Corona-Pandemie und christliche Werte Landesbischof Kramer: Weihnachten ist ein Fest der Menschenwürde

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Kirchenglocken gelten virologisch als unbedenklich, zumindest wurde am Heiligen Abend kräftig geläutet. Auch auf Weihnachtbäume und Kerzen musste niemand verzichten. Dennoch ist dieses Weihnachtsfest ein anderes. Der evangelische Landesbischof Friedrich Kramer ruft dazu auf, Schwache und Arme in der Corona-Pandemie nicht zu vergessen.

Es ist eigentlich keine neue Erfahrung, dass die Natur dem Menschen seine Grenzen zeigt. Auch die Bibel ist voller Erzählungen über ganz unterschiedliche Plagen, von denen die Menschen heimgesucht werden. Das reicht vom Hochwasser über die Dürre bis hin zu Heuschreckenschwärmen, welche die Sonne verdunkeln. Viele dieser Naturereignisse gibt es heute noch, wenn auch als Ursache ein strafender Gott nunmehr ausscheidet, zumindest für die meisten Menschen in Sachsen-Anhalt.

Und auch die evangelische Kirche hat sich in übergroßer Mehrheit längst von der Idee verabschiedet, hinter der Pandemie könnte sich so etwas wie ein göttlicher Rachefeldzug verbergen. Das bestätigt auch der evangelische Landesbischof Sachsen-Anhalts, Friedrich Kramer: "Die alte Vorstellung, dass dieser Gott ein strafender Gott ist, den wir besänftigen müssen, ist eine Idee, die wir nicht teilen. Wir sehen stattdessen, dass Gott, in der Person von Jesus, bei den Leidenden und Sterbenden ist. Also Gott ist da, in jeder Lebenslage."

Figuren aus Holz musizieren.
Weihnachten – das sollte nach Ansicht von Bischof Friedrich Kramer auch ein Fest der Menschenwürde sein. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Das Virus stellt auch unsere Art des Lebens in Frage

Und das gilt auch für die derzeitige Pandemie-Situation, die ja alle Menschen trifft, ob sie nun an einen Gott, an einen Lottogewinn oder auch nach eigener Aussage an gar nichts glauben. Doch stellt dieses Virus eben auch unsere Art des Lebens in Frage, angefangen von den persönlichen Freiheitsrechten bis hin zu den sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Doch es gibt noch ein weiteres Problem, das uns aufgeklärten Mitteleuropäern plötzlich bewusst wird: Trotz aller Hochtechnologie, trotz aller Mühe, unserer natürlichen Begrenzung zu entfliehen, reicht ein einziges Virus aus, um unsere hochkomplexe Gegenwart einem globalen Stresstest zu unterziehen. Und das ohne große Vorwarnzeit.

Für Bischof Kramer ist es verständlich, dass Menschen in solchen Situationen dünnhäutig reagieren: "Wir sehen ja gerade, dass wir in einem hohen Maße aufeinander angewiesen sind. Und wir merken, dass wir nicht alles in der Hand haben, obwohl wir uns das gerne einbilden. Aber so ist es eben nicht. Und das ist in gewisser Weise auch eine Art Beleidigung für uns moderne Menschen. Deshalb reagiert mancher ja auch so heftig."

"Verbal abrüsten" beim Diskutieren der Corona-Maßnahmen

Wenn es auch derzeit nur eine Minderheit ist, welche die Corona-Maßnahmen in Frage stellt, so müsse es generell möglich sein, über den richtigen Weg in der Krise zu debattieren, sagt Bischof Kramer. Er rät zu verbaler Abrüstung, auch gerade mit Blick auf die Demonstrationen im Herbst. Wer von "Covidioten" rede, zeige wenig Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung. Zugleich räumt er jedoch ein, dass es mitunter nicht leicht sei, mit den Corona-Kritikern zu diskutieren.

Grauhaariger Mann mit Brille und roter Fliege in Hemd und Anzugjacke
Bildrechte: Anne Hornemann

Das ist so ähnlich wie mit den Mixtgetränken. Man hat sich ja vor zehn Jahren auch nicht vorstellen können, was man da in einem Glas alles zusammen rührt. Das scheint jetzt auch bei politischen Demonstrationen so zu sein. Ich wundere mich schon, wer da mit wem geht: der Impfgegner mit dem Neonazi, die Yogalehrerin neben den Reichsbürgern und mittendrin Professoren aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Wir sollten die Menschen aber nicht pauschal aburteilen, denn die Aufgabe sollte es sein, die Gräben zu überwinden.

Landesbischof Friedrich Kramer Evangelischer Landesbischof

Die Kirche ist von all diesen Debatten nicht ausgenommen

Aber die Kirche selbst ist von diesen Debatten nicht ausgenommen und das in mehrfacher Weise. Sowohl Krankenhäuser und Pflegeheime als auch Schulen und Kindergärten sind oft in kirchlicher Trägerschaft, sodass die Corona-Folgen unmittelbar spürbar sind. Zudem ist die Kirche in der Seelsorge aktiv, ob persönlich oder per Telefon. Vor allem in der Telefonseelsorge gab es in den vergangenen Monaten einen deutlichen Anstieg.

Und es zeigt sich ein weiterer Effekt, der allerdings aus Sicht von Friedrich Kramer positiv zu Buche schlägt, auch wenn in Sachsen-Anhalt kaum noch jeder Fünfte überhaupt einer Kirche angehört. "Es gibt hierzulande sehr viele anonyme Protestanten. Das sind Menschen, die sich in ihren Haltungen an protestantischen Idealen orientieren, die aber keiner Kirche angehören und auch nicht sagen würden, dass sie etwas mit dem Glauben zu tun hätten. Da ist also in einem guten Sinne das Christliche in die Gesellschaft eingeflossen. Und das ist eben schon bemerkenswert, wenn eine Gesellschaft sagt, es ist uns nicht egal, wie es den Schwachen geht, Hauptsache die Wirtschaft läuft weiter."

Zahl der Hungernden steigt durch Pandemie

Allerdings gelingt dieser positive Blick nur, wenn man auf die Verhältnisse in Deutschland schaut, denn international zeichnen sich derzeit ernsthafte Probleme ab, die von der Pandemie zusätzlich befeuert werden. Das betrifft vor allem jene Regionen, die unter extremer Armut leiden.

Und so ist diese Weihnachtsfest auch mit einem Aufruf von Bischof Kramer verbunden: "Derzeit erleben wir, dass die Zahl der Hungernden extrem nach oben geht – auch in Folge der Pandemie. Und insofern rufe ich alle auf, auch in diesen Zeiten zu spenden, zum Beispiel für Brot für die Welt oder andere Hilfsorganisationen. Und das heißt eben auch, dass die Bundesregierung nicht wie geplant den Rüstungsetat erhöhe sollte. Statt in Waffen sollte wir lieber in die Lösung von Konflikten investieren. Und da ist die Bekämpfung des Hungers ein wichtiger Baustein."

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

28 Kommentare

Konzernzentrale vor 4 Wochen

Die Kirche bekommt jedes Jahr von allen Steuerzahlern immer wachsende Subventionen, die nicht an soziale Aufgaben etc, gebunden sind. 1993 waren es (umgerechnet) 17,8 Millionen Euro. 2019 zahlte Sachsen-Anhalt 35 Millionen Euro an die evangelische und katholische Kirche. Das ist pro Einwohner deutlich mehr als in allen anderen Bundesländern. Der prozentuale Anteil der Mitglieder der Evangelischen Kirchen und der Katholischen Kirche in Sachsen-Anhalt an der Gesamtbevölkerung betrug 2017 15,4 Prozent. mit deutlich fallender Tendenz. Das muss man sich mal vorstellen !!! Es wird Zeit, dass diese Gelder auf den Prüfstand kommen. Was ist aus der Prüfungskommision geworden ? Hier wird Geld - auch der Atheisten - für Kirchen verwendet... Da wünsche ich mir mal nach 30 Jahren ein "Dankeschön" und keine undemokratischen Hasstriaden !!!

Anita L. vor 4 Wochen

"Hass ist keine Meinung.Stimmt.Nur darf man doch wohl die Vergangenheit
der Kirchengeschichte,den nachgewiesenden und tatsächlich stattgefunde -
nen Ereignissen und Geschehen (z.B.die Hexenverbrennungen) kundtun oder?"

Wollen Sie mir bitte erklären, welchen kausalen Zusammenhang Sie erkennen zwischen der uralten, bereits bei den Ägyptern verbreiteten Praxis der Hexenverfolgung, welche im westeuropäischen Raum zuletzt im 17. Jahrhundert angewendet wurde und bereits in ihrer Hochphase innerhalb der christlichen Tradition im 15. und 16. Jahrhundert nicht unumstritten war, an der aber auch nicht nur kirchliche Vertreter beteiligt waren, sondern die Teil der weltlichen Gerichtsbarkeit waren, und dem aktuellen Aufruf von Kirchenvertretern zur Menschlichkeit? Welchen Anteil hat die heutige Kirche an diesen alten Praktiken? Führt sie sie noch durch? Verherrlicht sie sie? Verleugnet sie sie?

Nein. Und deshalb ist der Verweis darauf im aktuellen Kontext eine Scheinargumentation.

Heimatloser vor 4 Wochen

Anita L.
Frage:"Was verstehen Sie bitte unter Menschenwürde?"
Nachsatz: In einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung.
Auf ihre Antwort bin ich gespannt.

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