Corona-Daten-Update 26.03.2020 Bier oder Toilettenpapier – wo zu Beginn der Corona-Krise die Nachfrage am höchsten war

Manuel Mohr
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Bei welchen Produkten der Einzelhandel in den zurückliegenden Wochen förmlich überrannt wurde und warum wir alle weiterhin viel Geduld brauchen werden, das und mehr im täglichen Corona-Daten-Update.

Hinweisschild zur Desinfektion der Hände, dazu das Logo des "Corona-Daten-Update".
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Letztes Update: 19.57 Uhr

Sachsen-Anhalt | Sachsen | Thüringen: Die aktuelle Lage

Guten Abend zum neuesten Corona-Daten-Update. Für die Städte und Landkreise in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen ergibt sich nach zahlreichen neuen Meldungen am Abend folgende Corona-Lage:

Bitte beachten Sie, dass die Daten in der Karte, die zum Veröffentlichungszeitpunkt aktuellsten sind. Diese wurden nicht zwangsläufig zur gleichen Uhrzeit erhoben und stammen aus verschiedenen Quellen, die Sie den folgenden Hinweisen entnehmen können.

Hinweise zur Karte

Aus Sachsen-Anhalt stammen die Zahlen vom Sozialministerium. Die Daten des Freistaats Sachsen stammen ebenfalls vom dortigen Sozialministerium. In Sachsen wird bei der Veröffentlichung zwischen elektronisch übermittelten Fällen und den Fällen inklusive Vorabmeldungen unterschieden. In unserer Karte haben wir uns dafür entschieden, die Fälle inklusive der Vorabmeldungen zu veröffentlichen, da so ein Vergleich mit Sachsen-Anhalt und Thüringen besser möglich ist.

In Thüringen wiederum veröffentlicht die Landesregierung einmal täglich neue Fallzahlen. Meine Kollegen von MDR THÜRINGEN werten laufend aktuelle Meldungen aus den Landkreisen und kreisfreien Städten aus, sodass ihre Angaben aktueller und damit auch höher als die des Landes sind. In der Karte verwende ich daher die recherchierten und geprüften Daten meiner Thüringer Kollegen.

In Sachsen-Anhalt stieg die Gesamtzahl der bestätigten Corona-Infektionen seit Bekanntwerden des ersten Falls auf 500 – 80 mehr als am Mittwoch. Gegenwärtig befinden sind 47 Personen aufgrund der Infektion im Krankenhaus, davon zehn Personen mit schwerem Verlauf. Zudem ist aus dem Landkreis Stendal der landesweit zweite Todesfall im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus bekannt geworden.

Die Zahl der Corona-Patienten in Sachsen nimmt weiter zu. Mittlerweile wurde das Coronavirus bei 1.275 Menschen nachgewiesen, das sind 147 mehr als am Mittwoch. Im Tagesverlauf erhöhte sich die Zahl der Todesfälle nach Coronavirus-Infektionen auf acht. Nach Angaben des Sozialministeriums werden in Sachsen übrigens jeden Tag 5.600 Tests auf das neuartige Coronavirus durchgeführt.

In Thüringen wurde der mittlerweile vierte Todesfall im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion bekannt. Das Virus wurde bei einer am Dienstag verstorbenen Seniorin festgestellt, teilte das Landratsamt Greiz mit. Der Landkreis Greiz gehört zu den Brennpunkten in Thüringen – aktuell sind dort nach Behördenangaben 89 Menschen positiv auf das Virus getestet. Die Gesamtzahl der Infektionen hat sich bis zum Abend unterdessen auf 577 erhöht, das sind 83 mehr als am Mittwoch.

Und hier wie immer noch der Bundesländervergleich – und wie immer wichtig hierbei der Hinweis, dass die Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) von vergangener Nacht sind. Sie sind also nicht ganz so aktuell wie die eingangs genannten Zahlen, dafür aber aufgrund der zeitgleichen Erhebung für einen Vergleich besser geeignet:

Zahl der Infektionen vs. Zahl der Infizierten

An dieser Stelle möchte ich noch kurz auf etwas Grundsätzliches eingehen. Die hier genannten Zahlen aus den Ländern sind immer die Gesamtzahlen aller registrierten Infektionen. Das heißt, dass jeden Tag die Zahl der neuen Infektionen zu dem Wert des Vortags addiert wird. Für Sachsen bedeutet das beispielsweise, das seit dem ersten Coronafall am 02. März 2020 bislang 1.275 Menschen positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Was aus dieser Zahl allerdings nicht hervorgeht, ist die Zahl der mittlerweile genesenen Patienten und die daraus resultierende Zahl der Menschen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch erkrankt sind.

In Sachsen-Anhalt werden diese Werte ebenfalls nicht erhoben, wie ich bereits vor einigen Tagen im Daten-Update geschrieben hatte. In Thüringen ist es allerdings etwas anders. In den dort täglich von der Landesregierung veröffentlichten Zahlen wird auch dargelegt, wie viele Menschen die Infektion einer Schätzung nach erfolgreich überstanden haben. Diese Angaben unterliegen – im Gegensatz zur Infektion – keiner Meldepflicht und es existiert auch keine einheitliche Definition dafür. Deswegen verwendet das Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz analog zum Robert-Koch-Institut bestimmte Algorithmen, um die Anzahl der Genesenen grob zu schätzen.

Meine Kollegen von MDR THÜRINGEN versuchen darüber hinaus, die Zahlen der genesenen Patienten genauer und auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte zu ermitteln. Dafür werten sie die Meldungen aller regionalen Gesundheitsämter aus – auch wenn klar ist, dass nicht immer alle Genesungsfälle von den Ämtern vollständig erfasst und weitergegeben werden. Die daraus entstandenen und fortlaufend aktualisierten Karten und Grafiken finden Sie hier:

Worauf Sie bei allen Corona-Fallzahlen achten sollten:

  • Achten Sie bei veröffentlichten Fallzahlen immer darauf, woher sie stammen und zu welcher Uhrzeit die Daten erhoben wurden.
  • Vergegenwärtigen Sie sich, dass lokale und regionale Quellen immer schneller sind als überregionale oder bundesweite. Diese wiederum erheben ihre Daten in regelmäßigen, festen Abständen – sind damit also besser für Vergleiche geeignet.
  • Behalten Sie das im Hinterkopf, verlieren Sie nie den Überblick.

Die Corona-Lage in Deutschland

In Deutschland haben sich nach RKI-Angaben bislang 36.508 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Damit stieg die Zahl der gemeldeten Infektionen innerhalb eines Tages um 4.954 Fälle. Bislang starben laut RKI 198 Menschen an den Folgen der Infektion, damit hat sich der Wert innerhalb eines Tages um 49 erhöht. Die meisten Fälle gibt es aktuell nicht mehr in Nordrhein-Westfalen, sondern in Bayern. Auch Baden-Württemberg ist stark betroffen.

Allerdings sind das auch die Bundesländer mit den meisten Einwohnern. Betrachtet man die Zahl der Coronavirus-Infektionen in Relation zur Einwohnerzahl, zeigt sich ein anderes Bild: Besonders brisant ist demnach die Lage in Hamburg mit 69,1 Fällen pro 100.000 Einwohner. Erst dann folgen Baden-Württemberg (66,1) und Bayern (61,5). Das und mehr wie gewohnt in den folgenden vier Grafiken:

Wie immer gilt: Daten des RKI können aufgrund des Meldeverzugs abweichend von Quellen auf lokaler und regionaler Ebene sein.

Desinfektionsmittel, Mehl, Toilettenpapier

Bereits am Mittwoch veröffentlichte das Statistische Bundesamt experimentelle Daten, die das Kaufverhalten zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland nachzeichnen. "Experimentelle Daten" heißen sie deshalb, weil sie Teil eines Projektes sind, mit dem das Statistische Bundesamt neue Datenquellen und Methoden erproben will. Im aktuellen Beispiel wurden digital verfügbare Kassendaten, sogenannte Scannerdaten, analysiert. Mit wie ich finde doch recht interessanten Ergebnissen:

In der ersten Märzwoche (Kalenderwoche 10 vom 2. bis 8. März 2020) stieg beispielsweise die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln auf mehr als das Achtfache im Vergleich zum Durchschnitt des vorherigen halben Jahres an (+751 %). In den beiden Wochen danach sank der Absatz enorm und lag in der Kalenderwoche 12 nur noch bei der Hälfte des sonst üblichen Absatzes. Dies ist darauf zurückzuführen, dass das Produkt vorübergehend praktisch ausverkauft war.

Interessant wäre an dieser Stelle natürlich, wie sich die Menschen in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen in den vergangenen Wochen mit diesen Produkten eingedeckt haben. Ich habe für Sie deshalb natürlich stellvertretend beim Statistischen Landesamt Sachsen-Anhalt nachgefragt, um Daten aus den drei Ländern zu bekommen.

Die für mich – und vermutlich auch für Sie – leider ernüchternde Antwort: Die Sonderauswertung von Kassenscannerdaten ist nicht Teil der amtlichen Statistik und liegt deshalb nur auf Bundesebene vor.

Corona-Situation weltweit

Den Daten der Johns-Hopkins-Universität (JHU) zufolge waren bis zum frühen Abend weltweit über 495.000 Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus bekannt. Aus welchen Ländern die Forscher der JHU darüber hinaus die meisten Todes- und Genesungsfälle ermittelt haben, können Sie wie immer in den folgenden drei Grafiken nachlesen:

Wann wird die Fallzahlkurve abflachen?

Im Daten-Update vom vergangenen Sonntag hatte ich es ja bereits angekündigt: In loser Folge möchte ich Ihnen die Recherchen aus anderen ARD-Datenredaktionen rund um die Corona-Pandemie vorstellen. Den Anfang machten meine früheren Kollegen von BR Data, den Datenjournalisten des Bayerischen Rundfunks, mit dem Thema "Social Distancing".

Heute möchte ich Ihnen ein Projekt der SWR-Datenreporter vorstellen. Sie haben sich mit der "Flatten the Curve"-Problematik auseinandergesetzt. Übersetzt heißt das, sie analysieren, inwieweit Maßnahmen wie Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen tatsächlich helfen, die Verbreitung des neuartigen Coronavirus' zu verlangsamen und die Fallzahl-Kurven dadurch abflachen.

SWR-Datenjournalist Johannes Schmid-Johannsen stand mir für Sie dankenswerterweise Rede und Antwort:

Johannes, in eurer "Flatten the curve"-Analyse beobachtet ihr, ob und wann die eingeleiteten Maßnahmen greifen oder nicht. Wie seid ihr auf die Idee für diese Analyse gekommen?

#FlattentheCurve war ja schnell präsent. Alle Medien haben den grundsätzlichen Ansatz erklärt: Bleibt Zuhause, damit die Ansteckung abnimmt. Wir wollten aber zeigen, was das konkret bedeutet. Denn es ist ja überhaupt nicht so, dass man alle nach Hause schickt und dann zeigt sich ganz schnell ein Effekt. Der Nachlauf ist zwei, drei Wochen lang - mindestens. Wir wollten mit der Analyse zeigen, dass jetzt alle Geduld brauchen.

Inwieweit sieht man denn Stand heute schon, dass die Maßnahmen greifen?

Das Wachstum der Fallzahlen hat sich in Deutschland etwas verlangsamt. Aber die Fallzahlen werden in vielen Bundesländern noch sehr stark ansteigen. In Baden-Württemberg wuchs in ersten zehn Tagen der Epidemie die Zahl um ein Drittel. Mittlerweile sind wir bei 15 bis 20 Prozent Steigerung pro Tag. Das schwankt noch sehr. Eine Stabilisierung sehen wir noch nicht. Und auch 20 Prozent sind weiterhin ein Signal für eine starke Ausbreitung.

Mir wurde bei der Recherche aber auch klar, dass das Schielen auf die offiziellen Fallzahlen nicht unbedingt hilft. Zum einen ist die Dunkelziffer der Infizierten sehr groß. Vier von fünf Infizierten werden ja überhaupt nicht sichtbar in den Zahlen. Zum anderen sind die amtlichen Fallzahlen nicht repräsentativ für die tatsächliche Ausbreitung. Die Gefahr ist noch lange nicht gebannt.

Was hast du selbst bei dieser Recherche neu gelernt?

Als Datenjournalist bin ich auf Zahlen fixiert. Dennoch habe ich auch einen Moment gebraucht, exponentielles Wachstum zu verstehen. Also wirklich zu begreifen, dass diese Epidemie sich rasend schnell ausbreitet: Geht das in der Tendenz der vergangenen zehn Tage weiter, werden wir z.B. in Baden-Württemberg in zwei Wochen bei 100.000 gemeldeten Fällen ankommen. Die Dunkelziffer, also die Anzahl der tatsächlichen Infizierten, liegt laut ersten Studien beim 4- bis 20-fachen. Das heißt, wir müssen von mindestens 400.000, vielleicht sogar Millionen tatsächlich Infizierten ausgehen. Das ist enorm.

Generelle Einschätzung der Daten Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.


Newsletter: Das Corona-Daten-Update

Wir haben einen neuen Newsletter gestartet: Ihr Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen: Was am Tag wichtig war, was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr. Hier geht es zur Anmeldung.

Manuel Mohr
Bildrechte: BR/Philipp Kimmelzwinger

Über den Autor Manuel Mohr arbeitet seit 2017 als Datenjournalist in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Sein Aufgabenschwerpunkt liegt in der Recherche und Analyse von Daten, aus denen Geschichten für Online, Radio und Fernsehen entstehen.

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. März 2020 | 17:00 Uhr

3 Kommentare

Wachtmeister Dimpfelmoser vor 25 Wochen

Na vielleicht, weil sonst mit keiner Silbe auf den Bierverkauf eingegangen wurde? Man könnte nämlich denken, dass dies gar nicht in dem Beitrag vorkommt. Allerdings kann man die Angaben dazu aus der Grafik mit dem Verbrauch von Toilettenpapier entnehmen. Man muss allerdings etwas suchen, obwohl es als Dropdown-Menü gekennzeichnet ist.

MDR-Team vor 25 Wochen

Was stört Sie daran?

sieg55-steff54 vor 25 Wochen

"Bier oder Toilettenpapier, wo zu Beginn der Coronakrise die Nachfrage am höchsten war."Dämlicher kann man die Überschrift nicht wählen.

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