Hohenwarsleben Autobahnkirche: Wie ein Buch von Schicksalen auf der A2 erzählt

Daniel George
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Eltern, die ihre Kinder bei einem Unfall verloren haben oder Menschen, die für schwer verletzte Angehörige beten: Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben spiegelt die Tragik auf der A2 – und ist ein besonderer Ort der Rast. Teil vier unseres Themenschwerpunkts.

Schon der erste Eintrag erschütterte Jürgen Puschke. Im September 2002 war das. Kurz nachdem aus der 800 Jahre alten romanischen St. Benedikt-Kirche eine Autobahnkirche geworden war. Eine Mutter schrieb damals auf die erste Seite des Anliegenbuchs, dass sie bei einem Unfall auf der A2 gerade zwei ihrer Söhne verloren hatte.

"Das hat einen unheimlich betroffen gemacht", erinnert sich Puschke. Der 60-Jährige lebt wenige Meter von der Kirche in Hohenwarsleben entfernt. Hier ist er aufgewachsen, hier ist er geblieben, hier engagiert er sich. Denn: Die Kirche gibt den Menschen in solch tragischen Momenten Halt.

Ein Kilometer etwa trennt das Gotteshaus von der Autobahn. "Staus und Unfälle erlebe ich schon mein ganzes Leben lang fast jeden Tag", sagt Puschke. "Aber solche konkreten persönlichen Schicksale sind besonders bewegend – und kommen leider relativ oft vor."

Die Straße kennt keine Öffnungszeiten

Was ist eine Autobahnkirche? Das fragen sich manche, wenn sie das wegweisende Schild an der Abfahrt der A2 auf Höhe von Hermsdorf und Irxleben lesen. Nach ein paar hundert Metern und einer scharfen Linkskurve erhalten sie die Antwort. Wer genau hinhört, hört das Rauschen der Autobahn. Geöffnet sind die Türen der St. Benedikt-Kirche 365 Tage im Jahr fast rund um die Uhr – nur nachts nicht.

Das ist ein Unterschied zu vielen anderen Kirchen heutzutage. Meist sind diese nur dann geöffnet, wenn sie auch beaufsichtigt werden. Doch die Straße richtet sich nicht nach Öffnungszeiten. Deshalb sollen Reisende in der St. Benedikt-Kirche immer Ruhe finden. Oder: "Rast für die Seele", wie Pfarrer Martin Zander sagt. Gebetszettel und Andachten liegen in den Bankreihen aus.

Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Ganz viele sind froh, dass sie hier fernab der Hektik auf der A2 einen Ort der Ruhe gefunden haben.

Pfarrer Martin Zander

2002 war die St. Benedikt-Kirche die erste Autobahnkirche Sachsen-Anhalts. Mittlerweile gibt es weitere. Weil sich das Konzept bewährt hat: Eine ADAC-Studie zeigte bereits vor Jahren, dass sich die Gäste einer Autobahnkirche nach einem Besuch gelassener und rücksichtsvoller bewegen. Das erscheint gerade auf den Streckenabschnitten der A2 bei Magdeburg wichtig, denn dort ist die Unfalldichte nach einer Daten-Analyse von MDR SACHSEN-ANHALT am höchsten.

"Reisende kommen hierher, um Ruhe zu finden, vielleicht etwas Reisegepäck und Last abzulegen", sagt Pfarrer Zander. Doch auch die Menschen aus Hohenwarsleben "identifizieren sich mit dieser Kirche", wie der 35-Jährige sagt. So halfen sie 2002, aus einer Ruine wieder eine schmucke Kirche entstehen zu lassen. Die St. Benedikt ist Autobahn- und Dorfkirche zugleich.

800 Jahre alt uns fast immer geöffnet Von der Ruine zur Autobahnkirche

Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben liegt etwa einen Kilometer von der A2 entfernt. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben liegt etwa einen Kilometer von der A2 entfernt. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Eine kleine Straße führt zu ihr. Das heißt: Lkw-Fahrer parken lieber auf dem unweit entfernten Rasthof. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Das Kirchengelände ist zugleich der Friedhof des Dorfes. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Seit 800 Jahren steht die romanische Kirche bereits. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Das Besondere im Vergleich zu vielen anderen Kirchen: Die Autobahnkirche hat fast rund um die Uhr geöffnet – und zwar auch ohne Aufsicht. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
So können Reisende dort jederzeit Rast für die Seele machen. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
2002 wurde die verfallene Kirche saniert und zur ersten Autobahnkirche Sachsen-Anhalts. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Vor allem Familien auf Durchreise oder Lkw-Fahrer aus Polen und den Niederlanden machen Station im Gotteshaus Hohenwarslebens. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Manche von ihnen tragen sich ins Anliegenbuch ein. Sie danken Gott oder schreiben sich ihre Sorgen von der Seele. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
Die Autobahnkirche ist für die Bewohner des Dorfes zugleich ihre Dorfkirche.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 10. Juli 2020 | 08:00 Uhr

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Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
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Brennende Kerzen und Zloty im Opferstock

Doch wie viele Besucher gibt es pro Tag? Ganz genau lässt sich das nicht verfolgen. Es gibt jedoch Anhaltspunkte: "Wenn ich abends nochmal vorbeischaue, dann sehe ich ja, wie viele Kerzen angezündet wurden oder noch brennen", sagt Jürgen Puschke. Und: "Es sind jeden Tag einige."

Und woher stammen die Besucher? "Manchmal gibt es Schulklassen, die auf der Durchreise einfach mal schauen wollen, was eine Autobahnkirche eigentlich ist. Oder Familien, die Rast machen wollen", erzählt Puschke. Genau wie Lkw-Fahrer, natürlich auf dieser so vielbefahrenen Strecke. Puschke sagt: "Sie kommen vor allem aus Polen oder den Niederlanden." Woher er das weiß? "Durch Zloty im Opferstock", sagt er, "oder durch die Einträge im Anliegenbuch."

Die Autobahnkirche in Hohenwarsleben, eine Kirche
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Solche konkreten persönlichen Schicksale sind besonders bewegend – und kommen leider relativ oft vor.

Jürgen Puschke aus Hohenwarsleben

Jeder, der hier innehält, darf einen Blick in das Anliegenbuch werfen. Es ist bereits das vierte, die hunderten Seiten der vorigen drei sind gefüllt. Die Besucher offenbaren darin zum Teil ihre persönlichsten Geschichten. Oft haben sie mit der A2, auch mit tragischen Schicksalen auf ihr zu tun. Andere danken für den Ort der Ruhe, der ihnen neue Kraft gegeben habe für die Weiterfahrt – oder für das Leben.

"Diese Geschichten sind sehr bewegend, positiv wie negativ", erzählt Jürgen Puschke. "Wer hierherkommt, kann so auch neue Impulse und andere Sichtweisen für sich selbst mitnehmen." Ehe es wieder auf die A2 geht. Dann vielleicht mit einem etwas anderen Blick für das, was statt Ankunftszeiten oder Staumeldungen wirklich wichtig ist.

Rosen liegen vor dem Bild von Oury Jalloh am Hauptbahnhof in Dessau-Roßlau. // Auf einer Autobahn sind zwei Lkw ineinander gefahren, dahinter bildet sich Stau 51 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 10.07.2020 16:14Uhr 50:33 min

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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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