#MDRklärt Wie sich Sachsen-Anhalts durchschnittlicher Bruttostundenlohn von 19,46 Euro erklärt

19,46 Euro: So hoch lag laut Statistischem Landesamt der durchschnittliche Bruttostundenverdienst in Sachsen-Anhalt im Jahr 2018. In den letzten zehn Jahren sei der Stundenlohn damit um immerhin dreißig Prozent angestiegen. Meldungen wie diese sorgten in der Vergangenheit für einiges Aufsehen, denn viele MDR-Nutzer zweifelten an der Richtigkeit der Zahlen. Uli Wittstock war im statistischen Landesamt und hat gefragt, wie diese Zahlen zustande kommen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Zwei Hände halten mehrere Euro-Banknoten.
Durchschnittlich verdienen Sachsen-Anhalter 19,46 Euro pro Stunde. Doch von diesem theoretischen Wert weichen viele Verdienste in der Realität deutlich ab. Bildrechte: Unsplash/Christian Dubovan

Über Geld spricht man nicht, vor allem nicht über das Einkommen durch Arbeit. War es zu DDR-Zeiten üblich, auch in Geldfragen eine gewisse Freizügigkeit an den Tag zu legen, also offen über Job und Verdienst zu palavern, so gilt das inzwischen als unfein. Das führt zu merkwürdigem Verhalten. Unzählige Statistiken werden geführt, um Licht in das finanzielle Dunkel der Republik zu bringen. Allerdings sind es oft nur Teilbereiche, die da ausgeleuchtet werden.

Das räumt auch Michael Reichel, Präsident des statistischen Landesamtes Halle ein: "Vierteljährlich werden von uns 2.000 Betriebe nach den Bruttostundenlöhnen befragt. Allerdings gibt es eine Grenze. Betriebe mit weniger als 10 Mitarbeitern, sowie Dienstleistungsunternehmen mit weniger als 5 Mitarbeitern werden nicht erfasst."

Hintergrund dieser Einschränkung ist, vor allem kleinere Unternehmen von bürokratischem Ballast zu befreien. Das betrifft in Sachsen-Anhalt aber immerhin rund 87 Prozent aller Unternehmen.

Teilzeit taucht nicht in der Statistik auf

Diese Einschränkung in der Erhebung sorgt allerdings für einen statistischen Effekt. Denn in kleineren Unternehmen wird grundsätzlich weniger verdient, als in großen Unternehmen. Dieser Unterschied zeigt sich auch in Sachsen-Anhalt deutlich:

Hinzu komme eine weitere Einschränkung in der Statistik, so Reichelt. Denn es werden keinesfalls alle Stundenlöhne zu Grunde gelegt: "Gefragt wird nach den Verdiensten von Vollbeschäftigten, die sozialversicherungspflichtig in Betrieben angestellt sind." Das heißt also, dass die Einkommen von selbstständigen Rechtsanwälten oder Architekten ebenso wenig in die Statistik einfließen, wie der Verdienst von Händlern oder solo-selbstständigen Handwerkern im Baubereich.

Und eine weitere Vorgabe gilt es zu beachten. Denn nur der Stundenlohn von Vollzeitbeschäftigten wird in die Statistik aufgenommen. Allerdings ist in Sachsen-Anhalt rund jeder Vierte teilzeitbeschäftigt. Und auch dies ist relevant für das Ergebnis, denn Teilzeitkräfte erzielen in Sachsen-Anhalt einen geringeren Durchschnittsstundenlohn als Vollzeitbeschäftigte:

Hohe Verdienste beeinflussen die Statistik

Hier wird also deutlich, dass die Statistik die Einkommenswirklichkeit in Sachsen-Anhalt nicht vollständig wiedergibt, sondern nur, wie ihre Beschreibung ausweist, den Bruttostundenverdienst Vollzeitbeschäftigter in Sachsen-Anhalt. Um eine gewisse Übersichtlichkeit zu gewährleisten, sind die Einkommensgruppen nach sogenannten "Leistungsgruppen (LG)" unterteilt, eine Einteilung, die allerdings nichts über die Leistung, sondern nur etwas über das Einkommen aussagt:

  • LG 1 – Geschäftsführer, Betriebsleiter
  • LG 2 – herausgehobene Fachkräfte, Meister, Vorarbeiter
  • LG 3 – Facharbeiter
  • LG 4 – Angelernte
  • LG 5 – Ungelernte

Nach diesen "Leistungsgruppen" teilt sich der Stundenlohn wie folgt auf:

Die ersten beiden "Leistungsgruppen" liegen deutlich über dem Durchschnitt, während die übrigen drei darunter liegen. Zieht man den prozentualen Anteil aller "Leistungsgruppen" an der Gesamtzahl der Beschäftigten hinzu, dann zeigt sich, dass ein Drittel der Beschäftigten in Sachsen-Anhalt so viel Geld verdient, dass die übrigen zwei Drittel unter den Durchschnittsstundenlohn rutschen:

Es zeigt sich also, dass die Lohnspreizung in Sachsen-Anhalt ganz erheblich die Statistik beeinflusst, weniger aber die öffentliche Debatte. Wohl auch deshalb, weil über Geld und Einkommen eben nicht geredet wird.

Als politischer Ausweg wird oft und laut eine Angleichung der Löhne an westdeutsches Niveau gefordert. Aber auch hier lohnt ein genauerer Blick. Denn all die Einschränkungen der Bruttolohnstatistik sorgen auf der anderen Seite dafür, dass die Zahlen bundesweit vergleichbar sind. Und da zeigt sich, dass in den unteren "Leistungsgruppen" der Bruttostundenlohn etwa zu 94 Prozent dem bundesdeutschen Durchschnitt entspricht – sicherlich auch eine Folge des Mindestlohns.

Die Geschäftsführer- und Betriebsleitergehälter in Sachsen-Anhalt erreichen allerdings nur etwa 80 Prozent des bundesdeutschen Durchschnitts. Die Einkommensspreizung ist also bundesweit höher als in Sachsen-Anhalt. Mit der geforderten Westangleichung der Löhne würde sich die soziale Schere in Sachsen-Anhalt also nicht schließen, sondern eher noch weiter öffnen.

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 01. Mai 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. April 2019, 19:42 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

28 Kommentare

03.05.2019 14:30 Mediator an Denny (21) 28

Der Zoll kontrolliert doch nur sehr stichprobenartig und vor allem in den Gewerben, in denen Schwarzarbeit und Betrug beim Mindestlohn besonders häufig vorkommen bzw. besonders leicht möglich sind.

Von daher hat kann der Zoll sicher keine belastbaren Auskünfte über den Durschnittslohn in Sachsen-Anhalt geben.

Wann hat der Zoll wohl zuletzt eine Kaserne, Behörde oder einen durch geringe Fluktuation und festen Firmenstandort unauffälligen Betrieb auf die oben genannten Verstöße kontrolliert?

Baustellen, auf denen Menschen aus halb Europa für Dutzende Firmen arbeiten und keiner den anderen kennt sind da doch was die aufzufindenden Verstöße angeht lukrativer.

03.05.2019 13:25 Möwe 27

Die Durchschnittslöhne lassen sich nur so erklären, das die Masse der befragten Unternehmen tarifgebunden ist. Den LG3 entspricht in etwa der Einstufung Facharbeiter IG Metall Tarif. Das ist dann aber keinesfalls repräsentativ für dieses Bundesland. Es mach also keinen Sinn diese Statistik zu erheben, bzw auch noch zu veröffentlichen. Ich danke dem MDR für den klärenden Beitrag.

Anmerkung von MDR SACHSEN-ANHALT:
Wir bedanken uns für das Lob.

02.05.2019 18:36 Sachse43 26

Diese sg. Statistiker müßten bei mir alle arbeiten lernen!

Mehr aus Sachsen-Anhalt