Herbergs-, Konzert- und Bücherkirchen Neue Ideen für alte Kirchen in Mitteldeutschland

Die Bitterfelder Bauermeister-Gedächtniskirche wird an einen Privatinvestor verkauft. 2015 wurden dort die letzten Gottesdienste gefeiert. Was derzeit noch ein Einzelfall ist, wird künftig häufiger passieren. Denn die Zahl der Gläubigen sinkt. Doch wie umgehen mit Kirchen, die scheinbar überflüssig geworden sind? Wir zeigen Beispiele aus Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Mitte Juni ist die Bitterfelder Bauermeister-Gedächtniskirche entwidmet worden. Der neugotische Kirchenbau aus gelbem Klinker wird an einen privaten Investor verkauft. Unter mehreren Anbietern erhielt der Käufer den Zuschlag, weil er in seinem Nutzungskonzept zusicherte, die Kirche zum Begegnungszentrum auszubauen. Auch die Erinnerung an den Bitterfelder Unternehmer und Reichstagsabgeordneten Louis Bauermeister, der die Kirche 1905 als Privatkirche errichten ließ, will der neue Eigentümer weiter wachhalten.  

Bauermeister-Gedächtniskirche Bitterfeld
Die Bitterfelder Bauermeister-Gedächtniskirche Bildrechte: Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)/ Gemeinde Bitterfeld

Noch sind solche Kirchenverkäufe Einzelfälle. In Bitterfeld war die 900 Mitglieder starke evangelische Stadtgemeinde zunehmend überfordert mit dem Unterhalt des Gebäudes. Schon seit einiger Zeit wurden hier keine Gottesdienste mehr gefeiert.

Doch in Zukunft dürften solche Entwidmungen häufiger werden.

Denn die Zahl der Gläubigen sinkt weiter.

Mitgliederrückgang und Einnahmenschwund

Als Leiterin des Baureferats ist Elke Bergt zuständig für die 4.000 Kirchen und Kapellen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie hat die Situation im Blick.

Wir haben gefragt, welche Kirchen nur noch selten genutzt werden, also weniger als vier Mal im Jahr. Und wir sind auf 25 Prozent gekommen. Das heißt, wenn die Zahl der Gemeindeglieder weiter zurückgeht, wird auch dort gar nichts mehr stattfinden. Also nichts rein Kirchliches.

Elke Bergt, Leiterin des Baureferats der EKM

Dabei treffen Mitgliederrückgang und Einnahmenschwund die beiden großen Kirchen gleichermaßen. Im wenige Autominuten von Bitterfeld entfernten Jeßnitz baute ein Unternehmer die frühere katholische Kirche zu einem Veranstaltungszentrum um. Im Innenraum des schlichten Nachkriegsbaus finden heute Familienfeiern und Firmenseminare statt. Der heilige Norbert als Schutzpatron der Kirche blieb überm Eingangsportal erhalten.

Doch statt Kirchen zu verkaufen, setzt Baureferentin Elke Bergt lieber auf die sogenannte Quernutzung.

Also zusätzliche Nutzung unterzubringen, um die Räume, die Gebäude, die Kirchen zu erhalten. Das bedeutet, mit Partnern zu arbeiten, aber die kirchliche Nutzung weiter zu ermöglichen. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen Kirchen als besonderen Ort brauchen, auch haben möchten.

Elke Bergt, Leiterin des Baureferats der EKM

Zum Beispiel: Herbergs- und Bücherkirche

Übernachten in der Herbergskirche in Neustadt am Rennsteig in Thüringen. 4 min
Bildrechte: MDR/Stephanie Schettler

Eine Übernachtung am besonderen Ort verspricht mittlerweile die Herbergskirche in Neustadt am Rennsteig. Die Idee dazu wurde mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) erarbeitet. 

MDR KULTUR - Das Radio Di 21.07.2020 18:00Uhr 04:15 min

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Eine Übernachtung am besonderen Ort verspricht mittlerweile die Herbergskirche in Neustadt am Rennsteig.

Feriengäste können im Doppelbett unter der Orgelempore übernachten, mit Blick in den schlicht barocken Kirchenraum. Geduscht und gekocht wird im benachbarten Pfarrhaus.

Die Idee dazu wurde gemeinsam mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) erarbeitet, weitere Herbergskirchen im Thüringer Wald sollen folgen.    

Das Innere der Kirche in Axien, einem Ortsteil der Stadt Annaburg im Landkreis Wittenberg.
Die Bücherkirche in Axien Bildrechte: dpa

Oder die Bücherkirche im anhaltischen Axien. In die Dorfkirche mit ihren romanischen Malereien baute ein Schreiner Regale ein, für Bücher, die abgegeben oder mitgenommen werden können. Die Tauschbörse wird ergänzt mit Lesungen und Kursen für kreatives Schreiben. Im Gästebuch zeigt sich eine Besucherin beeindruckt: "Wir sind beide keine Kirchgänger, aber als überzeugte Leseratte bekommt man mich immer mit Büchern geködert."

Der Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards beschäftigt sich schon lange mit der Umnutzung von Kirchgebäuden. Er sieht geradezu eine Verpflichtung der Kirchen, ihre Räume zu öffnen:

Die Gemeinden sollten ihre Räume als diakonische Offerte an die gesamte Bevölkerung ansehen. Das sind wunderbare Räume. Und in diesen Räumen kann man auch sehr schöne Erfahrungen machen, nicht nur so ganz besonders fromme. Sondern vielleicht auch andere, so dass auf diese Weise diese Räume wieder der Allgemeinheit zurückgeschenkt werden.

Albert Gerhards, Liturgiewissenschaftler

Doch ob Verkauf oder Quernutzung – es gibt auch Grenzen, wenn es darum geht, Kirchen neu mit Leben zu füllen. Baureferentin Elke Bergt zieht eine klare Linie: 

Also alles, was sich gegen unsere Demokratie wendet, werden wir nicht zulassen. Da werden wir das Gebäude auch nicht verkaufen.

Elke Bergt, Leiterin des Baureferats der EKM

Und auch bei Zweitnutzungen gebe es Grenzen. So sei zum Beispiel eine Jugendweihe oder weltliche Trauung vor einem Altar nur schwer vorstellbar.

Von der Kirche zum Konzertsaal

Kultur

Liebfrauenkirche Wernigerorde am Morgen. 16 min
Bildrechte: IMAGO

MDR KLASSIK-Gespräch mit Christian Fitzner Hoffen auf Kulturkirche in Wernigerode

Segen in Wernigerode?

Die Liebfrauenkirche in Wernigerode soll Konzertort werden – das wünscht sich das Philharmonische Kammerorchester. Warum eine Entscheidung für das Projekt ein Segen wäre, erzählt Musikdirektor Christian Fitzner.

MDR KLASSIK Di 11.09.2018 09:05Uhr 16:12 min

Audio herunterladen [MP3 | 14,8 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 29,6 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/mdr-klassik-radio/klassikthemen/gespraeche/mdr-klassik-gespraech-mit-christian-fitzner100.html

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Liebfrauenkirche Wernigerorde am Morgen. 22 min
Bildrechte: IMAGO

Die Liebfrauenkirche in Wernigerode stand lange leer. Der Wernigeröder Kulturverein hat das Bauwerk gekauft und baut es jetzt zum neuen Domizil des Philharmonischen Kammerorchesters um. André Sittner war vor Ort.

MDR KLASSIK Fr 17.05.2019 08:10Uhr 21:51 min

https://www.mdr.de/mdr-klassik-radio/klassikthemen/liebfrauenkirche-wernigerode-wird-konzerthaus100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Juli 2020 | 18:00 Uhr