Anwalt für Familienrecht "Oft ist das Jugendamt zu spät dran"

Jugendämter sollen eingreifen, wenn es in Familien zu Konflikten kommt. Tobias Rösemeier, Anwalt für Familienrecht in Magdeburg, gibt im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT eine Einschätzung zur Arbeit der Ämter im Land.

Jugendamt
Jugendämter stehen bei eskalierenden Fällen oft in der Kritik. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Wann darf das Jugendamt den Erziehungsberechtigten ein Kind wegnehmen?

Tobias Rösemeier: Laut gesetzlicher Regelung darf eine Inobhutnahme nur dann erfolgen, wenn das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen akut gefährdet ist und keine andere Möglichkeit besteht. Der Staat soll ja nur dann eingreifen, wenn es keine andere Möglichkeit gibt. Die Herausnahme der Kinder soll das allerletzte Mittel sein. Deswegen ist das Jugendamt auch verpflichtet zu prüfen, ob andere Mittel ebenfalls geeignet wären.

Viele Menschen erwirken durch anonyme Meldungen Verfahren. Gibt es Probleme beim Melden der Fälle?

Ein Mann im Hemd guckt in die Kamera
Tobias Rösemeier nimmt auch die Gesellschaft in die Verantwortung. Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Das Jugendamt kann ja nicht überall sein. Da sind auch wir als Gesellschaft gefragt – darauf ist das Jugendamt angewiesen. Anonym ist leichter, da fragt mich hinterher keiner und ich muss mich nicht rechtfertigen. Es ist wichtig, dass wir untereinander auf uns achten und dann gegebenenfalls aufmerksam machen. Daraus resultiert aber auch eine Gefahr: Anonym sind auch oftmals Meldungen, die nach meiner Erfahrung zum Teil von Leuten aus Boshaftigkeit gemacht werden. Da zeigen Leute etwas an, was gar nicht da ist – gerade nach Trennungen. Aber es gibt dabei natürlich auch viele positive Fälle, wo das Melden wichtig und sinnvoll ist.

Zwischen 2012 und 2018 gab es fast 50 Prozent mehr Verfahren durch Jugendämter in Sachsen-Anhalt. Womit begründen Sie den Anstieg der Fälle?

Ein Mann sitzt am Schreibtisch und arbeitet.
Die Sichweise zum Kindeswohl hat sich verändert, erklärt der Anwalt für Familienrecht. Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Eine mögliche Ursache für die ansteigenden Zahlen ist, dass man eventuell zu spät mit geeigneten Hilfsmaßnahmen reagiert. Die Aufgabe des Jugendamtes ist es, sobald Kenntnis von einem Vorfall vorliegt, zum Beispiel bei einer Überforderung der Eltern, zu reagieren. Sie müssen schauen, wie sie unterstützen und helfen können, bevor es zu Akutsituationen kommt. Oft ist das Jugendamt aber zu spät dran – oder zu vorsichtig in der Ausführung. Dann kann es zu Akutsituationen kommen und es müssen drastische Maßnahmen eingeleitet werden.

Die erhöhten Zahlen können aber auch durch verpasste Chancen im Vorfeld entstehen, wo man die Möglichkeit hatte, frühzeitig zu reagieren. Auch muss man beachten, dass sich die Sichtweisen zum Kindeswohl über die Jahre verändert haben – das war vor 50 Jahren noch anders. Wir sind da heute deutlich empfindlicher. Natürlich gibt es immer eine Dunkelziffer. Es gibt Situationen in den Haushalten, die keiner mitbekommt. Daraus resultiert meiner Meinung nach aber nicht die aktuelle Entwicklung.

Warum ist die Situation auf dem Land anders?

Es gibt regionale Unterschiede – aber das kann 1.000 Gründe haben. Aus meiner Erfahrung ist es stark abhängig davon, wie die Jugendämter arbeiten. In Magdeburg gibt es unter anderem eine Zusammenarbeit zwischen dem Jugendamt, den Gerichten und Jugendhilfeeinrichtungen. Dort wird versucht, bereits im Vorfeld zu agieren. So etwas gibt es nicht überall und ist auch gar nicht überall möglich. Dort, wo man in der Lage ist eher zu reagieren und Hilfen zu installieren, da sind dann Akutfälle eher seltener.

Die Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen haben sich zwischen 2012 und 2018 fast verdoppelt. Wie erklären Sie sich diesen steigenden Verlauf?

Eine mögliche Ursache dafür ist, dass zu spät oder mit nicht geeigneten Mitteln gearbeitet wurde. Es könnte auch sein, dass zunehmend eine Überforderung der Eltern vorliegt – da sind dann gewisse Kompetenzen nicht vorhanden oder es liegen Suchterkrankungen vor – um nur zwei mögliche Punkte zu nennen.

Warum melden so viele Menschen Verdachtsfälle anonym? Warum fällt es den nächsten Angehörigen schwerer, einen Fall zu melden?

Für Familienmitglieder ist es moralisch schwieriger, Fälle zu melden. Man will ja innerhalb der Familie vermeiden, dass von außen etwas kommt – das ist ein normaler Schutzmechanismus. Das ist ein schwerer Schritt für Verwandte, weil es auch fast einem Vertrauensbruch innerhalb der Familie gleichkommt, obwohl es nur gut meint ist.

Die Fragen stellte Kevin Poweska.

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 17. Juli 2020 | 17:00 Uhr

2 Kommentare

Wibke vor 8 Wochen

Danke für diesen Artikel. Genau so ist es. Leider. Papier ist geduldig. Und die Umsetzung des Grundsatzes „Hilfe vor Zwang“ stehen leider viel zu oft personelle und finanzielle „Engpässe“ der Kommunen entgegen.
Traurig eigentlich.

jackblack vor 8 Wochen

Sind viele Eltern nicht mehr in der Lage, ihre Kinder vernünftig zu erziehen, Respekt und Disziplin gehören übrigens AUCH dazu !!!! ( und damit meine ich die KINDER )

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