Klimawandel Champagner-Roggen – eine alte Kulturpflanze trotzt der Trockenheit

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Durch den Klimawandel nehmen in Sachsen-Anhalt die Trockenperioden zu. Das fordert ein Umdenken, aber nicht nur von Landwirten. Drei junge Sachsen-Anhalter suchen nun nach den Chancen, der sich durch das veränderte Klima ergibt.

Philipp Palm übernahm das traditionelle Familiengeschäft und führt es mit innovativen Ideen weiter. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Schon der Urgroßvater von Philipp Palm bewirtschaftete den Vier-Seiten-Hof in Vogelsdorf – ein kleiner Ort nördlich von Halberstadt, in den sanften Hügeln des Huy gelegen. Hier im Harzvorland haben die Bauern traditionell gute Ernten, denn der Boden ist fruchtbar. Fährt man übers Land, sieht man Weizen, Rüben, Raps und Mais stehen. Und weil es in diesem Jahr nicht ganz so trocken ist, wie in den Jahren zuvor, wird die Ernte wohl auch etwas besser ausfallen.

Philipp Palm hat den Hof erst vor kurzem von seinem Vater übernommen und der junge Landwirt setzt dabei auch auf neue Ideen, die in diesem Fall aber eigentlich alte Ideen sind. Denn auffällig ist die Fläche mit dem Champagner-Roggen schon. Wächst moderner Weizen kaum noch hüfthoch, ragen die Roggenstängel stattliche einen Meter achtzig nach oben. "Champagner-Roggen kommt aus Frankreich, genauer gesagt aus der Champagne, und wurde seit dem neunzehnten Jahrhundert auch in Deutschland angebaut. Auch hier in der Region war er weitverbreitet und wurde aber vor sechzig Jahren durch ertragreichere Sorten ersetzt", sagt Phillip Palm.

Der Klimawandel zwingt Landwirte zum Umdenken

Und dennoch setzt Phillip Palm auf die alte Sorte. Denn der Champagner-Roggen hat eine Eigenschaft, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. "Der Roggen verträgt die Trockenheit sehr gut, obwohl er eigentlich zu unseren Böden gar nicht passt", erklärt Phillip Palm. "Aber wie man sehen kann, wächst er hier auch sehr gut. Fakt ist, das Klima ändert sich und jeder Landwirt ist bestrebt, sich darauf einzustellen. Ohne neue Sorten und Kulturen wird das nicht gehen."

Axel Schröder ist der Betreiber einer der letzten Handwerksmühlen in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: Uli Wittstock

Im Prinzip kann ein Landwirt ja anbauen was er will, doch er braucht für seine Produkte in jedem Fall auch Abnehmer. Und da hat Phillip Palm Glück. Denn vierzig Kilometer von Vogelsdorf entfernt betreibt Axel Schröder die Schrödermühle in Thale. Auch die Mühle ist seit mehreren Generationen im Familienbesitz und ebenso wie der Landwirt Phillip Palm sucht der Müller Axel Schröder nach neuen beruflichen Perspektiven. Bei ihm ist es jedoch weniger der Klimawandel, der ihm zu schaffen macht, sondern die Konkurrenz der großen Industriemühlen. Deshalb ist der Anspruch von Axel Schröder nicht, möglichst viel Korn zu malen, sondern mit regionalen Produkten Kunden zu binden. Der Champagner-Roggen sei dafür ein gutes Beispiel, sagt Axel Schröder: "Wir haben bei dieser Sorte einen sehr kräftigen Roggengeschmack, weil wir im Korn einen erhöhten Schalenanteil haben. Und das sorgt für mehr Geschmack im Brot, vor allem dann, wenn man es wie wir, als Vollkornmehl auf den Markt bringt."

Regionale Wertschöpfung vom Getreide bis zum Brot

Wer auf den Autobahnen unterwegs ist, der sieht, wie international die Produktion vernetzt ist. Auch Landwirtschaft und Ernährung sind davon betroffen. Sowohl für Getreide wie auch für Mehl gibt es einen Weltmarkt und auf der Jagd nach dem günstigsten Preis werden die Rohstoffe rund um den Erdball transportiert. Für den Müllermeister Axel Schneider aus Thale ist das nicht die Zukunft der Ernährung. "Für uns ist der regionale Bezug wichtig. Deshalb suchen wir nach speziellen Getreidesorten, mit denen wir dann auch die kleinen Handwerksbäcker der Region versorgen können."

Handwerksmühlen, in denen der Champagner-Roggen gemahlen wird Bildrechte: Uli Wittstock

Denn die haben das selbe Problem. So wie die kleinen Mühlen ihre Nischen finden müssen, um der Marktmacht der Großindustrie zu entgehen, so müssen die Handwerksbäcker ihre Nischen finden, um neben den Großbäckereien überleben zu können. Aber auch hier schickt sich eine junge Generation an, die Tradition neu zu denken.

So sieht das Champagner-Roggenbrot vom Bäcker Marcus Ostendorf aus. Bildrechte: Uli Wittstock

Einer jener jungen Bäcker ist Marcus Ostendorf aus Meitzendorf, nördlich von Magdeburg. Er bäckt aus dem Champagner-Roggenmehl ein Champagner-Roggenbrot – und das mit wachsendem Erfolg. Denn das Brot schmeckt nicht nur besser, es ist auch bekömmlicher: "Meist wird heute ein sogenannter Hybrid-Roggen vermahlen und viele Menschen sagen inzwischen, dass sie das Brot nicht mehr vertragen und Verdauungsprobleme bekommen. Diese Kritik gibt es zu unseren Champagner-Roggenbroten bislang nicht. Ganz im Gegenteil. Wir haben Kunden, die extra deswegen bei uns einkaufen", sagt Marcus Ostendorf.

Doch es stellt sich die Frage nach der Gesamtbilanz der Idee. Der Roggen bringt weniger Ertrag als herkömmliche Sorten, der Müller hat einen leicht erhöhten Aufwand und der Bäcker ebenfalls. Demgegenüber stehen weniger Transportkosten, weniger CO2-Ausstoß und der Umstand, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt. Damit das aber funktioniert, ist der Brotpreis höher, als bei einem konventionellen Brot, denn ein Kilo Champagner-Roggenbrot kosten fünfzig Cent mehr. Bislang aber, so Marcus  Ostendorf, habe sich noch kein Kunde darüber beschwert. Und weil die Kooperation beim Champagner-Roggen so gut funktioniert, überlegen die drei Jungunternehmer, weitere Spezialbrote mit Sachsen-Anhalt-Geschmack zu entwickeln. 

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

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Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Juli 2020 | 19:00 Uhr

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