Armutsbericht 2019 Armut bei Altmärkern und Rentnern steigt

Fast jeder fünfte Sachsen-Anhalter gilt als arm. Das ist – trotz leichter Verbesserung – im Deutschlandvergleich weiter einer der höchsten Werte. Besonders dramatisch ist die Entwicklung im Norden des Landes. Der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands führt die Altmark als Negativbeispiel auf. Auch das Problem Altersarmut wächst in Sachsen-Anhalt weiter. Immer mehr Rentner nehmen das Angebot der Tafeln in Anspruch. Der Verbandschef fordert bessere Löhne, um den Trend aufzuhalten.

Ein Rentner auf einer Bank.
Alt und auf dem Land – das sind die größten Risikofaktoren für Armut. Bildrechte: imago images/Future Image

Trotz leichtem Aufwärtstrend bleibt Sachsen-Anhalt das Bundesland mit der dritthöchsten Armutsquote in Deutschland. Das sagt der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands für 2018, der am Donnerstag vorgestellt worden ist. Den Zahlen nach sind in Sachsen-Anhalt 19,5 Prozent der Einwohner arm. Im 2017er-Bericht waren es noch 21 Prozent. Nur Mecklenburg-Vorpommern und Bremen weisen derzeit mit 20,9 Prozent und 22,7 Prozent noch höhere Quoten auf.

Wer gilt als arm?

Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Der Bericht des Paritätischen stützt sich auf den Mikrozensus. Eingerechnet wird das gesamte Nettoeinkommen des Haushalts inklusive Wohngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag oder sonstiger Zuwendungen. Die Armutsschwelle für einen Single betrug 2018 beispielsweise 1.035 Euro, für einen Paarhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren 2.174 Euro, bei Alleinerziehenden 1.656 Euro. Ein Paar mit einem Kind unter 14 Jahren liegt bei einem Einkommen von 1.863 Euro an der Armutsschwelle, ein Alleinerziehender bei 1.346 Euro.

Was ist der Unterschied zwischen "arm" und "armutsgefährdet"?

Bei dieser Erhebung sind die Begriffe gleichzusetzen, da es sich um verschiedene Interpretationen derselben Zahlen handelt. Das heißt: Die Angaben des Paritätischen stützen sich auf die Werte des Statistischen Bundesamtes vom Juli dieses Jahres. Darin war von Armutsgefährdungsquoten die Rede. Der Wohlfahrtsverband lehnt diesen Begriff ab. Er sei angesichts der vorherrschenden Probleme eine Beschönigung.

Wie hat sich die Armut allgemein entwickelt?

In den vergangenen zehn Jahren ist die Altersarmut in Deutschland dem Bericht zufolge um 33 Prozent angestiegen. Dem aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zufolge ist Deutschland sozial tief zerklüftet. Der Paritätische spricht von einem „viergeteilten Land“.

Trotz eines Rückgangs der bundesweiten Armutsquote auf 15,5 Prozent liegt sie im Osten mit 17,5 Prozent weiter deutlich darüber. Noch schlechter steht Nordrhein-Westfahlen da. Die geringsten Arbeitslosenquoten weisen seit zehn Jahren Baden-Württemberg und Bayern auf. Sie liegen aktuell bei 11,9 Prozent beziehungsweise 11,7 Prozent.

Altmark fällt besonders negativ auf

Der Paritätische: Armutsquoten 2018 nach Bundesländern
Die Armutsquoten klafften 2018 im Bundesländer-Vergleich weit auseinander. Bildrechte: Der Paritätische Gesamtverband

In seinem Bericht führt der Paritätische die Altmark unter den Regionen mit "besonders schlechter Armutsentwicklung" im Zehnjahresvergleich auf. Von den knapp 200.000 Einwohnern der Region lebte demnach 2018 mit 22,9 Prozent mehr als jeder Fünfte unterhalb der Armutsschwelle. Dies ist der zweithöchste Wert aller Regionen Deutschlands, er wird nur von Bremerhaven mit 27,9 Prozent noch überschritten.

Der Bericht weist darauf hin, dass die Altmark noch 2008 mit einer Armutsquote von 18,4 Prozent nicht nur unter dem ostdeutschen Schnitt lag, sondern auch den niedrigsten Wert in ganz Sachsen-Anhalt hatte. Ab 2011 drehte sich das Verhältnis. Positiv haben sich dem Bericht zufolge die Regionen Halle und Magdeburg entwickelt. Im Zehnjahresvergleich gingen hier die Armutsquoten um 13 Prozent zurück, im Raum Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg sogar um 23 Prozent.

Mehr Rentner nutzen Angebote der Tafeln

Hingegen wächst in Sachsen-Anhalt offenbar die Zahl der bedürftigen Rentner.  Die Tafeln im Land verzeichnen hier eine gestiegene Nachfrage. Der Vorsitzende des Landesverbandes der Tafeln, Andreas Steppuhn (SPD), sagte MDR SACHSEN-ANHALT, dass etwa 26.000 ältere Menschen regelmäßig zu den Tafeln in Sachsen-Anhalt kämen. Das seien rund 1.300 Rentner mehr als 2018 – rund fünf Prozent. Bundesweit versorgen die Tafeln nach eigenen Angaben 430.000 Rentner. Das sind 20 Prozent oder knapp 90.000 mehr als 2018.

Eine Seniorin steht bei der Tafel vor einem Korb mit Weintrauben.
Etwa 26.000 Rentner in Sachsen-Anhalt nutzen das Lebensmittel-Angebot der Tafeln. Bildrechte: dpa

Die Ursachen für die Steigerung sieht Steppuhn vor allem in zunehmender Altersarmut. "Wir stellen auch fest, bevor Menschen zu Amt gehen und eine ergänzende Grundsicherung zur Rente beantragen, da gehen sie schneller zu einer Tafel und sagen, hier kann ich auch günstiger Lebensmittel bekommen." Der Weg zum Amt schrecke Viele ab. Grund zur Hoffnung sieht Steppuhn auch: "Ich bin sehr froh, dass es in Berlin die Entscheidung gibt, dass die Grundrente in Deutschland eingeführt wird. Dass alle, die langjährig Beschäftigte sind und Renten unterhalb der Grundsicherung haben, eine Aufstockung bekommen." Das werde Altersarmut abmildern, sagte Steppuhn. Das große politische Ziel müsse aber sein, die Altersarmut gänzlich zu beseitigen.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 12. Dezember 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2019, 16:11 Uhr

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