Zwei Männer sitzen an einem Tisch
Birger Höhn und MDR Selbstbestimmt-Moderator Martin Fromme zur Vernissage der Ausstellung "Gesichter der Inklusion" im Dresdner Hygiene-Museum, die später auch in Zwickau, Chemnitz oder Leipzig zu sehen sein wird. Bildrechte: Mia Media

Wanderausstellung Mutmacher-Projekt "Weil Vielfalt Fetzt": "Gesichter der Inklusion"

07. November 2023, 11:00 Uhr

Inklusion hat viele Gesichter – vor allem verbinden sich mit dem Kampf darum viele persönliche Geschichten. Susanne Rößner und Heike Engelien haben in den vergangenen Jahren Menschen mit Behinderung, pflegende Angehörige oder Aktivisten in Sachsen zu ihrem Alltag und ihren Erfahrungen in Sachen Teilhabe und Barrierefreiheit interviewt. Mit Netzwerkerin Katja Rößner, verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit im Team, haben sie gemeinsam mit der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Sachsen e. V. nun eine Wanderausstellung organisiert, erste Station war das das Hygiene-Museum in Dresden. Und ein eindrucksvolles Begleitbuch gibt es auch, "bestens geeignet als Schullektüre". Ab21. Februar ist die Ausstellung im Leipziger Grassimuseum zu sehen.

Dass "Vielfalt fetzt" zeigt derzeit eine Wanderausstellung unter dem Titel "Gesichter der Inklusion" in Sachsen. Nach der Eröffnung im Dresdner Hygiene-Museum macht die Schau derzeit in der Energiefabrik Knappenrode bei Hoyerswerda Station. Zu sehen sind dort bis zum 24. Januar 2024 Porträts von Menschen mit und ohne Behinderung. Auf großen Tafeln sind ihre persönlichen Geschichten und Erfahrungen mit Teilhabe und Barrierefrieheit dargestellt. Über einen QR-Code können die Informationen in Leichter Sprache, als Audiodeskription oder in einem Video mit Gebärdensprache abgerufen werden.

Als Schirmherrin hatte Sachsens Sozialministerin Petra Köpping die Ausstellung mit den Worten eröffnet:

Menschen in einem Saal klatschen Beifall
Sozialministerin Petra Köpping (3.v.r.)und Museumsdirektorin Iris Edenheiser (2.v.r.) bei der Eröffnung Ende September Bildrechte: Mia Media

Bilder sagen manchmal mehr als Worte! Der Betrachter wird in die Lage versetzt, Inklusion neu zu sehen und zu verstehen. Die Ausstellung erreicht Menschen, die bisher wenig oder gar keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen hatten.

Petra Köpping, Sozialministerin Sachsen

Tatjana: "'Weil Vielfalt fetzt'" ist ein Mutmacher-Projekt!"

Bei der Vernissage dabei war auch Tatjana aus Dresden, sie ist seit einem Verkehrsunfall Rollstuhlfahrerin und arbeitet heute in einem Rehafachhandel. Ihr Arbeitsplatz ist nur wenige Minuten vom Ort der Ausstellung entfernt. Auf die Idee, sich zur Kauffrau im Gesundheitswesen umschulen zu lassen, kam sie über ihre ersten privaten Besuche in dem Fachgeschäft.

Ihren alten Job im Einzelhandel konnte sie nicht mehr ausüben, sie war auf der Suche nach einem beruflichen Neuanfang. Auf Nachfrage ergab sich in dem Rehafachhandel ein Praktikum, nach der Ausbildung wurde sie übernommen: "Meine Aufgabe ist es, Menschen mit Hilfsmitteln zu versorgen, Behinderungen auszugleichen, zu gucken, was wird benötigt, beispielsweise im Wohnumfeld", erklärt sie und meint, die Schau sei auch ein "Mutmacherprojekt".

Eine Frau im Rollstuhl
Tatjana ist eines der "Gesichter der Inklusion", für sie ist es ein "Mutmacherprojekt". Bildrechte: Mia Media

Tatjana sagt, sie könne sich noch ziemlich gut erinnern, wie sie nach ihrer Verletzung an einem Punkt war, wo sie genau das brauchte, sich austauschen und die Gewissheit gewinnen, "dass es trotz Handicap weiter geht". Dabei richtet sich die Schau nicht nur an Menschen mit Behinderung, wie Mitorganisatorin Katja Rößner betont. Die Wanderausstellung soll nach der ersten Station in Dresden auch andernorts zu sehen sein, als Impuls zu Gesprächen über Fragen der Teilhabe und Inklusion etwa für Schülerinnen und Schüler. "Um einfach mal die Augen zu öffnen und zu sagen: 'Ok, schaut mal, egal was ist, das Leben geht weiter", so formuliert es Tatjana.

Geschichten der Inklusion multimedial und barrierefrei zu erleben

Inklusion hat viele Gesichter und vor allem viele Geschichten. Sie in ihrer Vielfalt sichtbar zu machen, darum ging es Susanne Rößner und Heike Engelien. Vor vier Jahren initiierten sie mit der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Sachsen e.V.. das Projekt "Gesichter der Inklusion". Sie führten Interviews mit Betroffenen, pflegenden Angehörigen oder Aktivisten. Zunächst wurden die Porträts auf der gleichnamigen Website, via Facebook und Instagram publik.

Ein Mann und zwei Frauen stehen nebeneinander
Martin Fromme mit Heike Engelien und Susanne Rößner in der Wanderausstellung "Weil Vielfalt fetzt", die bis 30. Oktober im Dresdner Hygiene-Museum zu sehen ist. Bildrechte: Mia Media

Jetzt kommt die Wanderausstellung dazu, um Öffentlichkeit für das Thema zu schaffen: "Das, was jetzt da steht, ist Ergebnis langer Arbeit und wir sind stolz, dass wir das so hinbekommen haben", freut sich Susanne Rößner. Mitstreiterin Heike Engelien hofft, so Leute zu erreichen, die sonst nichts mit Inklusion zu tun haben" und an öffentlichen Orten wie derzeit im Foyer des Dresdner Hygiene-Museum "auf ihren Slot warten und so drüber stolpern".

"Absolute Horizonterweiterung"

Über "das Thema gestolpert" sind Susanne Rößner und Heike Engelien über ihre Arbeit. Beide bauten barrierefreie Webseiten, hatten aber nie Kontakt zu den Menschen, für die sie gedacht waren: "Irgendwann haben wir gesagt, wir möchten endlich mit den Menschen zu tun haben und nicht nur mit dem Computer. So haben wir diese Kampagne ins Leben gerufen. Für uns war es eine absolute Horizonterweiterung zu sehen, welche Geschichten, welches Engagement, welche Problematiken dahinter stecken – all das zu vermitteln, ist das Ziel der ganzen Sache." Nicht nur in großen Städten wie Dresden, sondern auch in der Region, wo Fragen der Inklusion noch kein großes Thema sind, soll die Wanderausstellung zu sehen sein, wie Rößner weiter erklärt.

Wanderausstellung als Ort der Begegnung: "Einfach fragen"

Ein Mann sitzt einer Frau im Rollstuhl gegenüber
Die Wanderausstellung soll ein Ort der Begegnung sein. Bildrechte: Mia Media

Missverständnissen zu begegnen, das erhofft sich Birger Höhn von dem Projekt. Der 48-Jährige ist Autist und arbeitet als Teilhabeberater, eine Autobiografie hat er bereits geschrieben, um aufzuklären, etwa über den Mythos, dass autistische Menschen sich gar nicht beteiligen könnten: "Wir interessieren uns für ganz viele Dinge. Aber wir kommunizieren auf einer anderen Ebene, weil bei uns sozusagen einfach ein paar Synapsen im Gehirn anders 'verknotet' sind." Er wünscht sich mehr Inklusion in Alltag und Berufswelt, "Akzeptanz von vielfältigen Lebensweisen". Dazu aber braucht es Orte der Begegnung: "Und ich sag' immer, wenn man sich unsicher ist bei autistischen Menschen, wie man was machen soll: einfach fragen." Die Wanderausstellung "Weil Vielfalt fetzt" soll ein Raum der Begegnung genau für solche Fragen sein.

Rößner: Begleitbuch "Weil Vielfalt fetzt" als Schullektüre bestens geeignet

Außerdem ist ein gleichnamiges Buch im Leipziger Brimborium-Verlag erschienen, das Kurzgeschichten, Essays, Interviews, Illustrationen und Cartoons versammelt und so auf andere Art sehr persönliche Einblicke in das Leben mit Behinderung in diesem Land gibt. Beteiligt haben sich Menschen wie der Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen, Slampoetin und Moderatorin Ninia LaGrande oder Rapper Graf Fidi. Die Idee dazu hatte Katja Rößner als Projektmitarbeiterin der LAG SH Sachsen, die sagt: "Wir möchten sowohl mit der Wanderausstellung also auch mit dem Buch junge Menschen für das Thema Behinderung sensibilisieren. So kann es zum Beispiel als Schullektüre im Unterricht wichtige Impulse für Gespräche und Diskussionen geben."

Dieses Buch ist Speed-Dating mit vielfältigen Menschen. Schnell, persönlich, hintergründig, lustig, sarkastisch. Ohne salbungsvolles Inklusionsgeschwafel. Einfach voll auf die Zwölf.

Martin Fromme Über das Begleitbuch zur Schau "Weil Vielfalt fetzt"

Angaben zu Ausstellung & Buch: "Weil Vielfalt fetzt" "Weil Vielfalt fetzt"

Die Ausstellung war nach der Eröffnung im Dresdner Hygiene-Museum u.a. auch im Leipziger GRASSI Museum für Angewandte Kunst zu sehen. Bis zum 24. Januar 2024 ist die Schau nun in der Energiefabrik Knappenrode bei Hoyerswerda zu Gast.
Auch Bildungsangebote für Schulklassen gehören zum Konzept.

Die Schau ist ein Projekt der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Sachsen e.V. (LAG SH) und wird gefördert durch die Aktion Mensch.


Buch:
"Weil Vielfalt fetzt"
Herausgegeben im Brimborium Verlag von Marsha Richarz, Kaddi Cutz & LAG Selbsthilfe Sachsen e.V.

Das Buch versammelt Geschichten, Essays, Gedichte und Bilder von, mit und über Menschen mit Inklusionshintergrund. Mit dabei sind Raul Krauthausen, Ninia LaGrande oder Graf Fidi.

"Selbstbestimmt" in der Mediathek

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 09. Oktober 2022 | 08:00 Uhr