Ziel der App ist es, hohe Treppen wie diese für Rollstuhlfahrer sichbar zu machen.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Barrierefreiheit bewerten "Wheelmap" zeigt Rollifahrern den Weg

Himmelfahrt 2016 ist auch der Europäische Aktionstag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Die Macher von "Wheelmap" wollen zeigen, welche Hindernisse es im Alltag für Rollstuhlfahrer gibt. Sowohl im Netz als auch per App können Betroffene und Nichtbetroffene weltweit öffentliche Orte für Rollstuhlfahrer bewerten. Das Interesse an dem Projekt ist enorm. Doch in der Praxis stößt der Ansatz an seine Grenzen.

Ziel der App ist es, hohe Treppen wie diese für Rollstuhlfahrer sichbar zu machen.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um das Projekt zu begreifen, ist ein Blick hinter die Kulissen notwendig. Hinter "Wheelmap" steckt der Berliner Verein "Sozialhelden". Dazu gehört Raúl Krauthausen. Er hat die Glasknochen-Krankheit und verbringt sein Leben im Rollstuhl. Krauthausen, weitere Rollstuhlfahrer und Nichtbetroffene haben sich zur Aufgabe gemacht, die Hindernisse im Alltag für körperlich Behinderte transparent zu machen. Und davon gibt es einige. Nur drei Beispiele: Die zu schmale Tür ins Café, die Höhe des Bankautomaten und der Einstieg in die Straßenbahn. Aus dem Projekt entstanden ist eine Onlinekarte zum Suchen und Finden rollstuhlgerechter Orte, aufrufbar sowohl auf der Webseite Wheelmap.org als auch als App für Android und iOS.

Eine Frau öffnet die Internetseite von Wheelmap.org und findet lauter verschiedene Symbole vor
Wer die Webseite von "Wheelmap" öffnet, erkennt schnell die Fülle der bereits markierten Orte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Helfen soll "Wheelmap" nicht nur den rund 1,6 Millionen permanenten Rollstuhlfahrern in Deutschland. Hinzu kommen Menschen, die den Rollstuhl temporär nutzen und diejenigen, die auf einen Rollator angewiesen sind. Der Tenor: Egal, wer im Alltag ein Hindernis für einen Menschen mit beweglicher Beeinträchtigung entdeckt, kann und soll ihn bei "Wheelmap" entsprechend bewerten.

Wie funktionieren Webseite und App?

Eine weitere Bewertungsmöglichkeit ist das WC. Hier aufgezeigt sind die drei Kriterien: "Rollstuhlgerechtes WC", "Kein rollstuhlgerechtes WC", "Status WC unbekannt
Auch die Toilette entscheidend darüber, ob ein öffentlicher Ort rollstuhlgerecht ist oder nicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wheelmap" basiert auf den Geodaten von OpenStreetMap.org. Somit ist für die vollständige Nutzung von Webseite und App ein Account bei der "freien Weltkarte" notwendig. Wer sich kostenlos registriert hat, meldet sich mit seinem Konto bei "Wheelmap" an und kann loslegen. Womit? Entweder damit, einen Ort eigenständig zu bewerten oder sich die Bewertung eines anderen anzuschauen. Für beides gilt: Die Bewertung erfolgt durch ein Ampelsystem. Rote Orte gelten als "nicht rollstuhlgerecht", orangene als "teilweise rollstuhlgerecht" und grüne als "rollstuhlgerecht". Zusätzlich kann der Toilettenstatus des jeweils öffentlichen Ortes bewertet werden. Die Kategorien hierfür sind auf dem Bild zu sehen.

Was sagen Ziel und Zahlen?

Das Ziel, möglichst viele an dem Projekt mitwirken zu lassen, geht auf. Seitdem sich die Sozialhelden an "Wheelmap" gemacht haben, sind zwölf Jahre vergangen. Bis heute gibt es laut Machern weltweit bereits 650.000 markierte Orte, davon mehr als 9.000 in Sachsen-Anhalt. Laut Andi Weiland, Pressesprecher von den Sozialhelden, ist das Bundesland in Sachen Barrierefreiheit bei "Wheelmap" im soliden Mittelfeld. So wurden in Sachsen-Anhalt fast doppelt so viele Orte mit "rollstuhlgerecht" bewertet wie "nicht rollstuhlgerecht". Dafür zeigten die immer noch hohen Zahlen der rot markierten Orte, dass noch einiges zu tun sei. Zwei Beispiele in absoluten Zahlen: Die Städte Magdeburg und Halle. Bei den Bewertungen steht "+" für "rollstuhlgerecht", "+ -" für "teilweise rollstuhlgerecht" und "-" für "nicht rollstuhlgerecht" (Stand Mai 2016).

Wie behindertengerecht ist Sachsen-Anhalt bei "Wheelmap"?
  Markierte Orte + + - -
Magdeburg 1.671 950 266 455
Halle 1.904 1.127 291 486

Die zahlreichen Bewertungen von jedermann sollen zunächst einmal eines bewirken: Barrieren in den Köpfen Nichtbetroffener abbauen. Wie, erklärt Andi Weiland von den Sozialhelden MDR SACHSEN-ANHALT:

Woran hapert es?

"Teilweise behindertengerecht" ist eine der 3 Kategorien auf der Internetseite und App
"Teilweise Behindertengerecht" ist eines der drei Bewertungskriterien bei öffentlichen Orten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch das Ziel birgt auch seine eigenen Hindernisse. Denn je mehr Menschen frei bewerten dürfen, desto schwammiger werden die Aussagen. So wurden laut Andi Weiland bereits Orte als nicht rollstuhlgerecht markiert, obwohl sie einen rollstuhlgerechten Hintereingang haben.

Ändern würden solche "Fehler" andere Nutzer oder die Betreiber des bewerteten öffentlichen Ortes selbst. Doch selbst, wenn unter den Nutzern eine automatisch gegenseitige Kontrolle besteht, bleibt der Bewertungsspielraum groß. Den Grund dafür liefert insbesondere eine der drei Bewertungskategorien:

Ein weiteres Problem: Menschen mit körperlicher und seelischer Behinderung haben Schwierigkeiten, die Fülle an Informationen von "Wheelmap" zu verstehen. Querschnittsgelähmte, die sich beispielsweise nur mit Hilfe einer Kinnsteuerung fortbewegen können, können die App oder Webseite nur mit Hilfe eines Betreuers bedienen.

Es gibt also durchaus Kleinigkeiten, die an der Wheelmap verbessert werden können. Das große Ziel verliert Andi Weiland aber nicht aus den Augen:

Zuletzt aktualisiert: 05. Mai 2016, 20:33 Uhr

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1 Kommentar

06.05.2016 01:10 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 1

'Wheelmap'! Allein den Ansatz halte ich für sehr genial! Und - Selbstkasteiung! - ich bin nicht drauf gekommen! :( Warum? Man denkt sehr subjektiv und merkt sich die Wege, die man selbst 'gehen' kann: das geht allein dann schon in die Hose, wenn man 'dann plötzlich' per Auto unterwegs ist. Und selbst wenn man darauf achtet, gibt es noch genügend Hürden, die man unbehindert unbewußt überwindet: wer beschwert sich über die Schwelle zum Balkon? *** 1.) Soweit ich aus dem Bericht lese, braucht man eine Anmeldung nur, um Bewertungen abzugeben bzw. zu lesen. Wenn dahinter eine 'Wikipedia-ähnliche' Diskussionsstruktur steht, ist das sicherlich sinnvoll. 2.) Das Konzept ist so schick, daß man das durchaus auf andere Hilfen ausdehnen sollte: Unterstützung für Sehbehinderte dürfte wohl sehr komplex werden, für Hörbehinderte gäbe es evt. auch nette Informationen; ich habe grad ein 'Navi' mit Einberechnung von Rolli-Hindernissen vor Augen, mit 'Rolli-Ideallinie'! =)