Kinderbetreuung "Als Erzieherin bist du immer mit einem Bein im Knast"

Daniel George
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Die Verantwortung ist groß, die Arbeitsbelastung hoch: Nach dem tragischen Tod eines Zweijährigen auf einem Kita-Ausflug in Magdeburg wird über den Betreuungsschlüssel diskutiert. Eine Erzieherin berichtet.

Kinder einer Krippen-Gruppe spielen auf dem Spielplatz der Kita, auf dem Absperrbänder den Abstand zu den Gruppen markieren.
Auf sechs Kita-Kinder kommt in Sachsen-Anhalt laut Betreuungsschlüssel eine Erzieherin. Bildrechte: dpa

Das tragische Unglück am Neustädter See bewegt Magdeburg. Ein Zweijähriger war nach einem Kita-Ausflug ertrunken. Hunderte Kommentare im Internet folgten, unzählige Diskussionen, immer wieder die Frage nach dem Warum.

Franziska Gora hat vieles davon gelesen. "Ich war erstmal geschockt. Jeder, der das gehört hat, musste das erstmal verarbeiten. Das ist einfach schrecklich, gerade für die Eltern", sagt die 29 Jahre alte Magdeburgerin.

Und: "Ich kann die Aufregung in den sozialen Netzwerken auch verstehen." Aber: "Diese Vorverurteilung von allen Erzieherinnen generell, dieses Beleidigende gegenüber dem Berufsbild, fand ich schlimm."

Was ist, wenn jemand krank wird?

Fünf Jahre lang hat die gebürtige Oscherslebenerin ihre Ausbildung absolviert, in den vergangenen sieben Jahren als Erzieherin in Magdeburg gearbeitet. Nicht in der Kindertagesstätte am Neustädter See, aber unter den gleichen Bedingungen: dem Betreuungsschlüssel.

Franziska Gora, Erzieherin aus Magdeburg
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Du versuchst, immer alle Kinder im Blick zu haben, aber das geht bei diesem Betreuungsschlüssel gar nicht.

Franziska Gora, Erzieherin aus Magdeburg

Der Betreuungsschlüssel liegt in Sachsen-Anhalts Kinderkrippen bei 1 zu 5,5. Heißt in der Praxis: Eine Erzieherin ist für sechs Kinder verantwortlich. Dabei "legen Gutachten nahe, dass ein Schlüssel von eins zu drei notwendig wäre, um eine vernünftige Aufsicht und Pädagogik zu gewährleisten", sagt Eva Gerth.

Die Landeschefin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert deshalb: "Wir müssen über den Personalschlüssel in Sachsen-Anhalt nachdenken. Er ist momentan einfach nicht ausreichend, denn wir wollen ja nicht nur beaufsichtigen, sondern pädagogisch mit den Kindern arbeiten. Also müssen wir in dem Schlüssel auch solche Sachen einpreisen wie den Urlaub von Erzieherinnen oder Krankheit."

Sachsen-Anhalt hat zu wenige Erzieher Sachsen-Anhalts Kita- und Kindergartenkinder werden laut einer Studie von gut ausgebildeten, aber zu wenigen Erzieherinnen und Erziehern betreut. Das ist das Ergebnis des Bertelsmann Ländermonitorings Frühkindliche Bildungssysteme dieses Jahres.

Demnach musste in Sachsen-Anhalt im vorigen Jahr rechnerisch jede Fachkraft in Krippen 5,7 Kinder betreuen. In Kindergartengruppen lag die Quote bei 11 Kindern pro Fachkraft.

Von einem kindergerechten Verhältnis von Kindern zu Erziehern ist das Land laut Bertelsmann Stiftung noch weit entfernt: Das liegt demnach bei einem Verhältnis von 3,0 Krippen-Kindern und 7,5 Kindergartenkindern jeweils pro Fachkraft.

Die Qualifikation der Erzieher ist in Sachsen-Anhalt dafür außergewöhnlich hoch: 86 Prozent des pädagogischen Personals sind als Erzieherin oder Erzieher ausgebildet. Dieser Wert lag nur in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern (jeweils 87 Prozent) und Brandenburg (88 Prozent) höher.

Auszeit nach sieben Jahren im Job

Für drei Kinder verantwortlich sein? Das wäre ein Traum gewesen für Franziska Gora. Die Realität sah aber anders aus.

"Wenn wir 18 Krippenkinder hatten, waren im besten Fall drei Erzieherinnen da. Oft waren wir aber aufgrund von Krankheit oder ähnlichem unterbesetzt", sagt die 29-Jährige. "Du versuchst, da immer alle Kinder im Blick zu haben, aber das geht gar nicht. Gerade in der Krippe, wo die bis zu drei Jahre alten Kindern sind, wo du noch Windeln wechseln oder die Kleinen aufs Töpfchen setzen musst, wo sie einfach noch nicht so selbstständig sind, bist du da permanent im Stress."

Eva Gerth
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Wir müssen über den Personalschlüssel in Sachsen-Anhalt nachdenken. Er ist momentan einfach nicht ausreichend.

Eva Gerth, Landeschefin GEW

Nach sieben Jahren im Beruf brauchte Gora eine Pause. Seit Frühling dieses Jahres arbeitet sie als Familienbetreuerin und nicht mehr in der Kindertagesstätte. "Ich will auf jeden Fall in den Beruf zurückkehren. Mein Herz hängt an dem Job, er hat mir immer großen Spaß gemacht", sagt sie, aber: "Die Arbeit hat einfach auch unheimlich geschlaucht. Deshalb muss ich jetzt erstmal eine kleine Auszeit davon nehmen."

Denn die Belastung war groß – genau so wie die Verantwortung. Das Unglück am Neustädter See hat auch Franziska Gora wieder verdeutlicht, dass ein Augenblick der Unaufmerksamkeit das Leben von vielen für immer verändern kann. "Als Erzieherin", davon ist sie überzeugt, "bist du eigentlich immer mit einem Bein im Knast. Das muss man mal so krass sagen."

Ein subjektives Empfinden, natürlich, geprägt auch von dem Gefühl, von der Politik trotz jahrelanger Diskussionen um den Betreuungsschlüssel allein gelassen zu werden. Aber fest steht: Eltern vertrauen der Kita das wertvollste an, das sie haben: ihre Kinder. Und damit geht eine ungeheime Verantwortung einher.

"Ein ganz schwieriger Grad"

Ein niedrigerer Betreuungsschlüssel würde die Situation entspannen. "Darüber wird ja schon lange diskutiert", sagt Franziska Gora. Nur: "Es passiert einfach nichts." Dabei "wäre das für alle besser: für die Erzieherinnen, für die Eltern und vor allem für die Kinder. Sie könnten sich freier entfalten, weil du dich viel individueller mit ihnen beschäftigen könntest. Aber dich mal mit einem Kind alleine hinsetzen und zum Beispiel ein Buch angucken, das schaffst du aktuell gar nicht."

Auch Eva Gerth von der GEW sieht das Problem. Gerade auch bei der Frage, ob mit den Kindern ein Ausflug unternommen werden kann oder nicht: "Da bleibt den Erzieherinnen und Erziehern im Zweifelsfall nur zu entscheiden, in der Einrichtung zu bleiben, weil sie nicht genug sind."

Ermittlungen gegen Betreuerinnen

Nach dem Unglück am Neustädter See wird gegen die Betreuerinnen ermittelt. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Magdeburg mitteilte, wird gegen drei mögliche Verantwortliche wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Es werde geprüft, inwieweit die Kita-Mitarbeiterinnen Sorgfaltspflichten verletzten und nicht genug auf das Kind achteten. Die Obduktion in der Rechtsmedizin des Uniklinikums Magdeburg habe ergeben, dass der Zweijährige ertrunken ist.   

Der Junge war bisherigen Erkenntnissen zufolge mit seiner Kita-Gruppe unterwegs gewesen und plötzlich verschwunden. Die Erzieherinnen hatten sein Verschwinden zunächst nicht bemerkt. Bei einer groß angelegten Suche wurde der Zweijährige schließlich leblos im See gefunden.

Gerth sagt: "Am Ende ist das pädagogisches Ermessen, was sie jeden Tag anwenden müssen, wo der Bruchteil einer Sekunde eine Rolle spielt: Die Kinder die Welt entdecken zu lassen, aber auch die Aufsicht zu gewährleisten, ist ein ganz schwieriger Grad. Und das zeigt, was unsere Kolleginnen und Kollegen in den Kindereinrichtungen jeden Tag leisten."

Deshalb wünscht sich Franziska Gora – bei all der verständlichen Trauer und Kritik nach dem Unglück am Neustädter See – auch Respekt für das Berufsbild. "Diese Menschen, die Klischees verbreiten oder uns generell alle verurteilen, sollten einfach mal miterleben, wie der Alltag als Erzieherin so ist", sagt sie, denn: "Wir singen nicht nur den ganzen Tag mit den Kindern, essen Kekse oder trinken Kaffee, was viele denken. Nein, da steckt eine Menge Arbeit dahinter."

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

Er ist in einem Wohnblock am Neustädter See aufgewachsen, hat als kleiner Junge auch die Integrative Kindertagesstätte am "Neustädter See" besucht und wohnt noch immer in der Gegend.

Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

-gruessgott1 vor 5 Tagen

Das Problem ist wohl eher, dass die Bezahlung ein Witz ist, für das, was Erzieher leisten! Es fängt schon in der Ausbildung an. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das viele die Ausbildung frühzeitig beendet haben, da das ,, Gehalt“ einfach nicht ausreicht und man keine Lust hat 3-5 Jahre von NICHTS zu leben. Ich finde da sollte angesetzt werden und eine Lösung gefunden werden, denn dann müsste man sich bestimmt keine Gedanken mehr machen, das es zu wenig Personal gibt! Es gibt wirklich viele, die sich für diesen Beruf interessieren, aber wenn sie erfahren, wie das mit der Ausbildung abläuft, verfällt das Interesse..

herbert.oberst vor 5 Tagen

Die Befürchtung, ins Gefängnis einfahren zu müssen, wird immer wieder geäußert. Sie ist jedoch nicht begründet. Das bestätigten in der Vergangenheit viele Urteile (zivilrechtliche wegen Haftungsansprüchen und auch strafrechtliche). Die Einzelheiten erspare ich uns jetzt mal. Wichtiger ist der vom Bundesgerichtshof aufgestellte Leitsatz, dass es entscheidend ist, was verständige Fachkräfte nach vernünftigen Anforderungen unternehmen müssen, um eine Schädigung des Kindes zu verhindern. Rechtlich abgesichert ist auch, dass eine lückenlose Beaufsichtigung von Minderjährigen pädagogisch schädlich ist. Das Kind soll nun mal in seiner Entwicklung gefördert werden. Das geht nicht ohne das Zutrauen der Aufsichtspflichtigen in die Fähigkeiten des Kindes. Ich gebe hier nur einen Hinweis auf die grobe Richtung einer verantwortungsvollen Pädagogik. Dass die Bedingungen in der Kindertagespflege unbefriedigend sind, kann unterstellt werden, darf aber nicht zu einer ängstlichen Pädagogik führen.

MaxMueller89 vor 6 Tagen

Ich bin maennl. u habe in Deutschl. meine Erzieherausbildung gemacht. Ich fuehle mi gut ausgebildet u fuer diesen Beruf geruestet. Zumindest was meine persønliche Eignung u mein durch d Ausbildung erlangtes theoretisches Fundament angeht usw. Die Arbeitsbedingungen bzw. der Betreuungsschluessel in den meisten Bundeslaendern kann man gut und gern als eine Zumutung beschreiben. Fuer die Kinder, fuer die Eltern (die ihre Kinder in die Obhut des Personals geben u dies mit gutem Gewissen tun møchten) und nicht zuletzt fuer die Angestellten. Der miese (man kann auch sagen: fiese) Betreuungsschluessel, die staendige Ueberbelastung (steigende Anforderungen an das Berufsbild usw.) als Angestellter, dazu schlechte Bezhlg. und mangelnde Anerkennung haben mich im wahrsten Sinne des Wortes die Flucht ergreifen lassen. Als Leiter einer Kita i Norwegen kann i sagen hier ist nicht alles besser, aber einiges fairer. Ein Erwachsener arbeitet mit 3 Kindern unter 3 Jahren bzw. mit 6 ueber 3 Jahren. Mfg

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