Bernd-Lutz Lange, 2003
Bildrechte: MDR/Gerhard Hopf

Bernd-Lutz Lange im Porträt Kabarettist, Bestsellerautor, Friedensbote

Urgestein der Kabarettszene, einer der "Leipziger Sechs" am 9. Oktober 1989 und Erfolgsautor – Bernd-Lutz Lange ist einer der prägendsten Mitgestalter Leipzigs. Wegbegleiter Wolfgang U. Schütte zeichnet ein Porträt des vielseitigen Sachsen.

von Wolfgang U. Schütte

Bernd-Lutz Lange, 2003
Bildrechte: MDR/Gerhard Hopf

Es war 1972, als das in Leipzig erscheinende "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" einen neuen Mitarbeiter in Gestalt des Buchhändlers Bernd-Lutz Lange bekam. Am Schreibtisch gegenüber hatte der Autor dieser Zeilen seinen Platz. Unsere kleine Mannschaft war stolz, bei der nachweislich ältesten deutschen Fachzeitschrift arbeiten zu dürfen. Der Neue wollte immer alles genau wissen – und wenn einer der Redakteure anderer Meinung war, wollte er wissen, wieso und warum. Mit ihm trat also kein Duckmäuser in die Redaktion ein, sondern einer, der das Direkte bevorzugte.

Mitgründer eines Kabaretts

Bernd-Lutz Lange 2 min
Bernd-Lutz Lange Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bernd-Lutz Lange hatte 1966 gemeinsam mit Jürgen Hart, Gunter Böhnke und Christian Becher das Studentenkabarett "academixer" gegründet. Die damals noch Karl-Marx-Universität genannte Hochschule förderte das Unternehmen. Lange brillierte in vielen Rollen und ihm gelangen große Würfe - erinnert sei nur an seinen unnachahmlichen "Stadtrundgang" in den 1980er-Jahren, der dem Publikum ungeteiltes Vergnügen und den damaligen Stadtvätern Schweißperlen auf die Stirn trieb. Da spielte einer, der sich zu seiner Wahlheimatstadt Leipzig bekannte.

"BLL", wie wir ihn nannten, wollte mit seinen "acadmixern" weit über die Grenzen von Leipzig hinaus bekannt werden. Der erste Schritt war für sie 1979 das Erreichen eines neuen Status – die "academixer" waren ein "Berufsensemble" geworden, Lange und seine Mitstreiter somit zu hauptberuflichen Kabarettisten.

Erstes sächsisches Mundartprogramm

Bernd-Lutz Lange 2 min
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Lachen wie im Osten über Lene Voigt Dr. Erlgeenich

Dr. Erlgeenich

Bernd-Lutz Lange rezitiert Lene Voigts-Version von Goethes "Erlkönig". Dieser reitet durchs Leipziger Rosenthal. (Aus: MDR-Sendung "Die blaue Stunde", 31.10.1997)

Fr 31.10.1997 20:15Uhr 02:04 min

https://www.mdr.de/damals/archiv/video323220.html

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Video

Als erste gemeinsame Arbeit zwischen Lange und mir entstand 1980 etwas, was es bis dahin nicht gegeben hatte: ein Mundart-Programm im "scheensdn Säggs'sch". Der Umgang mit der sächsischen Mundart steckte noch in den Kinderschuhen und deshalb las mancher Zuschauer den Titel "Dr Saggse" als "Dr. Sachse". Das historische Kabarettprogramm "Dr Saggse – Mänsch und Miedos" feierte im November 1980 im "academixer"-Keller seine Premiere. Die sächsische Mundart-Revue machte auf den bis dahin vergessenen Walter Appelt aufmerksam, erinnerte an den Urvater des sächsischen Dialekts, Edwin Bormann, an Hans Reimann und vor allem Lene Voigt. Die sächsische Mundartdichterin war damals noch völlig vergessen. Auf Anregung Bernd-Lutz Langes entstand das Lene-Voigt-Programm "Unverwüstlich", das 1984 seine Premiere hatte und sich zu einem "Longseller" entwickelte.

Juden in Leipzig

1985 sprach Bernd-Lutz Lange den damaligen Cheflektor der "Leipziger Blätter", Helmut Richter, an, ob die Redaktion einen Beitrag zum Thema "Juden in Leipzig" bringen würde. Richter war sofort einverstanden und Lange begann mit den Recherchen. Alle Redakteure des Magazins lasen den Artikel, nicht nur einmal. Es war für alle Neuland und die Köpfe der Verantwortlichen rauchten. Aber nicht einer sagte: "Das können wir nicht machen ...", sondern: "Das müssen wir unbedingt bringen."

Im September 1986 erschien Langes Beitrag "Juden in Leipzig". Es war der erste Text in der DDR zu diesem Thema. Ihm war wichtig zu zeigen, dass es "die Juden" nicht gab, sondern arme, reiche und einen großen Mittelstand. Manche von ihnen waren streng orthodox, andere liberal. Wieder andere wurden Protestanten oder Katholiken, Atheisten oder Marxisten. Bis heute lässt Lange das Thema nicht los.

Plötzlich in der großen Politik

Das Jahr 1989. Der Journalist Thomas Mayer notierte 20 Jahre später: "Schon im Sommer '89, als die Widersprüche zwischen Partei und oppositionellen Gruppen immer heftiger wurden, bot Lange den Antipoden Vermittlung an. Der Kabarettist und der Funktionär kamen auf die Idee, eine Diskussionsrunde von Leipzigs kirchlichen Umweltgruppen mit dem SED-Sekretär zu organisieren." Die Runde kam nicht zustande. Am 9. Oktober 1989 jedoch fuhren der Kabarettist und der SED-Funktionär Roland Wötzel, den Lange als einen Mann kannte, "mit dem man reden kann", zu Kurt Masur, der mit seinem Anruf bei SED-Sekretär Kurt Meier für die Initialzündung des Treffens gesorgt hatte. Lange notierte die Gedanken für einen Aufruf zum Dialog mit einem Filzstift und tippte das, was über Stadtfunk und Radio gesendet wurde, auf einer gewandhauseigenen Schreibmaschine. Er als Parteiloser verlangte von den SED-Sekretären: "Nun müsst ihr dafür sorgen, dass sich die Polizei zurückzieht." Etliche Journalisten trafen sich an jenem Montag im "Journalisten-Klub". Die Luft knisterte. Mit einem Bier beruhigten wir uns. Bis der Leiter des Klubs sichtlich erleichtert verkündete: "Bernd-Lutz hat mit Masur im Stadtfunk zur Gewaltlosigkeit aufgerufen ... Jetzt wird wohl nix mehr passieren."

Ende eines Traumduos

Bernd-Lutz Lange 1 min
Bernd-Lutz Lange Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

1988 hatte Bernd-Lutz Lange die "academixer" verlassen und sich mit Gunter Böhnke als Autor und Kabarettist selbständig gemacht. Das kleine Ensemble mit der Figur des kleinen, pfiffigen Dicken und dem sich teils intellektuell Gebenden und teils dumm Stellenden konnte von sich sagen: "Unsere Art von politischem Kabarett kam an."

Erst 2004, nach 15 erfolgreichen Jahren, beendete das Kabarettisten-Duo seine gemeinsame Karriere und Lange fand mit Katrin Weber eine kongeniale Partnerin. Eines der Programme, geschrieben von ihm, hieß "Weber/Lange ganz persönlich" - ein Streifzug durch Kindheit und Jugend, an dem das Publikum viel Freude hatte. Ein anderes Lange-Programm trägt den Titel "Das wird nie was!". Besonderen Charme verleiht diesem Stück Langes Partnerin Katrin Weber. Stimmgewaltig gibt sie die Ostfrau, die so gern eine große Nummer im Westen wäre.

Ist das wirklich alles?

Ist alles bedacht, was Bernd-Lutz Lange ausmacht? Wohl nicht. Es fehlen seine Weltreisen und deren literarische Widerspiegelung. Auch war kein Platz für seine Frau Stephanie, die seine Texte stets als Erste liest. Es fehlen Schallplatten und Arbeit für Funk und Fernsehen sowie seine Bücher wie etwa "Magermilch und lange Strümpfe" (1999) und "Mauer, Jeans und Prager Frühling" (2006), die viele Wochen lang auf den Bestsellerlisten standen und sich jeweils mehr als 100.000 Mal verkauften.

Kurzvita Bernd-Lutz Lange: * geboren am 15. Juli 1944 im sächsischen Ebersbach, aufgewachsen in Zwickau
* Lehre zum Gärtner, Arbeit bei der LPG in Mosel
* ab 1963 zweite Ausbildung zum Buchhändler, erste Bühnenerfahrung als Sänger
* 1965-1968 Studium für Buchhandel in Leipzig, danach Redakteur für das "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel"
* 1966 Gründungsmitglied des Studentenkabaretts "academixer"
* ab 1979 Berufskabarettist
* 1988 macht er sich gemeinsam mit Gunter Böhnke als Autor und Kabarettist selbstständig, Zusammenarbeit bis 2004
* seitdem Zusammenarbeit mit der Sängerin und Kabarettistin Katrin Weber

Zum Autor Wolfgang U. Schütte: Der 1940 geborene Publizist, Herausgeber und Redakteur hat sich dem Leben und Werk Lene Voigts verschrieben. 1983 brachte er das erste Buch der fast vergessenen Dichterin in der DDR heraus ("Bargarohle, Bärchschaft un sächs'sches Ginsdlrblud"); seither erforscht Schütte das Leben Lene Voigts und stöbert immer wieder verschollene Texte der sächsischen Dichterin auf. Wolfgang U. Schütte ist Herausgeber der sechsbändigen Lene-Voigt-Gesamtausgabe und Wegbegleiter des Kabarettisten Bernd-Lutz Lange.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: 01.06.2018 | 22:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2011, 10:47 Uhr