Interview Darum will Kardinal Marx jetzt den Pflicht-Zölibat abschaffen

Ist die katholische Kirche zu einer wirklichen Erneuerung fähig? Diese Frage entscheidet sich auch im Streit um den Pflicht-Zölibat, nach dem katholische Priester bisher keusch und ehelos leben sollen. Das Reformprojekt Synodaler Weg zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland hat am Freitag eine Initiative zur Lockerung des Zölibats beschlossen: Ein Papier, das die Spitzen der Kirche in Deutschland auffordert, sich beim Papst dafür einzusetzen. Einer der ranghöchsten Kirchenmänner, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, überraschte schon am Vortag mit seinem Plädoyer, dass auch katholische Priester heiraten können sollen: Ist das eine Sensation? Welche Rolle spielt das jüngst veröffentlichte Gutachten zur sexualisierten Gewalt im Bistum München-Freising, das auch Marx wegen seines Umgangs mit zwei Verdachtsfällen kritisiert? Und warum gibt es den Zölibat überhaupt?

Kardinal Reinhard Marx
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MDR KULTUR: Kardinal Reinhard Marx stellt das Pflicht-Zölibat in Frage. Ist das eine Sensation, gar ein Tabubruch?

MDR KULTUR-Religionsredakteurin Mechthild Baus: Nein, dafür haben sich auch schon andere ausgesprochen. Zum Beispiel der Limburger Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Er sagte schon 2019, es schade der katholischen Kirche nicht, wenn die Priester wählen könnten, ob sie ehelos leben oder nicht. Auch der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr hat sich für die Weihe verheirateter Männer ausgesprochen. Ebenso wie der Magdeburger Bischof Gerhard Feige. Er kann sich auch vorstellen, dass Priester nicht verpflichtend ehelos leben müssen.

Kardinal Marx klinkt sich einfach nur in diese Diskussion ein. Was aber nicht heißt, dass es im Episkopat nicht auch Gegenspieler gäbe. Der Kölner Kardinal Woelki will beispielsweise am Zölibat festhalten.

Warum kommt dann gerade jetzt dieses Plädoyer?

Gerade tagt in Frankfurt/Main der Synodale Weg, der Reformen in der katholischen Kirche voranbringen will. Bischöfe und Laien haben den Reformprozess gemeinsam angestoßen, als eine Studie wirklich erschütternde Fakten zum Umfang sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche geliefert hat. In Frankfurt wird genau über diese kritischen Fragen diskutiert: Umgang mit Macht, Sexualmoral, die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche, aber eben auch über priesterliche Lebensformen, also den Zölibat.

Stichwort: Synodaler Weg

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat 2019 zusammen mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz den Reformdialog Synodaler Weg ins Leben gerufen. Die fünfte und abschließende Synodalversammlung ist für 2023 geplant.

Noch bis Samstag beraten 230 Delegierte des Synodalen Wegs in Frankfurt/Main über Konsequenzen aus der Missbrauchskrise. Überschattet wird die dritte Synodalversammlung von dem neuen Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München und Freising, das ranghohen Klerikern moralisches Versagen im Umgang mit Missbrauchsopfern und -tätern attestiert. Darunter ist auch der heutige emeritierte Papst Benedikt XVI. und ehemalige Münchner Erzbischof ( 1977-82 ).

Und wenn Marx sagt, dass er genau genommen den Zölibat gar nicht aufheben will, er will ihn nur eben nicht mehr verpflichtend machen für alle katholischen Priester – dann stellt er sich mit dieser Forderung einmal mehr an die Seite der Reformwilligen in der katholischen Kirche.

Man muss aber auch wissen, dass Marx selbst angeschlagen ist. Das Münchner Missbrauchsgutachten wirft ihm Fehlverhalten im Umgang mit zwei Verdachtsfällen vor. Der Münchner Kardinal hatte auch schon dem Papst seinen Rücktritt angeboten, was Franziskus aber ausgeschlagen hat. Kurz, Marx hat jetzt auch nicht allzu viel zu verlieren in der katholischen Kirche. Und vielleicht finde ich auch deswegen seine Äußerungen nicht so besonders spektakulär.

Kann man aber pauschal sagen, dass der Zölibat die Ursache ist für den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche?

Nicht die Ursache, aber auf jeden Fall ist der Zölibat ein erhöhtes Risiko. Also Marx hat es ganz gut auf den Punkt gebracht und gesagt, diese Lebensform der Ehelosigkeit und dieses Männerbündische ziehen unter Umständen Leute an, die nicht geeignet sind, die sexuell unreif sind. Und da hat es die katholische Kirche neben vielem anderen versäumt, die Motivation derjenigen zu prüfen, die Priester werden wollen.

Was wir aus den Erhebungen ebenso wissen: Es gibt in der katholischen Kirche auch Täter – und übrigens auch Täterinnen, das ist noch gar nicht so gut erforscht – die keine Priester sind, sondern Laien oder Diakone, die also nicht zölibatär leben. Der Anteil der Täter in diesen Gruppen ist aber auch deutlich geringer.

Lässt sich die verpflichtende Ehelosigkeit für katholische Priester denn einfach so abschaffen?

Der Zölibat in der katholischen Kirche hat eine lange Tradition, zählt aber nicht zu den Glaubenssätzen. Es gib übrigens auch in der katholischen Kirche schon verheiratete Priester. Wenn zum Beispiel ein anglikanischer oder ein evangelischer Pastor zur katholischen Kirche übertritt, dann darf er verheiratet bleiben. In den katholischen Ostkirchen gibt es ebenfalls verheiratete Priester.

Nur im Westen ist der Zölibat im 11. Jahrhundert festgeschrieben worden. Der Priester sollte in der Nachfolge Jesu ehelos leben. Das ist die Idee. In der Praxis war das damals auch ganz praktisch: Wo es keine Familie, keine Erben gab, da konnte der Besitz des Pfarrers wieder an die Kirche zurückfallen.

Wir wissen, dass der Zölibat im Mittelalter nicht ganz so ernst genommen worden ist. Erst nach der Reformation wurde die Norm der Ehelosigkeit dann stärker durchgesetzt. Der Zölibat war dann das Alleinstellungsmerkmal gegenüber den "sündhaften2 protestantischen Pfarrern. Letztlich muss man sagen: Der Zölibat ist eine kirchenrechtliche Norm. Die könnte man ändern. Die Frage ist nur: wie?

Was heißt das jetzt für die katholische Kirche in Deutschland?

Das heißt, dass sich die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland auch an der Zölibatsfrage mitentscheiden wird – und zwar nicht nur, weil der Kirche die Priester ausgehen. Denn es gibt immer weniger Männer, die dauerhaft ehelos leben wollen. Und wenn, dann sind es manchmal auch noch die falschen. An der Frage des Pflichtzölibats lässt sich darüber hinaus ablesen, ob die katholische Kirche zu einer wirklichen Erneuerung fähig ist.

Die Glaubwürdigkeit ist in der Öffentlichkeit weitgehend verspielt. Nach den jüngsten Missbrauchsenthüllungen treten auch engagierte Katholikinnen und Katholiken aus aus; Menschen, die ihrer Kirche jahrzehntelang treu gewesen sind. Und dieser Synodale Weg ist für viele wirklich der letzte Strohhalm, dass es doch noch zu Reformen kommen könnte. Wenn es jetzt denkbar wäre, dass in bestimmten Ortskirchen, zum Beispiel in Deutschland, der Pflichtzölibat gelockert wird, dann wäre das von Bedeutung. Aber die Chancen dafür stehen nicht gut. Wenn sich aber nichts ändert, wird das viele enttäuschen und noch mehr Menschen werden der Kirche den Rücken kehren.

Das Gespräch führte Carsten Tesch, MDR KULTUR.

Missbrauchs-Aufarbeitung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Februar 2022 | 07:10 Uhr