Eduard Prinz von Anhalt Die Rückkehr des Askaniers

Nach der Wende kehrt Eduard Prinz von Anhalt erstmals seit über 40 Jahren an seinen Geburtsort Ballenstedt zurück. Der Kampf um das Erbe der Familie Anhalt-Askanien und das Engagement für seine Heimat Anhalt bestimmen seither sein Leben.

Die Liste seiner Vorfahren und Ahn-Verwandten liest sich wie das "Who Is Who?" der europäischen Geschichte: Albrecht der Bär, Leopold I. von Anhalt-Dessau, Katharina die Große. Vor 20 Jahren kehrt Eduard Prinz von Anhalt nach 44 Jahren des bayerischen "Exils" in seine Geburtsstadt Ballenstedt zurück. Er kommt auf Einladung des örtlichen Pfarrers, hält eine Rede vor den Bürgern der Harzstadt, freut sich über das Willkommensständchen eines Kinderchores und grüßt entzückt "meine Leute". Doch die freundliche Stimmung wird schon bald von Skepsis und Ablehnung getrübt. Viele Bürger fürchten, der Chef des Hauses Anhalt-Askanien sei gekommen, um ihnen ihre Grundstücke abzunehmen.

Rückkehr der Grundbesitzer

Die Furcht der Menschen kommt nicht von ungefähr: Überall in Ostdeutschland kehren damals ehemalige Grundherren oder deren Erben zurück, um ihren alten Besitz zu inspizieren. Der war ihnen 1945 von den sowjetischen Besatzern im Zuge der Bodenreform abgenommen worden. Nicht wenige der Eigentümer verschwanden in sowjetischen Speziallagern. Auch der Vater von Prinz Eduard, Joachim Ernst, bis 1918 letzter regierender Herzog von Anhalt, wird von den Russen verhaftet. Der Herzog, der wegen seiner Gegnerschaft zu den Nazis bereits 1944 im KZ gesessen hatte, stirbt 1947 im sogenannten Sonderlager Buchenwald. Sein Besitz, 380 Quadratkilometer an Domänen, Gütern und Forsten, dazu die Schlösser Dessau und Ballenstedt sowie die Stiftung Wörlitz werden enteignet.

Im Kampf um die Rückführung von Eigentum der Familie von Anhalt ging es uns nie darum, die Bodenreform rückgängig zu machen.

Eduard Prinz von Anhalt 2010

Streit ums Familienerbe

Tatsächlich zeigt sich Prinz Eduard schon bald entschlossen, den Streit um das Familienerbe auszufechten. Es sei ihm aber nie darum gegangen, die Bodenreform rückgängig zu machen und den Hausbesitzern und Bodenreformbauern das zu DDR-Zeiten erworbene Eigentum streitig zu machen, sagt der Prinz: "Uns ging es immer nur darum, unsere von der DDR an die Bundesrepublik übergegangenen Ländereien zurückzubekommen." Der Herzogssohn beruft sich dabei auf eine Entscheidung der russischen Generalstaatsanwaltschaft. Die hatte seinen Vater 1992 als "Verfolgten politisch sowjetischer Repression" vollständig rehabilitiert und alle beteiligten Staaten zur Rückgabe seines Eigentums aufgefordert. Die Bedingung des Einigungsvertrages, wonach das von den Sowjets enteignete Land nicht zurückgegeben werden darf, entfalle somit, argumentiert der Prinz, für den der Kampf um das Familienerbe seit 20 Jahren ein Vollzeitjob ist.

Kampf um die "Raubkunst"

So setzt sich der Askanier auch mit großer Vehemenz für die Rückkehr Tausender Kunstwerke aus dem Besitz seiner Familie ein, die 1945 von den sowjetischen Besatzern geraubt wurden. Allein aus den Schlössern Dessau und Ballenstedt verschwanden nach Kriegsende über 2.300 wertvolle Gemälde in Museen der Sowjetunion. Diese als "Raubkunst" geltenden Werke sollten laut deutsch-russischem Vertrag längst zurückgegeben sein. Darauf wartet Prinz Eduard bis heute.

Ich kämpfe um die Rückkehr dieser Kunstwerke nach Anhalt, denn sie würden viele leerstehende historische Gebäude zu Anziehungspunkten für Kunstliebhaber und Touristen aus der ganzen Welt machen.

Eduard Prinz von Anhalt 2010

Querelen um den Röhrkopf

Auch ein anderer Streit nimmt den Prinzen jahrelang in Anspruch. Nach der Wende kauft er das Jagdschloss Röhrkopf in Sichtweite von Schloss Ballenstedt zurück. 400.000 D-Mark muss er dafür zahlen. Doch die Stadt pocht auf ihr Vorkaufsrecht, verliert schließlich aber vor Gericht. Es dauert Jahre bis Prinz Eduard im Grundbuch steht. Vor zehn Jahren kommen sich Stadt und Prinz endlich näher. Der Adlige stellt der Kommune zwei Bilder aus seiner Ahnengalerie als ständige Leihgabe zur Verfügung. Im Gegenzug hofft er, nun endlich seinen Wohnsitz in Ballenstedt nehmen zu können. Dazu will er Schloss Röhrkopf, 320 Quadratmeter auf neun Zimmern, zu einer "Residenz" ausbauen. "Im bescheidenen Sinne", wie er sagt. Der Chef des Hauses Anhalt-Askanien braucht Platz für seine Familie, Ehefrau Prinzessin Corinna sowie drei Töchter samt Anhang. Außerdem will er auch mal adlige Gäste empfangen können. Prinz Eduard denkt etwa an seinen Vetter, den britischen Thronfolger Prinz Charles, den er schließlich nicht in irgendeine "Bruchbude" führen könne. Doch Stadt und Ämter haben für die Beweggründe des Prinzen kein Ohr. Der Landschaftsschutz verhindert einen geplanten Anbau.

Mit Prinz Charles bin ich eigentlich in sehr gutem Einverständnis. Also, ich könnte mir vorstellen, dass der jederzeit kommen würde. Nur, den kann ich nicht in irgendeine Bruchbude führen und übernachten lassen.

Eduard Prinz von Anhalt SACHSEN-ANHALT HEUTE, 2005

Allein im Jagdschloss

Es gibt aber noch einen anderen Grund, der die endgültige Rückkehr des Askaniers nach Ballenstedt verhindert. Laut Prinz Eduard schrecken die Animositäten nach der Wende seine Kinder davon ab, öfters von Bayern nach Ballenstedt zu kommen: "So stand ich mit meinem Jagdschloss praktisch alleine da." Das Anwesen zu behalten oder zu renovieren sei ihm schließlich nicht möglich gewesen. Er muss Schloss Röhrkopf verkaufen. Seine Frau erwirbt jedoch ein Haus in der Stadt. Dort hält sein Schwiegervater seither die Stellung. Prinz Eduard lässt sich mit seiner Familie im Jahr 2006 ganz in der Nähe von Anhalt nieder - in Berlin, immerhin auch eine askanische Gründung.

Engagement für Sachsen-Anhalt

Von dort aus engagiert sich der Chef des Hauses Anhalt-Askanien nicht nur für seine eigenen Interessen, sondern auch für die Belange Sachsen-Anhalts und seiner Menschen. So versucht er, Investoren für Anhalt anzuwerben. Seine Frau, Prinzessin Corinna, ruft die Qualitätsmarke "Made in Anhalt" ins Leben, über die hochwertige Produkte des Landes besser vermarktet werden sollen. Prinz Eduard selbst versteht es immer wieder, Prominente für Projekte im Land zu begeistern. Unter anderem ist es sein Verdienst, dass Prinz Charles die Schirmherrschaft über das Wörlitzer Gartenreich übernimmt. Auch Prinz Eduard sitzt im Vorstand der Freunde des Gartenreichs. Darüber hinaus engagiert er sich im Kuratorium der Kulturstiftung Bernburg und gehört dem Komitee zur Vorbereitung der Feiern zu 800 Jahre Anhalt an.

In Westeuropa gibt es heute noch zehn demokratische Monarchien, die von der großen Mehrheit ihrer Bevölkerung getragen werden. Sie haben den Menschen dieses Landes gezeigt, dass der Adel sehr wohl einem Staat auch heute positive Impulse geben kann.

Eduard Prinz von Anhalt 2010

Eine baldige Rückkehr seiner Familie nach Anhalt steht für Prinz Eduard noch immer weit oben auf der Wunschliste. Das mittlerweile gute Verhältnis zu den Menschen im Land, das 20 Jahre nach der ersten Heimkehr des Askaniers nicht mehr von Ängsten und Misstrauen geprägt ist, spricht dafür.

Eduard Prinz von Anhalt Julius Eduard Ernst August Prinz von Anhalt wurde am 3. Dezember 1941 als jüngstes von fünf Kindern auf Schloss Ballenstedt geboren. Nach der Verhaftung seines Vaters, Herzog Joachim Ernst, durch die sowjetischen Besatzer flieht die Familie nach Bayern. Nach dem Tod seines einzigen Bruders Friedrich wird Prinz Eduard 1963 Chef des Hauses Anhalt-Askanien. Nach mehrjährigem Aufenthalt in den USA kehrt der gelernte PR-Kaufmann 1967 nach Deutschland zurück. Hier wird er vor allem als Gesellschaftsjournalist und Kolumnist verschiedener Magazine und durch die von ihm beim Privatsender RTL moderierte Sendung "Adel verpflichtet" bekannt. Verheiratet ist Prinz Eduard seit 1980 mit Prinzessin Corinna, geborene Krönlein. Das Paar hat drei Töchter. Seit 1989 beschäftigt sich der Prinz schwerpunktmäßig mit der Restitution des enteigneten Familienvermögens und der Wiederbeschaffung der herzoglichen Kunstgüter.

Askanier Die Askanier sind ein deutsches Fürstengeschlecht. Ihre Geschichte beginnt Ende des 10. Jahrhunderts. Vertreter des suebischen Geschlechts der Beringer heiraten damals in benachbarte sächsische Fürstenhäuser ein und nehmen die Grafschaft Aschersleben (lat. Ascharia) in Besitz. Nach diesem Besitz heißen sie fortan Askanier. Als erster Vertreter des Geschlechts gilt Graf Esico von Ballenstedt, der im 11. Jahrhundert nahe Ballenstedt die Burg Anhalt errichtet. Berühmtester Vertreter der Askanier ist Albrecht der Bär (1100-1170), der Eroberer der Mark Brandenburg. Sein Enkel Heinrich I. (1170-1252) erbt 1212 die askanische Teilherrschaft Anhalt, während sein Bruder Albrecht I. (1175-1260/61) Herzog von Sachsen wird. Heinrich erklärt Anhalt zu seinem unabhängigen Fürstentum. 1218 wird er tatsächlich in den Fürstenstand erhoben. Der Anhalt-Askanier ist damit der erste selbstherrliche Fürst (princeps) des Heiligen Römischen Reichs nördlich der Alpen. Bis 1918 herrschen seine Nachkommen in ununterbrochener männlicher Linie als Herzöge über Anhalt.

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2010, 10:03 Uhr