Papstberater Hans Zollner im Interview "Der Zölibat führt nicht automatisch zu Missbrauchsverhalten"

Jesuitenpater Hans Zollner leitet das Kinderschutzzentrum der katholischen Kirche und berät den Papst bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauch durch Geistliche. Auf Einladung der Katholischen Akademie war er in Leipzig, um mit Gläubigen ins Gespräch zu kommen. Wir haben ihn zu Ursachen, zur Rolle des Zölibats und Präventionsmaßnahmen befragt.

Hans Zollner
Hans Zollner, Präsident des Zentrums für Kinderschutz an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR Religion & Gesellschaft: Sexueller Missbrauch ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, wir wissen, dass es die meisten Fälle im familiären Umfeld gibt. Trotzdem wird auf die katholische Kirche mit Fingern gezeigt. Warum, glauben Sie, ist das so?

Hans Zollner, Papstbeauftragter: Ja, ich glaube, dass die moralische und die tatsächliche Fallhöhe der katholischen Kirche und der Amtsträger größer ist als bei vergleichbaren Gruppen; bei einem Schullehrer, bei einem Sporttrainer, sogar bei einem Familienvater.

Die katholische Kirche schreibt sich auf die Fahnen, dass sie das Evangelium Jesu Christi verkündet und die Leute haben berechtigterweise auch die Vorstellung, dass das umgesetzt wird und dann ist man umso mehr enttäuscht und wütend oder umso mehr auch ärgerlich, wenn man merkt, dass das nicht der Fall ist.

Worin sehen Sie die Ursachen für den sexuellen Missbrauch, den Kleriker an Kindern oder Schutzbefohlenen begangen haben?

Es gibt keinen alleinigen Grund, der zu sexuellem Missbrauch führt. Es ist immer ein Zusammenhang, menschliche Reife spielt eine Rolle, wie man Freundschaften, überhaupt Beziehungen lebt, wie man Sexualität umgeht, wie zufrieden man auch mit dem ganzen Arbeitsalltag ist.

Katholische Priester, die missbraucht haben in der Vergangenheit, waren im Durchschnitt 39 Jahre alt. Das heißt, sie haben 15 Jahre schon als Priester gelebt, wenn man davon ausgeht, dass die Priesterweihe mit 24, 25 Jahren stattgefunden hat. Das bestätigt alle empirischen Studien: Der Zölibat führt nicht automatisch zu Missbrauchsverhalten. Aber zölibatäres Leben kann ein Risiko sein, wenn andere Faktoren im Leben eines Priesters ins Schwimmen kommen.

Wenn die eigene Zufriedenheit mit der Arbeit nicht mehr so hoch ist wie vorher, wenn es eine innere Spannung gibt zwischen der öffentlichen Rolle und dem geistigen, inneren Leben, dem Gebetsleben, wenn eine Einsamkeit einzieht und das passiert ja auch bei vielen anderen Menschen um die Lebensmitte herum.

Insofern kann man sich aus verschiedenen Gründen erklären, warum Priester gerade um die 39, 40 Jahre herum in den vergangenen Jahrzehnten Kinder sexuell missbraucht haben. Was oft nicht in erster Linie der Ausdruck eines sexuellen Bedürfnisses war, sondern die Suche nach einer Beziehung, nach einer Nähe, nach einer Zärtlichkeit, die sie auf eine unsäglich schädliche Weise an Kindern und Jugendlichen ausgelebt haben.

Zärtlichkeit und Gewalt? Das widerspricht sich etwas … Wie meinen Sie das?

In der Kirche sind zehn Prozent aller Fälle, Fälle von sexuellem Missbrauch vorpubertärer Kinder. Dort handelt es sich in den allermeisten Fällen auch um schwerwiegende Gewalt, die unter Umständen aber auch ermöglicht wurde durch die Anbahnung einer Beziehung, im Englischen nennt man das Grooming, wo man sich durch Geschenke, besondere Aufmerksamkeiten oder durch eine besondere körperliche Nähe, auch allmählich zu dem Punkt entwickelt hat, sexuell agieren zu können.

Warum hat man in Deutschland so lange gebraucht, um über dieses Thema zu reden?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung und dem, was in der Kirche geschieht. Wir sind in Deutschland seit etwas mehr als neun Jahren hauptsächlich mit dem Thema beschäftigt. Zuvor hat es auch in Deutschland nur sehr wenige Leute interessiert.

Es hat offensichtlich damit zu tun, dass in der Gesellschaft ein Bewusstsein wächst dafür, was die Rechte von Kindern angeht. Es hat damit zu tun, wie man Sexualität versteht, wie man Autorität und Rollenverhalten definiert. Das sind alles Entwicklungen, die sich über Jahre und Jahrzehnte anbahnen, die sich dann aber an einem bestimmten Punkt manifestieren und das ist in Deutschland erst 2010 gewesen, während es in anglophonen Ländern, speziell auch mit puritanischer Prägung, also in den USA, Kanada oder Australien, eine größere Aufmerksamkeit für das Thema schon seit 35 Jahren gibt.

Sie sind Vorsitzender der Kinderschutzkommission in Rom und arbeiten präventiv, wie sieht deren Arbeit aus?

Das Kinderschutzzentrum der Päpstlichen Universität Gregoriana, das wir vor siebeneinhalb Jahren gegründet haben, bietet Ausbildung für kirchliche und nicht-kirchliche Mitarbeiterinnen und zwar weltweit. Unser Hauptthemenfeld ist Prävention von Missbrauch in institutionellen Zusammenhängen, also in Schulen, Pfarreien, in anderen großen Institutionen

 Wir machen das hauptsächlich über eLearning, eine internetgestützte Lernplattform, die Universitäten weltweit nutzen können.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 27. Juni 2019 | 22:35 Uhr

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