Corona-Daten-Update 11.05.2020 Reproduktionszahl allein sagt wenig aus

Manuel Mohr
Bildrechte: BR/Philipp Kimmelzwinger

Auch wenn die Reproduktionszahl wieder über die Grenze von 1 gestiegen ist, kann daran allein kein Trend abgelesen werden. Warum das so ist und welche Indikatoren noch wichtig sind, das und mehr im Corona-Daten-Update.

Frau mit Atemschutzmaske blickt an der Kamera vorbei.
Am vergangenen Wochenden stiegt die Reproduktionszahl nach RKI-Angaben wieder über den Wert von 1,0. Bildrechte: MDR/Unsplash/Engin Akyurt

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Vielleicht haben Sie es ja bereits am vergangenen Wochenende mitbekommen: Die Reproduktionszahl (R) ist wieder über den entscheidenden Grenzwert von 1,0 gestiegen – und liegt auch noch am Montagabend knapp darüber. Statistisch betrachtet steckt jeder Infizierte damit wieder mehr als eine weitere Person an. Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte in den vergangenen Wochen immer wieder betont, dass der R-Wert dauerhaft unter 1,0 liegen müsse, damit die Corona-Epidemie nach und nach abflaut.

Was ist die Reproduktionszahl? Die Reproduktionszahl (R) ist die durchschnittliche Anzahl von Personen, die von einem bereits Infizierten angesteckt werden. Liegt der Wert über 1, steigt die Anzahl der täglichen Neuinfektionen wieder exponentiell an.

Dass der Wert nach mehreren Tagen unter 1,0 nun wieder angestiegen ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Grund zur Besorgnis. Denn die Angabe für R ist eine Schätzung, die auch mit Unsicherheiten verbunden ist. So beruht die tägliche Schätzung auf einem mathematischen Modell des RKI, dass prognostiziert, wie viele Menschen sich in den zurückliegenden Tagen höchstwahrscheinlich neu infiziert haben. Deshalb veröffentlicht das RKI die Angaben auch immer mit Intervallangaben. Das bedeutet, dass der R-Wert mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen den Intervallgrenzen liegt:

R allein kein Trend-Indikator

Zudem könnten einzelne regionale Ausbrüche in Alten- oder Pflegeheimen den statistischen Wert zwischenzeitlich nach oben treiben, obwohl das Geschehen von den regionalen Behörden gut kontrolliert werden kann. Der R-Wert sollte daher niemals als alleiniger Trend-Indikator für die Corona-Epidemie in Deutschland genommen werden. Zudem spiegelt der Wert aufgrund seiner mathematischen Berechnung nicht das tagesaktuelle Infektionsgeschehen wieder, sondern erst zeitversetzt. Mögliche Effekte von Lockerungen der Beschränkungen, die am vergangenen Mittwoch von Bund und Ländern beschlossen wurden, können aus dem gegenwärtigen R-Wert nicht abgelesen werden. Das RKI schreibt selbst im Corona-Lagebericht vom Sonntag:

Aufgrund der statistischen Schwankungen, die durch die insgesamt niedrigeren Zahlen verstärkt werden, kann somit weiterhin noch nicht bewertet werden, ob sich der während der letzten Wochen sinkende Trend der Neuinfektionen weiter fortsetzt oder es zu einem Wiederanstieg der Fallzahlen kommt. Der Anstieg des geschätzten R-Wertes macht es erforderlich, die Entwicklung in den nächsten Tagen sehr aufmerksam zu beobachten.

Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-2019 vom 10.05.2020

Dirk Brockmann, Experte für Modellierungen von Infektionskrankheiten an der Humboldt-Universität in Berlin, betonte bei meinen Kollegen von der Tagesschau auch noch einmal, dass der R-Wert nur eine grobe Schätzung und von vielen Faktoren abhängig sei. Brockmanns Theorie zum jüngsten Anstieg des R-Werts: Viele Menschen seien bereits vor den am vergangenen Mittwoch beschlossenen Lockerungen langsam zur Normalität zurückgekehrt. Man treffe sich wieder etwas mehr und sei generell mehr unterwegs. Das führe zu mehr Ansteckungen, so seine These. 

Bei aller Diskussion um den R-Wert sollte allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass nicht ein Wert allein die Dynamik und Entwicklung der Corona-Epidemie allumfassend wiedergeben kann. Auch die Zahl der täglichen Neuinfektionen, die Kapazitäten des Gesundheitswesens zur Nachverfolgung der Kontaktpersonen und die Behandlung der schweren Krankheitsverläufe sind für die Beurteilung der Corona-Lage überaus wichtig.

Wie sich diese Werte in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen entwickelt haben, können Sie wie gewohnt den folgenden Abschnitten entnehmen.

Daten-Update Sachsen-Anhalt

• Gesamtzahl der Infektionen: 1.648
• Neuinfektionen seit gestern: +4
• 7-Tage-Durchschnitt der täglichen Neuinfektionen: 9

• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 1.324
• Genesene Patienten (Schätzung) seit gestern: +5
• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 50
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +2

• Auslastung der Intensivstationen: 64,1 Prozent
• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 19
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 8

Datenquellen für Sachsen-Anhalt:

Daten-Update Sachsen

• Gesamtzahl der Infektionen: 4.978
• Neuinfektionen seit gestern: +11
• 7-Tage-Durchschnitt der täglichen Neuinfektionen: 31

• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 4.320
• Genesene Patienten (Schätzung) seit gestern: +10
• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 192
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +2

• Auslastung der Intensivstationen: 61,6 Prozent
• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 60
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 30

Datenquellen für Sachsen:

Daten-Update Thüringen

• Gesamtzahl der Infektionen: 2.620
• Neuinfektionen seit gestern: +25
• 7-Tage-Durchschnitt der täglichen Neuinfektionen: 32

• Genesene Patienten laut offiziellen Meldungen: 1.572
• Genesene Patienten seit gestern: +32
• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 124
Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +3

• Auslastung der Intensivstationen: 57,8 Prozent
• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 40
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 24

Datenquellen für Thüringen:

Daten-Update Deutschland

• Gesamtzahl der Infektionen: 169.575
• Neuinfektionen seit gestern: +357
• 7-Tage-Durchschnitt der täglichen Neuinfektionen: 960

• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 145.600
• Genesene Patienten (Schätzung) seit gestern: +1.200
• Gesamtzahl der Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang: 7.417
Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +22

• Auslastung der Intensivstationen: 59,5 Prozent
• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 1.586
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 1.053

Datenquellen für Deutschland:

Was wir anhand von Corona-Daten wissen

Wie werden Corona-Fälle überhaupt gezählt?

Ein Arzt oder ein Labor stellt mittels eines Testverfahrens (zum Beispiel Rachenabstrich) bei einem Patienten die Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 fest. Ein positives Testergebnis muss dem jeweils zuständigen Gesundheitsamt innerhalb von 24 Stunden gemäß Meldepflichtverordnung mitgeteilt werden.

Die so eingehenden Fälle werden von den zuständigen Gesundheitsämtern elektronisch an die zuständigen Landesbehörden und von dort spätestens am nächsten Arbeitstag ans Robert-Koch-Institut (RKI) übermittelt. Nach und nach tauchen neue Corona-Infektionen entlang dieser Meldekette zuerst in den Statistiken der lokalen Behörden und etwas später dann in denen der regionalen und bundesweiten Meldestellen auf.

Warum unterscheiden sich die Fallzahlen je nach Quelle?

Durch die eben beschriebene Meldekette kann es bei der Übermittlung zu einem Zeitverzug von einigen Stunden bis hin zu einigen Tagen kommen. Vorsicht also, wenn Sie beispielsweise die Angaben einer Landesbehörde am selben Tag noch mit den RKI-Zahlen für das gleiche Bundesland vergleichen.

Oder wenn die Angaben eines Landkreises höher sind als die der Landesbehörden. Schnell ist man da beim berühmten Vergleich von Äpfeln und Birnen. Das Vorgehen aller Institutionen ist legitim und durchaus nachvollziehbar, führt aber immer wieder dazu, dass in der Öffentlichkeit verschiedene Zahlen kursieren.

Welche Daten nutzen wir für das tägliche Corona-Daten-Update?

Um Sie möglichst umfangreich zu informieren, nutzen wir verschiedene Quellen. Bei der aktuellen Lage aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen greifen wir auf die jeweils neuesten landesweiten Zahlen zurück, die den MDR-Redaktionen in Magdeburg, Dresden und Erfurt am frühen Abend vorliegen.

In Sachsen-Anhalt sind das die Daten des Sozialministeriums, die zwei Mal pro Tag aktualisiert werden. Aus Sachsen stammen die Zahlen ebenfalls vom dortigen Sozialministerium und werden immer mittags aktualisiert. Da die Thüringer Landesregierung bereits immer am Vormittag das einzige Update des Tages veröffentlicht, erheben unsere Kollegen von MDR THÜRINGEN bis zum Abend selbst neue Fallzahlen, die einzelne Landkreise und Städte im Tagesverlauf veröffentlichen.

Um die Entwicklung der Corona-Daten auf Landes- und Kreisebene von Beginn an zu zeigen, verwenden wir ausschließlich Daten des RKI. Diese werden zwar nur einmal täglich aktualisiert, dafür aber aufgrund des Meldeverfahrens immer einheitlich. Sie sind deshalb für Vergleiche und das Betrachten von zeitlichen Entwicklungen gut geeignet.

Das RKI ist ebenfalls unsere Quelle für die deutschlandweiten Zahlen, die weltweiten stammen von der Johns-Hopkins-Universität (JHU) aus den USA. Mithilfe dieser Quellen ist es uns möglich, Ihnen einerseits sehr aktuelle Fallzahlen auf Bundesland- und Kreisebene und andererseits längerfristige Trends und Entwicklungen zu zeigen.

Welche Rolle spielen Alter und Geschlecht bei Corona-Infektionen und -Todesfällen?

Das Durchschnittsalter eines Infizierten in Deutschland liegt momentan bei knapp unter 50 Jahren. Die Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen ist bislang am häufigsten von Infektionen betroffen. Allerdings: Über 80 Prozent aller bislang in Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion Verstorbenen waren über 70 Jahre alt. Auch wenn nur etwa jeder zehnte Infizierte über 70 ist, so sind beinahe 9 von 10 Verstorbenen über 70 – und damit besonders gefährdet.

Das Verhältnis bei den Infektionsfällen ist zwischen Männern und Frauen fast ausgeglichen. Bei den Verstorbenen hingegen sind die Mehrheit Männern – und das, obwohl je älter die Menschen in Deutschland werden, der Anteil der Frauen umso höher ist. Männer im hohen Alter sind also – obwohl es sie seltener gibt – häufiger unter den Verstorbenen.

Warum ist bei Corona-Fällen auch immer die Einwohnerzahl wichtig?

Einwohnerzahlen sind wichtig, weil sie reine, absolute Fallzahlen in Bezug zur Bevölkerung setzen und Daten damit besser vergleichbar machen. Ein Beispiel dazu aus der Kriminologie: 2018 wurden in Berlin etwa 30.000 Fahrräder als gestohlen gemeldet. In Halle waren es hingegen nur rund 3.600. In absoluten Zahlen waren Berliner also weitaus stärker betroffen. Berücksichtigt man nun aber die verschiedenen Einwohnerzahlen – relativiert also die Fallzahlen – ergibt sich ein anderes Bild: Auf 100.000 Einwohner kommen demnach rund 1.500 Fälle in Halle und etwa 830 in Berlin.

Mithilfe dieser sogenannten Häufigkeitszahl ist es uns möglich, die Corona-Fallzahlen aus verschiedenen großen Städten, Landkreisen und Bundesländern besser miteinander vergleichen und Rückschlüsse auf die Lage vor Ort ziehen zu können. Deshalb sind Fallzahlen bezogen auf 100.000 Einwohner auch immer Bestandteil unserer Daten-Updates.

Wie stark sind Krankenhäuser mit Corona-Patienten ausgelastet?

Alle Maßnahmen – wie etwa Kita- und Schulschließungen oder Kontaktbeschränkungen – haben zum Ziel, dass sich möglichst wenige Menschen zeitgleich mit dem neuartigen Coronavirus anstecken und folglich nicht zu viele Infizierte gleichzeitig auf Intensivstationen behandelt werden müssen. Momentan wird deshalb ein bundesweites Intensivregister aufgebaut, in das Kliniken ihre intensivmedizinischen Kapazitäten und die intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Fälle eintragen.

Auch wenn gegenwärtig noch nicht alle Krankenhäuser an der Datenerhebung mitwirken, zeigen die Zahlen unserer Meinung nach ein aktuelles und realistisches Bild über die Lage in den Kliniken. Und bislang sind glücklicherweise die Kliniken noch nicht an ihre Grenzen gestoßen und können alle Covid-19-Patienten ausreichend versorgen.

Was wir anhand von Corona-Daten nicht wissen

Wie viele Menschen sind wirklich infiziert?

Aus unseren Daten-Quellen wird ersichtlich, in wie vielen Fällen ein Corona-Test positiv ausgefallen ist – sei es pro Landkreis, Bundesland oder bundesweit. Was sich daraus nicht ablesen lässt, ist die tatsächliche Anzahl der Infizierten. Warum?

  1. Weil im Gegensatz zur Infektion eine Genesung nicht meldepflichtig ist. Zu welchem Zeitpunkt ein Infizierter wieder vollständig gesund ist, wird also nicht exakt erhoben. Zwar gibt es Schätzungen, in die verschiedene Krankheitsverläufe eingerechnet sind, aber es sind und bleiben Schätzungen.
  2. Nicht jeder Infizierte wird auch getestet. Bei vielen Betroffenen treten nach der Infektion keine oder nur sehr milde Symptome auf. Wie hoch die sogenannte Dunkelziffer der Nicht-Getesteten ist, ist momentan noch zu wenig erforscht.

Wie entwickelt sich die Epedmie weiter?

Anhand der bisherigen Entwicklung ist es für uns nicht möglich, basierend auf den öffentlichen Daten den weiteren Verlauf der Corona-Epidemie vorherzusagen. Was wir können, ist die bisherige Entwicklung und den aktuellen Stand zu beschreiben.

Woran sind Covid-19-Patienten wirklich gestorben?

Mit zunehmendem Alter und der Zahl der Vorerkrankungen steigt für Covid-19-Patienten das Risiko für schwere und tödliche Krankheitsverläufe. Dabei wird aus den öffentlich zugänglichen Daten nicht ersichtlich, inwieweit eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus die alleinige Todesursache war oder nicht.


Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

Newsletter: Das Corona-Daten-Update

Zum Schluss empfehlen wir Ihnen noch unseren Newsletter zum Thema: In unserem Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihr Postfach. Hier geht es zur Anmeldung.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. Mai 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Grosser Klaus vor 19 Wochen

Es wäre sehr hilfreich, wenn die Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zeitnah einen umfassenden Lagebericht zu den Ereignissen, Entscheidungen und Fakten der letzten Monate veröffentlichten würde. Also nicht nur Zahlen und Verordnungen, sondern mal eine gründliche Aufarbeitung, was, wann zu welchen Entscheidungen geführt hat. Etwas wo man auch nachvollziehen kann, warum es ist wie es ist. Ähnlich wie das RKI ja auch regelmäßig einen recht ausführlichen Situationsbericht herausgibt.

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