Gastbeitrag Lehrer in Corona-Zeiten: Zwischen Frust und Motivation

Es ist derzeit für alle herausfordernd: Schule in diesen Tagen. MDR SACHSEN-ANHALT lässt alle Beteiligten zu Wort kommen: Denn niemand ist wirklich zufrieden mit der Situation, mit der Kommunikation, mit der digitalen Infrastruktur, mit dem Druck oder der fehlenden Erfahrung. Anja Stübig ist Lehrerin in Barleben bei Magdeburg. Und sie sagt im Gastbeitrag: Vertraut uns Lehrern und gebt uns Zeit.

Schüler einer 7. Klasse lernen mit iPads im Matheunterricht
Fernunterricht, Tablett oder Computer – für Lehrerin Anja Stübig lebt der soziale Raum Schule vor allem von echtem Austausch. Bildrechte: dpa

Eine über Wochen andauernde Schulschließung hat es so noch nie gegeben. So schnell sie gekommen ist, so schnell wurden die Schuldigen gefunden für alles, was nicht richtig funktioniert. Einige Eltern haben sehr schnell die Lehrerinnen und Lehrer als Sündenbock ausgemacht. Lehrkräfte würden Eltern und Kinder alleine lassen und ausschließlich Aufgaben verteilen. Politik und Wissenschaft sahen als Allheilmittel die Digitalisierung und stellten die bisher geleistete Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer, die analoge Unterrichtsmethoden bevorzugen, damit ebenfalls in Frage.

Wer aber hinter die Kulissen des Lehrerberufes schaut, erkennt, dass Schule als sozialer Raum von echtem Austausch zwischen Schulkindern, Eltern und Lehrkräften lebt. Alles andere ist immer nur eine schlechtere – während der Coronazeit aber notwendige – Alternative.

Das Betreten des Klassenzimmers entscheidet über den Unterricht

Frau mit dunklen kurzen Haaren steht vor grüner Wand.
Mit Einfallsreichtum und Emphathie lotst Anja Stübig ihre Schüler durch die Corona-Zeit. Bildrechte: Anja Stübig

Das Betreten des Klassenzimmers ist für mich der entscheidende Moment jeder Unterrichtsstunde: Ich erkenne, ob die Schülerin in der ersten Reihe gerade Liebeskummer hat oder der Klassenkasper in der letzten Reihe heute nicht gut drauf ist. Genau jetzt entscheide ich, ob der Unterricht wie geplant abläuft oder ich ihn anpassen muss: Vielleicht mache ich dann aus einer Einzelarbeit eine Partnerarbeit, damit die beiden Schülerinnen in der zweiten Reihe sich über ihren Streit austauschen können. Die Flexibilität in der Unterrichtsgestaltung und das Feingefühl, Zwischenmenschliches wahrzunehmen, ist unsere Aufgabe als Lehrer. Tag für Tag.

Als wir am Freitag, dem 13. März 2020, erfahren haben, dass ab dem folgenden Montag alle Schulen geschlossen sind, war das für uns Lehrerinnen und Lehrer eine merkwürdige Situation. Wie soll das funktionieren? Die eine Klasse sollte am Montag eine Klassenarbeit schreiben, die andere hinkt im Stoffverteilungsplan hinterher. Wir mussten innerhalb von einem Wochenende unseren ganzen Unterricht umstrukturieren.

Dabei kam Panik auf. Was man in einer solchen Situation macht: auf Altbewährtes zurückgreifen. Auf das, was man immer tut, wenn man selbst nicht in der Schule sein kann oder Schülerinnen und Schüler nicht da sind: Man gibt Aufgaben. Wenigstens ein bisschen des laufenden Unterrichtsstoffs kann man damit abdecken. Zudem haben die Kinder zu Hause etwas zu tun und die Eltern können beruhigt ins Homeoffice gehen.

Natürlich werden die Aufgaben in Form von Arbeitsblättern herausgegeben oder aus dem Lehrbuch zusammengesucht. Schließlich weiß man als Lehrkraft ja nicht, ob zu Hause Computer und Internetanschluss vorhanden sind. Bei Lehrbuch und Arbeitsblatt haben alle Kinder dieselben Chancen, denken wir uns.

Die große Stille nach dem Aufgabenverteilen

An unserer Schulen konnten wir die Aufgaben elektronisch verteilen, weil alle Kinder und Lehrkräfte eine Schul-E-Mail-Adresse haben. Andere Schulen haben die Aufgaben an die E-Mail-Adressen der Eltern geschickt, die Aufgaben per Post versandt, ließen die Eltern die Aufgaben in der Schule abholen oder stellten sie auf die Schul-Homepage.

Aber egal, wie die Aufgaben verteilt wurden, eines war sicher: Die große Stille danach. Haben wir Lehrerinnen und Lehrer im Präsenzunterricht die Rückkopplung durch Gestik, Mimik und Äußerungen der Schulkinder, sitzen wir jetzt und warten darauf, dass die Schülerschaft zum vereinbarten Zeitpunkt ihre Ergebnisse abgeben. Denn manches geht jetzt nicht: Wir können die Aufgaben nicht mehr ändern. Wir können nicht auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Schulkindes eingehen. Und wir können nicht ein aufmunterndes "Du schaffst das schon, ich helfe dir dabei" verteilen.

Ein Junge arbeitet an seinen Aufgaben und hat einen Laptop aufgeklappt.
Beim digitalen Unterricht bleiben individuelle Bedürfnisse der Kinder häufig auf der Strecke. Bildrechte: imago images / MedienServiceMüller

Die Erkenntnis, nicht alle Kinder erreicht zu haben

Irgendwann kommen dann die ersten Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler an. Erst jetzt merken wir, dass die eine Aufgabe vielleicht besser hätte formuliert werden können oder dass einige Kinder das Thema gar nicht richtig erfasst haben. Je näher der Abgabetermin der Aufgaben rückt, desto mehr stellen wir fest, dass bestimmte Kinder die Aufgaben gar nicht erledigen oder bei dem ein oder anderen abgeschrieben haben.

Ich als Lehrerin nehme das persönlich. Warum habe ich das Kind nicht erreicht? Also korrigiere ich die Aufgaben, die abgegeben wurden. Zudem schreibe ich die Säumigen an und frage nach, was los ist, und setze eine Nachfrist. Gleichzeitig nervt mich die Arbeit am Computer – vor allem im Vergleich zu den etwa 100 Schulkindern, mit denen ich am Tag direkten Kontakt habe und von denen ich reale und unmittelbare Reaktionen bekomme.

Eltern müssen lernen, uns zu vertrauen

Zeitgleich verzweifeln Eltern am Fernunterricht ihrer Kinder. Lehrerinnen und Lehrer unterrichten ein bis vier Fächer – Eltern versuchen gerade, zehn Lehrkräfte zu ersetzen. Aber genau hier liegt das Missverständnis: Die Eltern sollen uns nicht ersetzen, sondern lediglich Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass ihre Kinder die Aufgaben erledigen können.

Auch müssen nicht alle Aufgaben richtig beantwortet sein, sondern wir Lehrkräfte wollen wissen, wie der Leistungsstand der Kinder ist und nicht der der Eltern. Hier müssen uns Eltern vertrauen, dass wir einschätzen können, was ihre Kinder bewältigen können. Und wir wissen auch, dass die Leistungen unter besonderen Bedingungen entstanden sind.

Ein Unterschied: Digitaler Präsenzunterricht und digitaler Fernunterricht

Eltern, Bildungswissenschaft und Politik preisen derzeit die Digitalisierung als Allheilmittel. Viele vergessen aber, dass digitaler Präsenzunterricht und digitaler Fernunterricht zwei verschiedene Dinge sind.

In meiner Schule habe ich das Glück, dass in jedem Raum interaktive Tafeln installiert sind und jede Lehrkraft sie mit einem Tablett steuern kann. Im Präsenzunterricht sind dort viele Dinge möglich. Bei uns hat auch jedes Schulmitglied einen Office-Account, u.a. mit Kommunikationsprogrammen. Bisher habe ich diese nicht verwendet. Aus einem einfachen Grund: Was ich im Unterricht nicht schaffe, das schaffe ich eben nicht. Ich möchte meinen Schülern:innen nach der Schule nicht noch Aufgaben nachhause schicken oder gar "Onlinenachsitzen" veranstalten. Auch Schulkinder brauchen ihre Freizeit und Auszeit von der Schule – gerade in der heutigen leistungsorientierten Gesellschaft.

Ecole-Gymnasium Barleben
Am Internationalen Gymnasium in Barleben hat Anja Stübig jeden Tag mit etwa 100 Kindern Kontakt. Bildrechte: MDR/Margitta Häusler

Digitalisierung als Chance, Rückmeldungen zu erhalten

Kann Videotelefonie nützlich sein, um Feedback von den Schülern zu bekommen und Eltern beim häuslichen Lernen mit ihren Kindern zu unterstützen? Dabei schlich sich bei mir das Gefühl ein, plötzlich in die Kinderzimmer einzudringen, einen Rückzugsort. Auch meinen Klassen mein heimisches Arbeitszimmer preis zu geben, war irgendwie merkwürdig. Deshalb ließ ich es langsam angehen und organisierte für die Schülerschaft meiner eigenen 9. Klasse freiwillige Online-Sprechstunden. Das hatte auch den Vorteil, dass ich langsam die Technik besser kennen gelernt habe und Dinge mit einer kleinen Gruppe ausprobieren konnte. Die Kameras blieben dabei aus, ohne dass ich mit den Jugendlichen vorher darüber gesprochen hatte.

Zeitgleich habe ich gelernt, Videos zu drehen und habe für einige meiner Klassen Lernvideos erstellt, um zu den Lösungen der Rückmeldeaufgaben ein paar Dinge klarstellen zu können. Schwierig für mich war aber die Einsicht, dass sich einige Schülerinnen und Schüler meine Videos gar nicht ansahen. Wenn sie sich im Unterricht verweigern, würde ich das kommentieren – je nach Situation mit mehr oder weniger Worten. Eine E-Mail, die immer verschieden gedeutet werden kann, schrieb ich dann aber nicht.

Gebt uns Lehrkräften Zeit!

Ich muss feststellen, dass die digitale Umrüstung viel Zeit und Nerven braucht. Nicht immer funktioniert alles auf Anhieb. Aber für mich ist das größte Problem, dass viele Schulkinder mit vielen digitalen Dingen gar nicht umgehen können. Entweder weil ihnen und ihren Eltern das technische Verständnis fehlt oder weil sie kein schnelles Internet für Videotelefonie haben. Was mache ich ihnen? Bekommen diese wieder nur das Arbeitsblatt und die Lehrbuchseiten? Damit werden einige Schulkinder systematisch benachteiligt. Ich kann mir vorstellen, dass viele Lehrkräfte genau deshalb die technischen Möglichkeiten nicht nutzen. Und dafür sollten alle Beteiligten Verständnis haben und nach Lösungen suchen.

Es geht nur gemeinsam!

Meine Skepsis habe ich mittlerweile abgelegt, da ich mit jedem neuen Schritt bisher nur positive Erfahrungen gemacht habe. Aber nicht jeder Lehrkraft wird es so gegangen sein. Ich schalte nun Teile von Lerngruppen beim Präsenzunterricht per Videokonferenz zu oder übertrage das Tafelbild und den Ton in einen zweiten Klassenraum, der aufgrund der Abstandsregeln benötigt wird.

Ich habe auch schon eine Onlineklausur schreiben lassen. Alle diese Dinge funktionieren. Aber eben nur, wenn Eltern, Schülerschaft, Politik, Bildungswissenschaft und Lehrerschaft gemeinsame Lösungen finden. Es gibt etliche Möglichkeiten, die digitalen Tools auch nach der Coronazeit zu nutzen. So könnten sich Arbeitsgemeinschaften nach dem Unterricht online treffen oder Schüler, die nicht am Unterricht teilnehmen können, zum Unterricht dazu geschaltet werden.

Trotzdem freue ich mich darauf, nach den Pfingstferien endlich wieder ein Klassenzimmer betreten zu können. Und dann, in diesem Moment zu entscheiden, welches jetzt die beste Art des Unterrichts für meine Klasse ist.

Frau mit dunklen kurzen Haaren steht vor grüner Wand.
Bildrechte: Anja Stübig

Über Anja Stübig Anja Stübig ist Lehrerin am Internationalen Gymnasium "Pierre Trudeau" in Barleben bei Magdeburg. Dort unterrichtet sie Wirtschaftslehre, Mathematik und Rechtskunde und leitet die Fachschaft Wirtschaft/Recht. Sie ist selbst Mutter von fünfjährigen Zwillingen und ist Lehrerin geworden, weil sie die Mischung aus "Trubel in der Schule" und "Ruhe am Schreibtisch" mag.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. Mai 2020 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

einfach_nur_ich vor 4 Wochen

Liebe Frau Stübig,
keins meiner Kinder geht auf die Ecole, noch bin ich im ersten Beruf Lehrer.
Dennoch kann ich das, was sie geschrieben haben voll nachvollziehen!
Auch ich, als Elternteil mit Beruf, kam in den Genuss unseren Grundschüler der ersten Klasse unterrichten zu dürfen. Ich denke, ich bleibe bei meinem Beruf.
Ich habe großes Vertrauen in die Klassenlehrerin, dass sie die entstandenen Defizite aus der gesamten Klasse dezimiert. Das hat sie, wie alle Lehrer/innen meiner Meinung nach gelernt. Das müsste eigentlich jeder Lehrkörper können, wenn die Kinder neu auf eine Schule kommen, oder irre ich mich da?

Schade, dass die Helikoptereltern den Kindern und den Lehrern mit ihren ewigen Versagensängsten das Leben schwer machen.

Wie soll denn jemand lernen, wenn nicht aus eigenen Fehlern. Diese bleiben am Besten im Gedächtnis...

In diesem Sinne: jeder Fehler ist ein (Wissens-)Gewinn.

Roberto vor 4 Wochen

Die Lehrer sind absolut zu bedauern. Auch ohne Corona. Für alle eine Leistungsprämie! Das haben sie verdient.

Gudrun vor 4 Wochen

Wäre das schön, wenn es überall so gewesen wäre oder noch ablaufen würde, wie die Lehrerin, Frau Stübig, es beschreibt!!!!!!!!

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