Test und Rezension App "KonterBUNT" gegen Hasskommentare: Schöne Idee, schwierige Umsetzung

Hasskommentare könne jeden treffen. Um darauf mit schlagkräftigen Argumenten reagieren zu können, gibt es die App "KonterBUNT" der Landeszentralen für politische Bildung von Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Wie sie funktioniert und ob sie gegen Hasskommentare wirklich helfen kann: ein Test.

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

von Johanna Daher, MDR SACHSEN-ANHALT

Zunehmende Hasskommentare im Internet und abfällige Sprüche in Gesprächen zerstören die Diskussionskultur. "Einschreiten für Demokratie", heißt der Slogan im Appstore zu "KonterBUNT", einer App, die gegen Hasskommentare wappnen will. Weiter unten im Text steht: "Ein rassistischer Spruch auf der Familienfeier, ein sexistischer Witz auf dem Schulhof oder eine abfällige Bemerkung über Geflüchtete in der Kneipe: Du möchtest etwas entgegnen, aber ehe dir eine gute Antwort einfällt, ist die Situation auch schon vorüber."

Um besser auf solche Sprüche vorbereitet zu sein und wirklich Gegenargumente liefern zu können, soll die App "KonterBUNT" der Landeszentralen für politische Bildung Sachsen-Anhalt und Niedersachsen helfen. Aber: Hält die App, was sie verspricht?

Der "Download"-Button ist schnell gedrückt, nach wenigen Sekunden ist die kostenlose App auf dem Testgerät: ein iPhone 6s Plus. Der Start-Bildschirm: farbenfroh – wie der zusammengesetze Name aus "kunterbunt" und "kontern" vermuten ließ. Dort hat der Nutzer die Auswahl zwischen "Minispiel", "Parolen-Verzeichnis", "Strategie-Guide" und "Avatar bearbeiten".

Die Wahl fällt zuerst auf das Minispiel. Die Idee: Der Spieler kommt an unterschiedliche Stationen, wie etwa einen Spielplatz. Er soll dort mit Hassparolen konfrontiert werden und aus vorgegebenen Antworten auswählen, wie er darauf reagiert. Die Gestaltung der Karte ist liebevoll und durch einen Weg klar strukturiert.

Problem mit Minispielen und großen, älteren Smartphones

Screenshots der App "KonterBUNT"
So sehen Startbildschirm, Minispiel-Karte und die Situation am Ort "Spielplatz" aus. Bildrechte: KonterBUNT/Screenshots

Das Problem: die Programmierung. Das Tippen auf den Spielplatz führt zu einer weißen Sprechblase, sonst passiert nichts. Es gibt keine Möglichkeit, die Minispiele mit dem iPhone 6s Plus zu nutzen. Es wirkt so, als ob die App für größere Smartphones nicht richtig konfiguriert wäre. Elemente sind abgeschnitten, Buttons schwer zu erreichen. MDR SACHSEN-ANHALT-Kollegen haben es ebenfalls ausprobiert, auch bei anderen iPhones tritt der Fehler auf.

Dass es generell Probleme gibt, wird im Beschreibungstext im Appstore deutlich. Dort heißt es seitens der Entwickler: "Auf Geräten der Generation iPhone 7 und älter kann es daher zu Problemen bei der Darstellung und Nutzbarkeit führen." Das bedeutet zusammengefasst: Nur Nutzer mit einem Android-Gerät (im Google-Playstore gibt es keine Einschränkung) oder neuerem iPhone können die App derzeit verlässlich nutzen. Damit wird eine große User-Zahl ausgeschlossen, wie bereits in diesem Test deutlich wird.

Mit dem Willen doch noch den Spielplatz testen zu können, wird die App auf ein kleineres iPhone, das 6s, geladen. Dort funktioniert sie! Es folgt direkt die Konfrontation: "Homosexualität ist ansteckend!" Vier Antwortmöglichkeiten, darunter die scheinbar richtige: "Und wenn du homosexuell wärst, würdest du dir dann sagen lassen wollen, dass du eine Krankheit hättest?", werden angezeigt. Innerhalb einer Minute muss geantwortet werden. Dass der Fokus auf dem Gespräch liegt, ist deutlich erkennbar. Unter den Antworten ist immer auch eine Beleidigung, die vermieden werden soll. Was jedoch schwierig ist: 60 Sekunden sind eine relativ kurze Zeit, um sich teilweise auch längere Antworten durchzulesen und sich dann zu entscheiden.

Parolen-Verzeichnis: Argument geht in Text unter

Einblick in die App "KonterBUNT"
Das Parolen-Verzeichnis im Überblick. Die Antwort (rechts) kann in der App weitergescrollt werden. Sie ist deutlich länger. Bildrechte: KonterBUNT/Screenshots

Zurück zum Startbildschirm. Als nächstes fällt die Wahl auf das "Parolen-Verzeichnis". Dort beginnt die Erklärung mit: "Stammtischparolen gibt es (leider) wie Sand am Meer. Im Folgenden haben wir daher lediglich einige Beispiele zusammengestellt." Diese Beispiele gibt es für acht Kategorien:

  • Ablehnung von Geflüchteten
  • Antisemitismus
  • Antiziganismus
  • Behindertenfeindlichkeit
  • Klassismus
  • Sexismus
  • Rassismus
  • Trans- & Homofeindlichkeit

Alle Kategorien haben eine eigene Farbe, die damit das kunterbunte Design-Konzept unterstützt und auf die Vielzahl an Diskriminierungsbereichen aufmerksam macht. Sie sind übersichtlich aufgelistet und die Suchfunktion hilft, wenn ein Argument zu einem bestimmten Fall benötigt wird. Unter dem Punkt "Ablehnung von Geflüchteten" befindet sich unter anderem die Parole "Warum kritisieren die Deutschland? Wenn es denen nicht passt, sollen sie doch in ihr Land zurückgehen."

Statt einer vergleichsweise schlagfertigen, kürzeren Antwort bekommt der Nutzer lange Erklärungen, die sich meist über drei Absätze hinweg erstrecken. Positiv daran: Der User bekommt einiges an Hintergrundwissen. Dieses wird durch den Button "Öffne Thema im Browser" ebenfalls erweitert.

Negativ: Die eigentlich beabsichtigte Schlagfertigkeit, die in den Minispielen trainiert wird, leidet darunter. Die wenigsten würden vermutlich weder mit so langen Absätzen auf Hasskommentare antworten, noch können sie sich diese Infos für den alltäglichen Gesprächsgebrauch merken. Vor lauter textlicher Bleiwüste geht das eigentliche Argument verloren. Zusammengefasst ist die Antwort auf die genannte Parole: Wir leben in einem freien Land, in dem jeder seine Meinung äußern kann – auch Geflüchtete. Außerdem ist die Browser-Seite, die sich durch den Button öffnet, nicht für Mobilgeräte optimiert.

Strategie-Guide: Zwischen hilfreich und "Captain Obvious"

Neben dem bisher inhaltlich betrachteten Umgang mit Hasskommentaren und Stammtischparolen, gibt der Strategie-Guide der "KonterBUNT"-App Tipps für das Verhalten innerhalb des Gespräches. Diese sind ebenfalls gut strukturiert und übersichtlich dargestellt. Die Erklärungen sind im Vergleich zum Parolen-Verzeichnis kurz. Keiner der Punkte überrascht, bis auf "Sich an Sokrates erinnern": Das ist eine Methode, bei der gezielt immer wieder nachgefragt wird. Sie alle sind hilfreich, manche wirken aber eher wie "Captain Obvious", sind also sehr selbstverständlich, so wie "Sich positionieren" und "Initiative ergreifen". Gleichzeitig könnten es aber vielleicht gerade diese kleineren, eigentlich bekannten Punkte sein, die einer Erinnerung bedürfen.

Avatar bearbeiten: Individuell von Hautfarbe bis Geschlecht

Der App-Nutzer kann zusätzlich seinen eigenen Avatar gestalten. Der persönliche Charakter ist dann mit den angepassten Einstellungen innerhalb der Minispiele sichtbar. Die Entwickler haben ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, dass sich hier jeder wiederfinden kann und eben – passend zum Thema der App – niemand diskriminiert wird. So gibt es unterschiedliche Hautfarben-Töne, neben weiblich oder männlich kann "divers" als Geschlecht eingestellt werden.

Die Auswahl an Frisuren, Gesichtern und Kleidungsstücken ist allerdings sehr begrenzt, was letztendlich aber nicht so sehr stört, da der Charakter eigentlich keine wirkliche Rolle spielt. Sein Kopf ist mit einem kleinen Ausschnitt der Schultern lediglich als starres, kleines Bild sichtbar.

Fazit: Idee relevant, Umsetzung ausbaufähig

Die "KonterBUNT"-App spricht ein wichtiges, aktuelles Thema an. Hasskommentare zerstören die Diskussionskultur und belasten täglich viele Menschen in den sozialen Netzwerken und in realen Gesprächssituationen. Deshalb sollte das Thema auch zukünftig von weiteren Unternehmen und Personen behandelt werden. Die Idee der App ist schön und wertvoll, die Umsetzung mit den beschriebenen technischen und inhaltlichen Problemen aber schwierig und ausbaufähig. Im Appstore spiegelt sich der negative Beigeschmack wieder: Dort schneidet sie bei 129 Bewertungen mit 1,7 von 5 Sternen ab. Im Google-Playstore bewerten die User sie etwas besser: 398 Personen haben ihr dort im Durchschnitt 2,8 Sterne gegeben.

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Über die Autorin Seit Februar 2018 ist Johanna Daher Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihr typischer Satz in den sozialen Medien beschreibt sie ihrer Meinung nach ziemlich gut: "Christin, Journalistin und Optimistin mit einer Liebe zum Multimedialen, Interaktiven und Programmieren." Johanna Daher kommt gebürtig aus Nordhessen, hat in Dortmund Journalistik und in Wernigerode an der Hochschule Harz "Medien- und Spielekonzeption" studiert.

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2019, 13:40 Uhr

7 Kommentare

Rasputin vor 3 Wochen

Wenn dafür schon Geld der Steuerzahler verwendet wird, gibt's es die app auch auf englisch?
Ich lese und höre in vielen Hasskommentaren und bei Demonstrationen oft ein (mindestens sexistisches)
"fuck..." oder "fck..."
wäre schön wenn man da entsprechend antworten könnte.

B. W-R vor 3 Wochen

An Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Vor einigen Tagen fuhr ich mit der Bahn, dort stand, dass man ohne Fahrschein Falschfahrer ist und nichts mehr von Schwarzfahrer. Falschfahrer bin ich eigentlich, wenn ich in der falschen Linie sitze oder als Geisterfahrer auf der Autobahn unterwegs bin. Da fasst man sich echt vor den Kopf.

Anhaltiner vor 3 Wochen

Hasskommentare könne jeden treffen. Um darauf mit schlagkräftigen Argumenten reagieren zu können, gibt es die App "KonterBUNT" der Landeszentralen für politische Bildung von Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Wie sie funktioniert und ob sie gegen Hasskommentare wirklich helfen kann.
Wer wird es anwenden? Wer braucht den täglichen Moralfinger?

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