Trauerredner noch Anteil nehmen kann an seiner Umgebung. Denn seit 2015 leben er und seine Familie in Tröglitz weitgehend isoliert.

Der Fall Tröglitz. Sechs Jahre später

Zwei Männer, einer in der Weste der Polizei
Fäkalien per Post, Morddrohungen, schließlich Polizeischutz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als ehrenamtlicher Bürgermeister der rund 3.000 Einwohner zählenden Gemeinde im Burgendlandkreis hat sich Markus Nierth damals für die Aufnahme von rund 50 Flüchtlingen eingesetzt. Aufgebrachte Bürger, angeführt von der NPD, laufen dagegen Sturm. Als sie sogar vor sein Wohnhaus ziehen, wirft Markus Nierth hin. Er will seine Familie schützen. Doch danach wird alles nur noch schlimmer. Er bekommt Fäkalien per Post, Morddrohungen, schließlich Polizeischutz. Die Medien berichten, in Tröglitz selbst erlebt Markus Nierth nur eisiges Schweigen. Nachbarn, Bekannte, fast alle in der Umgebung wenden sich ab. Er erzählt, wie er damals durch die Gegend fährt und allein in seinem Auto brüllt, "um den Frust, den Schmerz rauszulassen – und die Angst, Todesangst: Er merkt, es fehlt ihm die Luft zum Atmen: "Da bin ich damals lange zu meinem Seelsorger und hab' das durchgerungen. Das war schon hart."

"Unrecht muss benannt werden!"

Menschen laufen durch eine Straße
Demo 2015 in Tröglitz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ob und warum alles so kommen musste? – Diese Frage quält Markus Nierth bis heute. Denn sie rührt an die Grundfesten seines Menschenbildes. Als er wieder die Kraft hat, fragt er damals bei einigen direkt nach: "Ey, wo warst Du?" Doch bis heute sei keiner gekommen, "um zu sagen: 'Es tut mir leid. Das hätte ich mal nicht machen sollen, mit den Nazis laufen. Oder schweigen'." Die Enttäuschung sitzt tief:

Wir haben als Familie viel bezahlt und bezahlen bis heute, weil wir gesagt haben: 'Was hier passiert, ist Unrecht!'' Unrecht muss benannt werden, damit es sich nicht wiederholt. Damit die Rechten nicht zum Nächsten ziehen und sagen: 'Den jagen wir auch aus dem Amt.'

Markus Nierth

Er und seine Familie hielten bisher Stand, um andere zu ermutigen. "Um zu sagen: Ich habe Angst. Ich werde bedroht. Aber auch: Wenn ihr guten Geistes seid, dann steht uns zur Seite."

Zur Person: Markus Nierth

Markus Nierth, 1969 in Eisleben geboren, wuchs in der Nähe von Weißenfels auf. Sein Vater war Superintendent, als die Familie 1986 die DDR gen Westen verließ. Nierth studierte Theologie in Tübingen. 1998 zog er mit seiner damaligen Frau und den zwei Kindern in die Nähe der alten Heimat, nach Tröglitz im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. Er kaufte den Gasthof "Lindenhof" genau in der Mitte des Dorfes, eine Fachwerkruine mit einem Tanzsaal und großem Innenhof. Er begann, als Trauerredner zu arbeiten und wurde als Parteiloser von der CDU für das Amt des Ortsbürgermeisters von Tröglitz nominiert. Markus Nierth übte dieses Amt ab 2009 aus und legte es im März 2015 nieder. Markus Nierth ist Vater von sieben Kindern und lebt nach wie vor mit seiner Patchwork-Familie in dem alten Gasthof Tröglitz, gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau betreibt

Der Fall Tröglitz

Ermittlungen Befragungen der Polizei in Tröglitz
Die ausgebrannte Unterkunft in Tröglitz Bildrechte: MDR/Tanja Ries

Dezember 2014: Der Gemeinderat von Elsteraue, zu der die Ortschaft Tröglitz gehört, erfährt, dass die Kreisverwaltung des Burgenlandkreises Flüchtlinge in Wohnungen des Ortes unterbringen will. Die Sitzung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dennoch machen schnell Gerüchte im Ort die Runde. Markus Nierth antwortet darauf als Ortsbürgermeister in einem Brief an die Bürgerinnen und Bürger, er spricht darin über eigene Ängste, zeigt Verständnis für Vorbehalte, will zugleich aber zu Offenheit ermutigen. Dass er darin von "Asylanten" spricht, die nun einmal da seien, bedauert er später.

Januar 2015: Die Demonstrationen gegen die Pläne beginnen, in Anlehnung an die Pegida-Aufzüge montags und unter Führung des NPD-Kreisrates Steffen Thiel. Nierth organisiert mit dem Ortspfarrer Friedensgebete.

März 2015: Die Route der für den 8. März angemeldeten Demonstration soll vor Nierths Privathaus führen, um dort eine Kundgebung abzuhalten. Davon erfährt er in einer Ortschaftsratssitzung. Am 6. März gibt er seinen Rücktritt vom Amt des Ortsbürgermeisters bekannt. Nierth kritisert bei Facebook scharf die fehlende Unterstützung durch die Verwaltung, etwa die Kundgebung vor seinem Haus zu unterbinden. Landrat Götz Ulrich weist das zurück. Tröglitz macht bundesweit Schlagzeilen. Der Kreistag beschließt am 8. März, im Mai 40 Asylbewerber oder Flüchtlinge in Tröglitz aufzunehmen. Als Reaktion auf die Ereignisse in Tröglitz legt Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht einen Erlass zum Schutz ehrenamtlicher Politiker vor. Unter anderem sollen Nazi-Aufmärsche vor Wohnhäuser der Politiker nicht mehr möglich sein. Die Lage spitzt sich dennoch weiter zu, mit einem Aufmarsch Rechter, einer Gegendemo und Morddrohungen gegen Nierth. Zu einer Bürgerversammlung am 31. März kommen 500 Einwohner und machen ihrem Unmut Luft. Sie seien zu spät über die Pläne informiert worden. Nierth und der evangelische Pfarrer Matthias Keilholz stellen auf der Versammlung eine "Tröglitzer Erklärung" vor, in der eine neue Willkommenskultur und Wege zur Integration der Flüchtlinge angesprochen werden.

April 2015: Am 4. April wird in der geplanten Asylbewerber-Unterkunft in der Thälmann-Straße Feuer gelegt. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer "besonders schweren Brandstiftung". Noch am selben Tag demonstrieren 300 Menschen in Tröglitz gegen Ausländerhass und Gewalt. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff kommt nach Tröglitz. Nun gibt es auch Morddrohungen gegen den Landrat. Innenminister Holger Stahlknecht setzt eine 20.000-Euro-Prämie für Hinweise auf die Brandstifter aus. Er kündigt außerdem an, dass im Mai zunächst nur 10 Flüchtlinge aufgenommen und in privaten Unterkünften untergebracht werden sollen.

Der Fall Annalena Schmidt in Bautzen

Eine Frau mit Brille an einem Schreibtisch
Annalena Schmidt hat Bautzen inzwischen verlassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sich couragiert gegen Rechtsradikale zur Wehr setzen, hielt auch die Bloggerin Annalena Schmidt für ihre erste Bürgerinnenpflicht. Sie twittert in Bautzen gegen Hass und Hetze, bis auch sie das Gefühl bekommt, sie sei der "Feind". Diesen Eindruck gewinnt sie bei einer Diskussion unter dem Titel "Bautzen – Wir müssen reden" am 8. Februar 2019 in der Maria-und-Martha-Kirche, zu der 800 Menschen strömen.

"Wer sind Sie? Gehen Sie wieder!"

Menschen in einer Kirche
Am 8. Februar 2019 in der Bautzner Maria-und-Martha-Kirche geht es hoch her. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als sie ihr Demokrativerständnis und das Recht auf Meinungsfreiheit erläutert, johlen viele. Sie muss sich fragen lassen, mit welchem Recht sie für den Stadtrat kandidiere, wo sie doch erst seit knapp vier Jahren in Bautzen lebe. Im direkten Dialog auf dem Podium hört die "Zugereiste" von einer Frau unter Beifallsbekundungen den Anwurf: "Wer sind Sie? Gehen Sie wieder!"

Es gibt ja diesen schönen Spruch: 'Wir stehen hinter Dir.' Ich hab' oft gedacht: 'Es wäre schöner, wenn ihr vor mir steht. Wenn ihr Euch auch zu Wort melden würdet, in einer Reihe stehen, würde mir das deutlich mehr helfen.

Annalena Schmidt

Zur Person: Annalena Schmidt

Es war der September 2016, der Annalena Schmidts Blick auf Bautzen nachhaltig veränderte. Nach Auseinandersetzungen auf dem Kornmarkt hatten Neonazis junge Flüchtlinge durch die Stadt gehetzt. Unter dem Eindruck der Ereignisse griff sie zu ihrem Handy und verbreitete ihre Erlebnisse per Twitter. In ihrem Blog dokumentierte sie fortan rassistische und rechtsextreme Vorfälle. Nach Bautzen kam die gebürtige Hessin und studierte Historikerin 2015, um eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sorbischen Institut anzutreten. 2018 wurde sie von der Bundesregierung als Botschafterin für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Aus Bautzen ist sie 2020 weggezogen, heute lebt sie in Dresden und arbeitet für die Diakonie Sachsen im Bereich der Politischen Bildung.

Twitter-Seite auf einem Laptop
Ihr Blog provozierte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rund um die Veranstaltung bekommt sie Morddrohungen. Sie erstattet Anzeige. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bis Juni 2019, etwa dass einer der Anrufe aus einer Telefonzelle ganz in ihrer Nähe kam. Die Einstellungsverfügung erhält Annalena Schmidt zwei Tage, nachdem der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke vor seinem Haus aus nächster Nähe von einem Rechtsextremisten erschossen wird. Im Oktober 2015 hatte der CDU-Politiker mit Bürgern über eine geplante Unterbringung von Flüchtlingen diskutiert, sich bei ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürgern bedankt sowie an die Störer gerichtet gesagt: "Ich würde sagen, es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten." Wer sie nicht teile, könne das Land verlasse.

In Bautzen ist es Annalena Schmidt, die für demokratische Werte eintritt. Lange weigert sie sich, eine Konsequenz aus den Anfeindungen zu ziehen. Schließlich sei es genau das gewesen, was die um das "saubere Image" der Stadt besorgten Bürgerinnen und Bürger gewollt hätten: sie vertreiben Dann aber sei ihr klar geworden, wie sich ihr Leben verändert habe, etwa wenn sie jedes Mal überlegt habe, "wie man vom Bahnhof nach Hause läuft, dass man abends nicht mehr mit Freunden und Freundinnen Bier trinken geht, wenn man nicht weiß, dass da jemand dabei ist, der einen heimfährt". Dass die Angst ihren Alltag so bestimmt, will sie nicht zulassen. 2020 verlässt sie Bautzen.

"Das Gegengift ist Kommunikation!"

Ein Bruch, der Markus Nierth noch bevorsteht. Dass er kommt, daran lässt der 52-Jährige keinen Zweifel: "Wir sind hier nicht mehr zuhause", sagt er sechs Jahre nach den Ereignissen von Tröglitz, "und so geht's ja vielen, die sich engagiert haben. Wir werden irgendwo was Neues aufbauen und uns in einer neuen Gemeinschaft mit Freude einbringen. An einem Ort, wo man ganz normal auf der Straße ins Gespräch kommt, was ich jetzt einfach kaum noch mache."

Einen Neuanfang hat Annalena Schmidt auch beruflich bereits hinter sich, bei der Diakonie Sachsen organisiert sie inzwischen die politische Bildung, sie schult und berät Ehrenamtliche in ihrem zivilgesellschaftlichem Engagement. Nach zwei Jahren Arbeit, zu Pandemie-Zeiten auch über Online-Seminare, berichtet sie von Teilnehmenden, die ihr erzählen: "Mein komplettes Umfeld hängt Verschwörungserzählungen an! Ich hab' Angst, da selber rein abzurutschen. Ich brauch' jetzt einfach Informationen, wie ich mich selber davor schützen kann." Schmidt meint: "Das Gegengift ist Kommunikation!" Dazu braucht es aus ihrer Sicht eine stärkere Vernetzung, um sich und anderen Rückhalt zu verschaffen. Das sei eine der wichtigsten Lektionen aus ihrer Bautzen-Zeit. Alleine lasse sich nur wenig ausrichten gegen Hass und kollektive Ausgrenzung.

Buchtipp Markus Nierth
Brandgefährlich. Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht. Erfahrungen eines zurückgetretenen Ortsbürgermeisters
Ch. Links Verlag

Markus Nierth schreibt von seinen Erfahrungen mit dem Extremismus der vermeintlichen Mitte, die er mit politischen Forderungen verbindet. Sie zielen darauf, engagierte Kommunalpolitiker besser zu schützen und so gesellschaftliches Engagement zu stärken.

Programmtipp: Nah dran

Nah dran - Logo mit Video
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Do, 25.11.2021 22:40 23:10

Nah dran - Das Magazin für Lebensfragen

Nah dran - Das Magazin für Lebensfragen

Zerstörerisch und lebenswichtig: Was macht Angst mit uns?

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Wie umgehen mit Ängsten?

Maren Konn 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 25. November 2021 | 22:40 Uhr