Tarifstreit Streik an Ameos-Kliniken: Fünf Fragen und Antworten zu Tarifverträgen

Seit Anfang vergangener Woche streiken Beschäftigte der Ameos-Kliniken Aschersleben, Staßfurt, Bernburg, Haldensleben und Schönebeck. Doch warum hat Ameos eigentlich keinen Tarifvertrag? Was sind eigentlich die Vorteile für das Unternehmen? MDR SACHSEN-ANHALT beantwortet Fragen zu Tarifverträgen.

Kevin Poweska
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von Kevin Poweska, MDR SACHSEN-ANHALT

Drei Frauen mit einem Protestschild mit der Aufschrift 'ich kann gar nicht so schlecht arbeiten wie ich bezahlt werde Wir sind es wert'
Seit etwa zwei Wochen streiken Ameos-Mitarbeiter unbefristet. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Johanna Honsberg

Warum hat Ameos keinen Tarifvertrag?

Ein Tarifvertrag ist für Unternehmen nicht gesetzlich vorgeschrieben. Ein privates Krankenhaus wie die Ameos-Kliniken handelt in ihrer eigenen Verantwortung und muss auch wirtschaftlich denken. Da ein Tarifvertrag keine Pflicht ist, kann der Betreiber eine aus seiner Sicht wirtschaftliche Vergütungsstruktur entwickeln.

Wer hat Vorteile und wer hat Nachteile ohne Tarifvertrag?

Eine ältere Frau zählt Geld.
Ein Tarifvertrag wirkt sich finanziell aus. Bildrechte: dpa

Der Rechtsanwalt für Arbeitsrecht Christoph Szmaglinski erklärt dazu: "Die Unternehmen sind dadurch nicht an die tariflichen, meist höheren Löhne gebunden. Auch in speziellen Vergütungen wie beispielsweise dem Weihnachtsgeld nicht. Sie können Einzelheiten ohne Tarifvertrag individuell mit den Arbeitnehmern aushandeln. Für den Arbeitnehmer ist es generell vorteilhaft, wenn ein Tarifvertrag gilt. Oftmals gibt es bei kleineren Unternehmen keine allgemeine Regelung von Urlaub, Arbeitszeit, Weihnachtsgeld. Die genannten Gelder sind dann entweder geringer oder gar nicht vorhanden. Die Arbeitszeit ist ohne Tarifvertrag tendenziell höher. Mit Tarifvertrag werden meistens 35 bis 39 Stunden in der Woche gearbeitet – nicht 40 Stunden in der Woche. Auch haben Auszubildende ohne Tarifvertrag nicht unbedingt eine Übernahmegarantie."

Gibt es auch Vorteile für Mitarbeiter, wenn es keinen Tarifvertrag gibt?

Es könnte der Fall sein, dass Mitarbeiter besser vergütet werden, als es der Tarifvertrag vorsieht. Wenn ein Unternehmen einen Mitarbeiter unbedingt halten möchte und nicht nach Tarif vergüten muss, kann es ein individuell höheres Angebot machen, als es der Tarifvertrag vorsieht. Ein gefragter Mitarbeiter kann also ein hohes Angebot durch den Arbeitgeber bekommen, damit er sich für den Betrieb als Arbeitgeber entscheidet.

Gelten an anderen Standorten von Ameos Tarifverträge?

Tarifverträge gibt es beispielsweise bei Ameos in Hildesheim und Osnabrück. In Sachsen-Anhalt gibt es am Standort Halberstadt derzeit einen Tarifvertrag.

Kann die Gewerkschaft Tarifverträge erzwingen?

Demonstrierende halten gebastelte Papierfiguren und Protestschilder
Die Streikenden kämpfen für einen Tarifvertrag. Bildrechte: MDR/Johanna Honsberg

Arbeitsrechtsanwalt Szmaglinski erklärt: "Grundsätzlich ist es so, dass ein Tarifvertrag zwischen Arbeitgeber oder Arbeitgeberverbänden und der Gewerkschaft entsteht. Erzwingen kann die Gewerkschaft einen Tarifvertrag aber nicht. Sie kann höchstens Druck ausüben – beispielsweise mit einem Streik. Bei den Unternehmen wird meistens immer dann gestreikt, wenn durch den Streik am meisten Druck ausgeübt werden kann."

Am Donnerstag sagte der neue Ameos-Geschäftsführer Wiener MDR SACHSEN-ANHALT, dass Ameos bereit sei, mit der Gewerkschaft Verdi zu sprechen. Zuvor hatte der Klinikbetreiber Gespräche mit Verdi ausgeschlossen.

Kevin Poweska
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Über den Autor Kevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im fünften Semester seines Bachelors Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung. In seiner Freizeit ist Kevin gerne sportlich aktiv: Seine Hauptambitionen liegen in den Sportarten Basketball, Tennis und Fußball - aber auch da probiert er sich gerne immer wieder neu aus. Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren und steht dabei mit den Spielern für Postgame-Interviews in regem Kontakt.

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. Februar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2020, 19:01 Uhr

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