Datenanalyse zur Coronavirus-Pandemie Inzidenzwerte und Tote: "Hinter jeder einzelnen Zahl stehen menschliche Schicksale"

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Hildburghausen: Ein Landkreis in Thüringen führt deutschlandweit die Liste der Regionen mit den höchsten 7-Tage-Inzidenzen an. Aber auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt sind die Werte teils außerordentlich hoch – der Überblick im Corona-Daten-Update.

Corona
Das Coronavirus ist klein, die Zahlen kaum zu begreifen. Und trotzdem steht hinter jedem schweren Fall ein menschliches Schicksal. Bildrechte: imago images/Science Photo Library | Grafik MDR

Lange Zeit ist das stärkste Infektionsgeschehen aus Ländern wie Baden-Württemberg, Bayern oder Berlin gemeldet worden. Jetzt führt ein Landkreis in Thüringen die Liste der meisten Corona-Fällen je 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen an: der Landkreis Hildburghausen. Hier wird aktuell laut Robert Koch-Institut ein Inzidenzwert von 629,8 registriert. Und auch drei sächsische Landkreise befinden sich in der Liste mit den deutschlandweit höchsten Inzidenzen: der Landkreis Bautzen (335), Zwickau (325,7) und der Erzgebirgskreis (313,2). An elfter Stelle wird das Altenburger Land in Thüringen geführt (295,3). (Stand: 27. November 2020, 5:51 Uhr)

Zur Erinnerung: Die bundesweiten Schwellenwerte liegen bei 30 und 50, um ein Nachverfolgbarkeit durch die Gesundheitsbehörden gewährleisten zu können und das Gesundheitssystem nicht über die Maßen stark zu belasten.

Was die 7-Tage-Inzidenz aussagt

Der Wert gibt an, wie viele nachgewiesene Corona-Neuinfektionen es in einem bestimmten Gebiet in den jeweils vergangenen sieben Tagen gab. Die errechnete Summe der Neuinfektionen wird dann auf 100.000 Einwohner umgerechnet. Damit die Werte vergleichbar werden.

Wie hier im Daten-Update beschrieben, ist die 7-Tage-Inzidenz zu einer wichtigen Orientierungshilfe geworden, weil damit das Infektionsgeschehen wiedergeben werden kann. Die Zahl verdeutlicht, wie stark Corona-Infektionen innerhalb der Bevölkerung in einer bestimmten Region verbreitet sind und man kann Rückschlüsse auf die Dynamik der Infektionen ziehen.

Aber auch Sachsen-Anhalt hat inzwischen keinen einzigen Landkreis mehr, der unter der Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen liegt. Wie neulich von Ministerpräsident Haseloff betont, bereiten den Verantwortlichen hier vor allem der Burgenlandkreis, der Saalekreis, das Jerichower Land, Dessau-Roßlau und Mansfeld-Südharz Sorgen. Überall liegt hier der Inzidenzwert über 100.

Strenge Ausgangsbeschränkungen in Hildburghausen

Aber warum sind die Zahlen in Hildburghausen so gestiegen? Der Landrat des Thüringer Kreises, Thomas Müller (CDU), erklärte MDR THÜRINGEN, es habe nicht nur in Schulen, Kindergärten oder anderen Einrichtungen Infektionen gegeben, sondern flächendeckend im ganzen Landkreis. Diese könne man keiner konkreten Quelle mehr zuordnen, so Müller. Neben dem Pendlerverkehr zum Beispiel nach Bayern habe es auch genehmigte private Veranstaltungen gegeben, bei denen es zu Infektionen gekommen sei.

Aus diesem Grund gilt in Hildburghausen seit Mittwoch eine strenge Ausgangsbeschränkung. Bundesweit hat auch eine Demonstration gegen die Maßnahmen von sich reden gemacht und es gab eine Morddrohung gegen den Landrat – aber das sei nur am Rande hier erwähnt. Sprechen wir über die Daten.

Apropos Inzidenzwerte: Die Tragik jedes Todesfalls

Eine Passage der Rede des regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller (SPD), am Mittwoch ist bemerkenswert gewesen. Auf der Pressekonferenz nach der Bund-Länder-Konferenz begründete Müller die verlängerten und teils verschärften Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus.

Er sagte: "Ich möchte noch einmal festhalten, was mich besonders bewegt. Wir arbeiten ja jeden Tag und sehr selbstverständlich inzwischen mit den Inzidenzzahlen. Die Zahlen gehen hoch und runter und wir vergleichen sie zwischen den Bundesländern. Und manchmal hab' ich selbst das Gefühl, dass wir das sehr anonym und sehr abstrakt diskutieren. Immer wieder wird mir deutlich, worum es eigentlich geht, wenn ich Vivantes oder Charite (Krankenhausbetreiber in Berlin, Anmerk. d. Red.) in meiner Stadt besuche. Wir sind jetzt in Berlin in einer Situation, wo wir ein Viertel der Intensivbetten für die Covid-Patienten nutzen und wo wir eine Situation haben, wo nahezu jeder und jede in diesen Intensivbetten beatmet werden muss. Und wir haben die Situation, dass wir in Berlin mitunter Tage haben mit 20-30 Verstorbenen. Und das wiederum auf die Bundesebene umgerechnet bedeutet Tage, wo wir bundesweit 200 oder 300 Verstorbene haben. Wenn wir das diskutieren würden im Zusammenhang mit Unfällen oder Unglücken, würden wir jeden Tag dazu auch eine andere Berichterstattung haben und würden und auch ganz anders mit diesen Zahlen auseinandersetzen. Mir wird dann immer wieder sehr bewusst, wenn man sich die Zahlen so veranschaulicht, wie hier wirklich die Situation ist und dass man dem ja überhaupt nicht gleichgültig begegnen kann. Sondern, dass es selbstverständlich ist, mit allen Möglichkeiten, die man zur Verfügung hat auch zu reagieren, denn dahinter verbergen sich hinter jeder einzelnen Zahl menschliche Schicksale und menschliche Tragödien."

Wenn man auf die aktuellen Zahlen des Landkreises Hildburghausen schaut, einem Landkreis mit 63.197 Einwohnerinnen und Einwohnern, zeigt sich Folgendes:

  • Rund 1,65 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner sind insgesamt bisher positiv getestet worden (bisher insgesamt 1.044 Fälle).

  • Bei etwa 81,7 Prozent der insgesamt bisher positiv Getesteten (853 Menschen) ist aktuell eine Infektion nachgewiesen.

  • Elf Menschen sind bisher in den letzten neun Monaten, im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben. Das sind etwa 1,05 Prozent.

Eine Anmerkung zum Schluss: Todesfälle zu vergleichen, ist kaum möglich – aufgrund der Methodik, der unterschiedlichen Datenerhebung, Ursachen und Folgen. Und Todesfälle beschreiben nicht allein das Problem. Gerade der Vergleich einer Grippe mit Covid-19 hat oft nur wenig Aussagekraft, wie das Robert Koch-Institut betont. Für die eine Erkrankung gibt es Impfstoffe und Medikamente, für die andere nicht. Auch ist der Unsicherheitsbereich in der Erfassung groß. Im besten Fall kann ein Vergleich mit anderen Werten und Zahlen aber helfen, das Schicksal hinter jedem Fall besser zu verstehen und die Relationen besser zu erfassen.

Corona-Daten-Update für Sachsen-Anhalt

• Landesweite 7-Tage-Inzidenz: 99,75
• Deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz: 136

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 4.021
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 7.545
• Gesamtzahl der positiv Getesteten: 11.726

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 160

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 55
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 27

Datenquellen für Sachsen-Anhalt:

Corona-Daten-Update für Sachsen

• Landesweite 7-Tage-Inzidenz: 201,4
• Deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz: 136

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 18.862
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 32.640 
• Gesamtzahl der positiv Getesteten: 52.414 

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 912

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 348
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 209

Datenquellen für Sachsen:

Corona-Daten-Update für Thüringen

• Landesweite 7-Tage-Inzidenz: 149,01
• Deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz: 136

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 5.653 
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 10.281 
• Gesamtzahl der positiv Getesteten: 16.282  

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 348

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 74
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 34

Corona-Daten-Update für Thüringen

Corona-Daten-Update für Deutschland und weltweit

• Deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz: 136
• Aktuell Infizierte (Schätzung): 294.708
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 696.100

• Gesamtzahl der Infektionen: 1.006.394
• Neuinfektionen seit gestern: 22.806

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 15.586
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: 426

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 3.869
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 2.312

Datenquellen für Deutschland:

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

Newsletter: Das Corona-Daten-Update

Zum Schluss empfehlen wir Ihnen noch unseren Newsletter zum Thema: In unserem Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihr Postfach. Hier geht es zur Anmeldung.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 27. November 2020 | 19:00 Uhr

11 Kommentare

MDR-Team vor 8 Wochen

Die Antwort können Sie im Artikel nachlesen: Von acht Intensivbetten im Landkreis sind acht belegt. Zwei Betten davon sind aktuell Covid-19-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung.

Rotti vor 8 Wochen

Wie viele Intensivbetten hat der Landkreis Hildburghausen? Wie viele davon sind mit Covid 19 Patienten belegt? Das ist die Mutter aller Fragen. Die Tests kann man sich klemmen, weil die nichts konkretes aussagen. Das hat sich sogar schon bis in die Leitmedien rumgedprochen.
Und, wann wird sich der Landrat samt Familie impfen lassen?

Wikreuz vor 8 Wochen

Das System der Nachverfolgung der "Positiven Fälle" durch die Gesundheitsämter ist gescheitert !!!!! Wann kommt die systematische Testung der Bevölkerung.

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