Ein Mann steht an seinem Wagen vor dem Haus.
Hatte bis vor kurzem noch große Freude an seinem Auto: Reiner Demitrowitz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

VW-Abgasskandal Hunderten Autofahrern droht Stilllegung ihres Diesels

Der VW-Abgasskandal wird für die betroffenen Kunden zum zehrenden Prozess. Jedenfalls dann, wenn sie verweigern, das Software-Update aufzuspielen. Ihnen droht nun die Stilllegung des Autos. Viele gehen auch den Klageweg. Ein Beispiel aus Salzwedel.

Ein Mann steht an seinem Wagen vor dem Haus.
Hatte bis vor kurzem noch große Freude an seinem Auto: Reiner Demitrowitz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Reiner Demitrowitz zeigt seinen Audi-Q3. Sein Stolz, sehr schick. Wie der Salzwedler sagt, war es ihm wichtig, einen hochwertigen Wagen zu kaufen. Denn: Er hatte vor, das Auto sehr lange zu fahren. Doch daraus wird erst einmal nichts. Per Brief wurde dem 64-Jährigen mitgeteilt, dass sein Auto stillgelegt wird.

Er ist nicht der einzige, der in diesen Tagen Post von den Behörden erhält. Etwa eineinhalb Jahre hatten Besitzer bestimmter Audi- und VW-Dieselwagen Zeit, ein Software-Update aufspielen zu lassen. Das sollte die betreffenden Wagen umrüsten und Fahrverbote verhindern. In diesen Wochen nun läuft die letzte "Gnadenfrist" des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) dafür aus – wer das vorgeschriebene Update jetzt nicht machen lässt, dem droht die Stilllegung des Wagens. So wie Reiner Demitrowitz.

Doch Demitrowitz stemmt sich gegen das Software-Update. Außerdem klagt er gegen VW. "Ich habe ein Schrottauto vor der Tür zu stehen, das nichts mehr wert ist. Zudem darf ich das Auto in wenigen Tagen wahrscheinlich nicht mehr fahren." Er ist nicht der einzige, der sich in einer solch misslichen Lage befindet.

Ein Mann sitzt am Tisch, vor ihm liegen Dokumente.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich bin viele Kilometer mit dem Auto gefahren und es gab keine Probleme, total zufrieden. Aber jetzt bin ich aus allen Wolken gefallen.

Betrogener Kunde Reiner Demitrowitz

Es sind viele Sachsen-Anhalter, die das Software-Update von VW bisher ignoriert haben. Zahlen aus den Landkreisen zeigen, dass die Zulassungsbehörden solche Androhungen zur Stilllegung dutzendfach verschicken, in Saale- und Burgenlandkreis etwa sind es jeweils mehr als 70, im Salzlandkreis mehr als 60, ebenso in Stendal und im Landkreis Wittenberg, in Magdeburg sind es sogar an die 90. Viele Halter lenken in dieser brenzligen Situation doch noch ein – und rüsten nach. Aber es sind bei weitem nicht alle.

So laufen insgesamt mindestens 14 Widerspruchsverfahren, in zahlreichen Fällen sind noch Anhörungen im Gange, allein in Halle beispielsweise 29 und im Burgenlandkreis 34. Einige Wagen sind tatsächlich schon außer Betrieb gesetzt.

Anwalt Philipp Caba aus Berlin betreut tausende solcher Fälle, viele aus Mitteldeutschland, auch den von Reiner Demitrowitz. "Es sind 20 bis 30 Prozent unserer Mandanten, die das Software-Update ablehnen." Dazu rate die Kanzlei auch. "Genau genommen empfehlen wir, das solange wie möglich hinauszuzögern und erst auf Druck der Stilllegung hin nachzugeben."

Möglich, dass viele Betroffene auch deshalb erst auf Post vom Amt warten, bevor sie handeln.

Darüber hinaus emfpiehlt Caba, gegenüber den Autobauern auch einen Schadensersatzanspruch juristisch geltend zu machen, sei es eine finanzielle Entschädigung, ein neues Fahrzeug oder eine Rückabwicklung des Kaufvertrages. Aus Sachsen-Anhalt sieht sich VW schon jetzt einer Klagewelle gegenüber.

Mängel nach Software-Update?

Der Skandal brodelt mittlerweile seit drei Jahren und hat die Autofahrerrepublik Deutschland tief erschüttert: Mit einer Schummelsoftware haben die deutschen Autohersteller – allen voran VW und Audi – die Abgaswerte ihrer Produkte geschönt. Nachdem das aufflog, sollte besagtes Software-Update alles richten. Die Politik gab nach, das Kraftfahrtbundesamt forderte die Halter zum Update auf und entließ damit die Hersteller aus einem Großteil der Verantwortung.

Ein Ordner mit der Aufschrift: "VW Diesel Abgasskandal".
Ute Bernhardt von der Verbraucherzentrale in Halle: "VW muss eine Zusicherung geben." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der VW-Konzern selbst hat in der Vergangenheit mehrfach betont, keine Rechtsgrundlage für eventuelle Klagen zu sehen: "Alle betroffenen Fahrzeuge sind technisch sicher und fahrbereit. Sie können uneingeschränkt im Straßenverkehr genutzt und auch weiterhin verkauft werden."

Doch das vom Konzern bereitgestellte Software-Update für die betroffenen Modelle ist hoch umstritten. Ute Bernhardt von der Verbraucherzentrale in Halle sagt, es sei nicht auszuschließen, dass nach Aufspielen des Updates Mängel eintreten können. Volkswagen biete keine Garantie für die Verbraucher. "Der Spielball liegt bei VW, eine Zusicherung abzugeben." Damit würde die Verunsicherung bei den Verbrauchern mit einem Schlag beendet, sagt Bernhardt.

Auch Anwalt Philipp Caba bezeichnet das Update als "Blackbox". Caba: "Volkswagen sagt uns nicht, ob die Grenzwerte mit dem Update eingehalten werden. Und ob Folgemängel ausbleiben."

Reiner Demitrowitz aus Salzwedel möchte das Software-Update des Herstellers im laufenden Klageverfahren lieber nicht aufspielen lassen – er befürchtet dass dadurch die Beweise für die Abgasmanipulation vernichtet würden. Auch wenn das bedeutet, dass sein Wagen damit automatisch für straßenuntauglich erklärt wird.

Eine Ausnahmeregelung in Sachsen-Anhalt wird ihm wohl erlauben, das Auto noch solange fahren zu können, wie er juristisch dagegen vorgeht. Laut Verbraucherzentrale gibt es eine entsprechende interne Anordnung des Landesverwaltungsamtes an die Zulassungsbehörden, sprich: Solange ein Widerspruchsverfahren läuft, wird das Auto noch nicht aus dem Verkehr gezogen.

Mit dem Klageweg, den Demitrowitz geht, setzt er darüber hinaus noch alles auf eine Karte: Er will finanziell entschädigt werden oder ein neues Auto. "Ich habe von VW ein Schummelauto bekommen. Ich habe etwas gekauft, was dem praktisch nicht entspricht, VW hat mich mehr oder weniger betrogen. Für diesen Betrug soll VW jetzt aufkommen." Wann und ob es dazu kommt, entscheiden letztlich die Gerichte.

Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. September 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. September 2018, 19:46 Uhr

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24 Kommentare

07.09.2018 07:30 Jakob 24

Bei dem ganzen Hickhack um die Softwarenachrüstungen darf man nicht den Blick auf das Ganze verlieren. Warum rüsten wir eigentlich nicht großflächig nach? Alle Diesel mit Rußfilter, alle Benziner mit Feinstaubfilter und alle Euro-5-Diesel bringen wir mit Nachrüstlösungen auf das aktuell sauberst mögliche NOx-Niveau.

Dem armen geschundenen Audikäufer würde ich sein "Schrottauto", wie er es nennt übrigens abkaufen, sagen wir 500 €? Das ist der übliche Schrottpreis. Was? Doch kein Schrott? Aber entscheiden muss man sich eben. Nachrüsten oder Stilllegen. Weiter den Dreck in die Luft pusten is nich. Au h wenn man sich noch so darüber aufregen will.

06.09.2018 14:46 Egon 23

Haben uns vor einem Jahr einen 3 Jahre alten Golf Sportsvan 1,6TDI BlueMotion gekauft, mit 18.000km auf der Uhr. Der Händler hat Durchsicht, neuen TÜV und diese Programmaktualisierung gemacht. Die Karre fährt einwandfrei und verbraucht im Schnitt 4,3l Diesel, also ca. 0,5l mehr als der angegebene Prüfstandverbrauch unter Optimalbedingungen. Ergo => normal! Ob der Wagen vor der Aktualisierung mehr verbrauchte, weiß ich nicht. Wir sind jedenfalls mit unserem Schummeldiesel zufrieden. Und da wir unsere Autos bis zu deren Ende fahren, ist es auch unerheblich ob das Gerät dann 500€ oder 0€ Wert ist. Und wenn irgendwelche Städte unsere Kauftkraft nicht haben wollen, ist das deren Problem. Dann wird eben mehr im Netz bestellt.

06.09.2018 14:35 im juristischen Sinn ist das Betrug 22

Den jetzigen Besitzern/Eigentümern wurde eine Ware verkauft, von der sich später herausstellte, dass diese nicht die Eigenschaften besitzt, die für diese Ware versprochen waren. Übrigens, Benziner sind auch schon im Visier und ob Elektroautos aufgrund der schädlichen Inhaltsstoffe der Batterien, deren Rohstoffe unter unsäglichen Bedingungen gewonnen werden, die Lösung ist, erschließt sich mir nicht. Zumal der Strom zum Laden auch meist aus Kohle gewonnen wird. Gleichheit vor dem Gesetz müsste auch heißen, die mit Schweröl(!) betriebenen großen Schiffe aus dem Verkehr zu ziehen. Aber mit den großen Reedern legen sich Politiker nicht an. Das hat ein lobbyistisches Geschmäckle