Analyse für Sachsen-Anhalt Corona – Die Geißel der Globalisierung?

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Die Corona-Krise setzt der Wirtschaft weltweit schwer zu und ohne staatliche Hilfen wären die Probleme noch größer. Die neoliberale Erzählung, dass der Markt die Probleme besser löse als staatliches Handeln, zeigt in diesen Tagen ihre Grenzen. Denn hätten die Staaten nicht diesen großen finanziellen Rettungsschirm aufgespannt, dann wäre der Markt in erhebliche Probleme gekommen, wie sich ja vor allem an den Börsen zeigte. Doch wird mit dem Virus auch das Ende der Globalisierung eingeleitet? Uli Wittstock ist dieser Frage nachgegangen.

Ein Maschinenbauer baut ein Getriebe zusammen
Corona-Krise hat einen starken Effekt auf die Wirtschaft – auch in Sachsen-Anhalt. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Wenn man den Magdeburger Wirtschaftsbeigeordneten Rainer Nitsche in seinem Büro aufsucht, fühlt man sich eher in einem chinesischen Tourismusbüro zu Gast, als in einer städtischen Einrichtung für Wirtschaftsförderung. 

Die Vielfalt der Volksrepublik findet sich farbenprächtig verteilt im Flur der Amtsleitung. Dem Besucher ist schnell klar, wo die Landeshauptstadt die Zukunft ihrer wirtschaftlichen Entwicklung sieht, nämlich in der Kooperation mit China. Und die Kontakte reichen weit über die Magdeburger Partnerstadt Harbin hinaus, wie Rainer Nitsche versichert.

Keine Delegationen, keine Reisen, keine Buchungen

Derzeit allerdings hat der Terminkalender des Beigeordneten viele unschöne Lücken. "Nach dem chinesischen Neujahrfest, Ende Februar/Anfang März kommen die Delegationen, im Schnitt sind es zwei pro Woche. Die Hotels sind natürlich gut ausgebucht, wenn es sich um Wirtschaftsdelegationen handelt. Aber auch Weiterbildung spielt eine Rolle, für Bürgermeister zum Beispiel. Oder es kommen Fachleute, die an der Uni Kurse buchen", sagt Rainer Nitsche und blickt aus der Amtsstube in den trüben Frühjahrshimmel über Magdeburg.

Beleuchtetes Gebäude im Zentrum der Stadt Harbin im Nordosten Chinas
Harbin ist die chinesische Partnerstadt Magdeburgs. Bildrechte: imago images/ZUMA Press

Die Hotels sind leer, die Besuche von und nach China abgesagt. Mitte April war in Magdeburg parallel zur Hannovermesse ein Chinese Business Day geplant, vier Wochen später sollte eine Magdeburger Unternehmerreise nach China folgen. Derzeit darf man aber nicht mal von Magdeburg nach Köln oder Hamburg fahren.

Frisst die Globalisierung ihre Kinder?

Frisst nun also die Globalisierung ihre Kinder, wie es inzwischen in vielerlei politischen Ecken vermutet wird? Nähern wir uns dieser Frage mit Expertenrat.

Etwa einen Kilometer entfernt vom Magdeburger Wirtschaftsamt erstrecken sich die Gebäude der städtischen Universität. An der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft findet sich das Büro von Professor Karl Heinz Paqué – Volkswirt, FDP-Politiker und ehemaliger Finanzminister von Sachsen-Anhalt.

Das Virus als direkte Folge einer überhitzten Globalisierung zu verstehen, hält er für falsch. Denn Pandemien habe es in der Geschichte der Menschheit schon immer gegeben. Im Mittelalter war es die Pest, später dann Cholera und auch das letzte Jahrhundert war nicht immun gegen gefährliche Erreger, so Paqué: "Nach dem ersten Weltkrieg gab es eine gewaltige Grippe-Epidemie, die fünfundzwanzig Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Damals konnte man aber noch nicht mal annähernd von einer solchen weltwirtschaftlichen Verknüpfung reden, wie wir sie heute kennen." Und das Corona-Virus sei, trotz aller Endzeitstimmung, keinesfalls das Ende der internationalen Arbeitsteilung, so Paqué.

Gegenwärtiges System – krisenresistent?

Die ist freilich ins Gerede gekommen. Wenn weltweite Lieferketten zusammenbrechen, weil bestimmte Teile nicht mehr ihren Weg über die Weltmeere finden, oder viel gravierender noch, wenn in bestimmten Bereichen Medikamente knapp werden, weil die notwendigen Grundstoffe nur noch von asiatischen Anbietern verfügbar sind. Dann zeigt sich das gegenwärtige System nicht wirklich krisenresistent.

Da passt es dann auch ins Bild, wenn das Magdeburger Pharma-Unternehmen Salutas vor wenigen Wochen 70 Mitarbeitern kündigte. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Salutas-Betriebsrat vor dem Kostendruck aus Asien gewarnt. Auch Professor Paqué, immerhin aktives Mitglied einer Partei, der das Siegel "neoliberal" anheftet, rät zu einer gewissen Neujustierung: "Die Globalisierung als Ganzes wird sicherlich nicht zurückgedreht. Allerdings wird man in bestimmten Bereichen der absolut notwendigen Versorgung, wie zum Beispiel Pharmazie oder Medizin, darauf achten müssen, dass zumindest ein Teil der Produktion im Land bleibt." Etwas mehr Vorsorge also, die freilich Geld kostet, was aber unter Umständen gut angelegt sein kann, wie man gerade schmerzlich erlebt.

Grundsatzfrage nach der Globalisierung

Auch der Chef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint E. Gropp, glaubt nicht, dass die Globalisierung grundsätzlich in Frage gestellt wird, auch wenn die derzeitigen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise in vollem Umfang noch nicht abzusehen sind.

Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), steht vor dem Sitz des Instituts in Halle/Saale.
Bildrechte: dpa

Gerade Deutschland hat immens von der internationalen Arbeitsteilung und dem Welthandel profitiert und so wären vor allem die deutschen Unternehmen davon betroffen, wenn jetzt ein anderer Weg eingeschlagen würde.

Reint E. Gropp, Präsident des IWH

De-Globalisierung – realistisch?

Danach sieht es aber derzeit ohnehin nicht aus. Der Alltag scheint durch das Virus schon abenteuerlich genug zu sein, so dass sich derzeit kein gestiegenes Interesse an einem wirtschaftspolitischen Kurswechsel ablesen lässt. Das zeigen auch die aktuellen Stimmungsumfragen, wonach CDU/CSU deutliche Zuwächse verzeichnen, Parteien die ja nicht durch Globalisierungskritische Forderungen auffallen. Auch der Magdeburger Wirtschaftsbeigeordnete Rainer Nitsche sieht derzeit keinen Grund, die städtische Strategie der Wirtschaftsförderung zu ändern:

Der eine oder andere glaubt ja, mit einer De-Globalisierung die Probleme lösen zu können. Aber man muss klar sagen, dass man das Rad nicht zurückdrehen kann. Das geht schon allein aus technologischen Gründen nicht, denn wir leben in einer vernetzten Welt.

Rainer Nitsche, Magdeburger Wirtschaftsbeigeordneter

Neue Verhältnisse, neue Ideen, neue Chancen

Ob diese vernetzte Welt allerdings den Regeln einer neoliberalen Wirtschaftspolitik folgen muss, ist eine andere Frage. Vor Wochen schien es undenkbar, dass sich die Bundesregierung von ihrem wirtschaftspolitischen Leitbild, der schwarzen Null, verabschieden könnte. Doch die neuen Verhältnisse erfordern neue Ideen, denn jede Krise ist auch eine Chance.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie.

Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. April 2020 | 17:00 Uhr

3 Kommentare

ElBuffo vor 33 Wochen

Keine Ahnung, warum die schwarze Null neoliberal sein soll. Das ist im Bereich der Finanzen das gleiche, was man auch bei der Natur fordert: nachhaltig. Man kann nicht ständig mehr ausgeben als reinkommt. Taschenspielertricks lassen wir mal außen vor.
China ist nur deswegen billiger, weil dort die Menschen auf viele Rechte verzichten müssen, die für uns inzwischen selbstverständlich sind. Dann muss eben die Regierung fordern, dass in Deutschland nur Zeug angeboten werden darf, dass unter den gleichen Bedingungen hergestellt wurde.

W.Merseburger vor 33 Wochen

Man muss klar sagen, dass man das Rad der Globalisierung nicht zurück drehen kann. Als älterer Bürger hat man ja schon sehr viele Dinge miterlebt. Ich denke da an die unumstößliche Wahrheit: Der Sozialismus ist das fortschrittlichste und zukunftsweisende Gesellschaftssystem. auch wenn Fehler gemacht wurden, niemals und zu keiner Zeit wird es ein Zurück geben. Die Globalisierung ist die neue Art, den Wohlstand der "reichen Welt" zu sichern und zwar auf Kosten einer gewaltigen Ausbeutung von Menschen im asiatischen Bereich, die sich noch nicht wehren können. Das Rad wird wohl nicht zurückgedreht, aber die Ausrichtung muss mit den Erfahrungen zur Corona-Krise deutlich verändert werden.

Realist62 vor 33 Wochen

Zitat: ,,Der eine oder andere glaubt ja, mit einer De-Globalisierung die Probleme lösen zu können. Aber man muss klar sagen, dass man das Rad nicht zurückdrehen kann. Das geht schon allein aus technologischen Gründen nicht, denn wir leben in einer vernetzten Welt.
Rainer Nitsche, Magdeburger Wirtschaftsbeigeordneter" Da kann man nur zustimmen. Aber auch die kulturelle Vernetzung tut ihren Teil zur Verbreitung der Pandemie bei, liebe Kulturbürger.

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