Corona-Daten-Update 24.04.2020 Darum ist es in der Corona-Krise zu früh für eine Entwarnung

Manuel Mohr
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Die durchschnittliche Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen ist in Deutschland rückläufig. Warum sich die Situation jedoch schnell wieder umkehren könnte, das und mehr im täglichen Corona-Daten-Update.

Vorschaubild MDR Corona-Daten-Update
Wie sich die aktuellen Corona-Fallzahlen entwickelt haben, erfahren Sie von Montag bis Freitag im abendlichen Corona-Daten-Update. Bildrechte: MDR/Max Schörm

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Gleich zu Beginn eine gute Nachricht: In den vergangenen sieben Tagen betrug der Durchschnitt an täglichen Neuinfektionen rund 2.500. Zum Vergleich: Vor einer Woche lag der deutschlandweite Durchschnittswert noch bei rund 3.500, vor zwei Wochen bei über 5.000.

Die Berechnung eines 7-Tages-Durchschnitts hat den Vorteil, dass einzelne Schwankungen von Tag zu Tag – besonders am Wochenende – nicht so sehr ins Gewicht fallen und trotzdem sichtbar bleibt, wie dynamisch sich die Corona-Epidemie aktuell entwickelt.

Eine weitere positive Entwicklung in den aktuellen Corona-Daten: Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) lag die Reproduktionszahl mit Stand vom Donnerstag bei 0,9 (Intervall: 0,7 – 1,0) und damit weiterhin knapp unter der wichtigen Grenze von 1,0.

Zur Erinnerung: Was zeigt die Reproduktionszahl

Die Reproduktionszahl gibt die Anzahl der Personen an, die ein bereits Infizierter durchschnittlich ansteckt. Ist der Wert größer als 1, breitet sich eine Krankheit immer schneller aus. Sinkt der Wert auf 1, wird die Anzahl der Erkrankten stabilisiert. Und ist die Reproduktionszahl kleiner als 1, nimmt die Zahl der Erkrankten immer weiter ab und die Epidemie endet.

Erneuter Anstieg durch verfrühte Lockerungen möglich

An dieser Stelle folgt ein großes ABER. Denn die eingangs erwähnten Daten zu Neuinfektionen und Reproduktion geben bislang nur die Entwicklung vor und während der bundesweiten Kontaktbeschränkungen wieder. Die Folgen der jüngsten Lockerungen von Anti-Corona-Maßnahmen werden frühestens in der kommenden Woche sichtbar. Experten warnen angesichts dessen vor einem verfrühten Aufgeben weiterer Maßnahmen.

So warnte RKI-Vizepräsident Lars Schaade in einer Pressekonferenz am Freitag davor, Anti-Corona-Maßnahmen zu schnell zu lockern. Bislang seien dadurch in Deutschland viele Todesfälle verhindert worden. Paradoxerweise würden diese Erfolge nun von Teilen der Gesellschaft infrage gestellt. Es dürfe in nächster Zeit keinen "Erdrutsch an weiteren Lockerungen" geben. Denn wenn es wieder mehr Kontakt zwischen den Menschen gebe, werde es auch wieder mehr Ansteckungen geben.

Der gleichen Meinung ist einer der führenden Virus-Forscher Deutschlands Christian Drosten, Leiter der Virologie in der Berliner Charité. In seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" sagte der Virologe am Mittwoch zu den ersten Lockerungen der Maßnahmen:

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin Bildrechte: dpa

Wir gehören zu den ganz wenigen Ländern weltweit, bei denen die Zahlen wirklich gerade rückläufig sind. Wir sind unter diesen Ländern das Land mit der größten Bevölkerungszahl und mit der klarsten Nachrichtenlage. [...] Und jetzt plötzlich sehen wir diese Geschichten von Einkaufsmalls, die im Ganzen wieder frequentiert werden, wo die ganze Einkaufsmall wieder voller Leute ist. Warum? Weil jedes einzelne kleine Ladengeschäft unter 800 Quadratmeter Fläche hat und geöffnet wird. Man muss sich da schon mal fragen, ob das alles wirklich sinnvoll ist.

Christian Drosten "Coronavirus-Update", Folge 34

Wie sich die durchschnittlichen Neuinfektionen in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen entwickelt haben, können Sie wie gewohnt den folgenden Abschnitten entnehmen.

Daten-Update Sachsen-Anhalt

  • Gesamtzahl der Infektionen: 1.481 (+41 zum Vortag)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 1.040 (+28)
  • Todesfälle im Covid-19-Zusammenhang: 35 (+0)

In Sachsen-Anhalt wurden im Zeitraum 17.04. bis 23.04.2020 pro Tag durchschnittlich 23 neue Infektionsfälle gemeldet. Damit ist dieser täglich neu berechnete Durchschnittswert seit einer Woche nahezu unverändert. Auch die Schätzung der momentan tatsächlichen Infizierten liegt seit Tagen gleichbleibend bei rund 400.

Daten-Update Sachsen

  • Gesamtzahl der Infektionen: 4.495 (+30 zum Vortag)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 3.380 (+130)
  • Todesfälle im Covid-19-Zusammenhang: 144 (+7)

In Sachsen wurden in den vergangenen sieben Tagen (17.04. bis 23.04.2020) durchschnittlich 49 neue Infektionen pro Tag registriert. Das geht aus Daten hervor, die meine Kollegen von MDR SACHSEN täglich in aus allen Stadt- und Landkreisen abfragen. Im Freistaat ist der Durchschnittswert damit weiterhin klar rückläufig. Zum Vergleich: Im Zeitraum vor Ostern (03.04.-09.04.2020) lag die durchschnittliche Zahl der Neuinfektionen noch bei 153.

Daten-Update Thüringen

  • Gesamtzahl der Infektionen: 2.068 (+45 zum Vortag)
  • Genesenen Patienten laut offiziellen Meldungen: 1.036 (+20)
  • Todesfälle im Covid-19-Zusammenhang: 70 (+4)

In Thüringen wurden im Zeitraum 17.04. bis 23.04.2020 pro Tag im Schnitt 49 neue Corona-Infektionen gemeldet. Die Daten stammen von meinen MDR THÜRINGEN-Kollegen. Damit hat sich dieser Durchschnittswert mit Ausnahme einer kurzen zwischenzeitlichen Ab- und wieder Zunahme in den vergangenen zwei Wochen kaum verändert.

Daten-Update Deutschland

  • Gesamtzahl der Infektionen: 150.383 (+2.337 zum Vortag)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 106.800 (+3.500)
  • Todesfälle im Covid-19-Zusammenhang: 5.321 (+227)

Was wir anhand von Corona-Daten wissen

Wie werden Corona-Fälle überhaupt gezählt?

Ein Arzt oder ein Labor stellt mittels eines Testverfahrens (zum Beispiel Rachenabstrich) bei einem Patienten die Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 fest. Ein positives Testergebnis muss dem jeweils zuständigen Gesundheitsamt innerhalb von 24 Stunden gemäß Meldepflichtverordnung mitgeteilt werden.

Die so eingehenden Fälle werden von den zuständigen Gesundheitsämtern elektronisch an die zuständigen Landesbehörden und von dort spätestens am nächsten Arbeitstag ans Robert-Koch-Institut (RKI) übermittelt. Nach und nach tauchen neue Corona-Infektionen entlang dieser Meldekette zuerst in den Statistiken der lokalen Behörden und etwas später dann in denen der regionalen und bundesweiten Meldestellen auf.

Warum unterscheiden sich die Fallzahlen je nach Quelle?

Durch die eben beschriebene Meldekette kann es bei der Übermittlung zu einem Zeitverzug von einigen Stunden bis hin zu einigen Tagen kommen. Vorsicht also, wenn Sie beispielsweise die Angaben einer Landesbehörde am selben Tag noch mit den RKI-Zahlen für das gleiche Bundesland vergleichen.

Oder wenn die Angaben eines Landkreises höher sind als die der Landesbehörden. Schnell ist man da beim berühmten Vergleich von Äpfeln und Birnen. Das Vorgehen aller Institutionen ist legitim und durchaus nachvollziehbar, führt aber immer wieder dazu, dass in der Öffentlichkeit verschiedene Zahlen kursieren.

Welche Daten nutzen wir für das tägliche Corona-Daten-Update?

Um Sie möglichst umfangreich zu informieren, nutzen wir verschiedene Quellen. Bei der aktuellen Lage aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen greifen wir auf die jeweils neuesten landesweiten Zahlen zurück, die den MDR-Redaktionen in Magdeburg, Dresden und Erfurt am frühen Abend vorliegen.

In Sachsen-Anhalt sind das die Daten des Sozialministeriums, die zwei Mal pro Tag aktualisiert werden. Aus Sachsen stammen die Zahlen ebenfalls vom dortigen Sozialministerium und werden immer mittags aktualisiert. Da die Thüringer Landesregierung bereits immer am Vormittag das einzige Update des Tages veröffentlicht, erheben unsere Kollegen von MDR THÜRINGEN bis zum Abend selbst neue Fallzahlen, die einzelne Landkreise und Städte im Tagesverlauf veröffentlichen.

Um die Entwicklung der Corona-Daten auf Landes- und Kreisebene von Beginn an zu zeigen, verwenden wir ausschließlich Daten des RKI. Diese werden zwar nur einmal täglich aktualisiert, dafür aber aufgrund des Meldeverfahrens immer einheitlich. Sie sind deshalb für Vergleiche und das Betrachten von zeitlichen Entwicklungen gut geeignet.

Das RKI ist ebenfalls unsere Quelle für die deutschlandweiten Zahlen, die weltweiten stammen von der Johns-Hopkins-Universität (JHU) aus den USA. Mithilfe dieser Quellen ist es uns möglich, Ihnen einerseits sehr aktuelle Fallzahlen auf Bundesland- und Kreisebene und andererseits längerfristige Trends und Entwicklungen zu zeigen.

Welche Rolle spielen Alter und Geschlecht bei Corona-Infektionen und -Todesfällen?

Das Durchschnittsalter eines Infizierten in Deutschland liegt momentan bei knapp unter 50 Jahren. Die Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen ist bislang am häufigsten von Infektionen betroffen. Allerdings: Über 80 Prozent aller bislang in Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion Verstorbenen waren über 70 Jahre alt. Auch wenn nur etwa jeder zehnte Infizierte über 70 ist, so sind beinahe 9 von 10 Verstorbenen über 70 – und damit besonders gefährdet.

Das Verhältnis bei den Infektionsfällen ist zwischen Männern und Frauen fast ausgeglichen. Bei den Verstorbenen hingegen sind die Mehrheit Männern – und das, obwohl je älter die Menschen in Deutschland werden, der Anteil der Frauen umso höher ist. Männer im hohen Alter sind also – obwohl es sie seltener gibt – häufiger unter den Verstorbenen.

Warum ist bei Corona-Fällen auch immer die Einwohnerzahl wichtig?

Einwohnerzahlen sind wichtig, weil sie reine, absolute Fallzahlen in Bezug zur Bevölkerung setzen und Daten damit besser vergleichbar machen. Ein Beispiel dazu aus der Kriminologie: 2018 wurden in Berlin etwa 30.000 Fahrräder als gestohlen gemeldet. In Halle waren es hingegen nur rund 3.600. In absoluten Zahlen waren Berliner also weitaus stärker betroffen. Berücksichtigt man nun aber die verschiedenen Einwohnerzahlen – relativiert also die Fallzahlen – ergibt sich ein anderes Bild: Auf 100.000 Einwohner kommen demnach rund 1.500 Fälle in Halle und etwa 830 in Berlin.

Mithilfe dieser sogenannten Häufigkeitszahl ist es uns möglich, die Corona-Fallzahlen aus verschiedenen großen Städten, Landkreisen und Bundesländern besser miteinander vergleichen und Rückschlüsse auf die Lage vor Ort ziehen zu können. Deshalb sind Fallzahlen bezogen auf 100.000 Einwohner auch immer Bestandteil unserer Daten-Updates.

Wie stark sind Krankenhäuser mit Corona-Patienten ausgelastet?

Alle Maßnahmen – wie etwa Kita- und Schulschließungen oder Kontaktbeschränkungen – haben zum Ziel, dass sich möglichst wenige Menschen zeitgleich mit dem neuartigen Coronavirus anstecken und folglich nicht zu viele Infizierte gleichzeitig auf Intensivstationen behandelt werden müssen. Momentan wird deshalb ein bundesweites Intensivregister aufgebaut, in das Kliniken ihre intensivmedizinischen Kapazitäten und die intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Fälle eintragen.

Auch wenn gegenwärtig noch nicht alle Krankenhäuser an der Datenerhebung mitwirken, zeigen die Zahlen unserer Meinung nach ein aktuelles und realistisches Bild über die Lage in den Kliniken. Und bislang sind glücklicherweise die Kliniken noch nicht an ihre Grenzen gestoßen und können alle Covid-19-Patienten ausreichend versorgen.

Was wir anhand von Corona-Daten nicht wissen

Wie viele Menschen sind wirklich infiziert?

Aus unseren Daten-Quellen wird ersichtlich, in wie vielen Fällen ein Corona-Test positiv ausgefallen ist – sei es pro Landkreis, Bundesland oder bundesweit. Was sich daraus nicht ablesen lässt, ist die tatsächliche Anzahl der Infizierten. Warum?

  1. Weil im Gegensatz zur Infektion eine Genesung nicht meldepflichtig ist. Zu welchem Zeitpunkt ein Infizierter wieder vollständig gesund ist, wird also nicht exakt erhoben. Zwar gibt es Schätzungen, in die verschiedene Krankheitsverläufe eingerechnet sind, aber es sind und bleiben Schätzungen.
  2. Nicht jeder Infizierte wird auch getestet. Bei vielen Betroffenen treten nach der Infektion keine oder nur sehr milde Symptome auf. Wie hoch die sogenannte Dunkelziffer der Nicht-Getesteten ist, ist momentan noch zu wenig erforscht.

Wie entwickelt sich die Epedmie weiter?

Anhand der bisherigen Entwicklung ist es für uns nicht möglich, basierend auf den öffentlichen Daten den weiteren Verlauf der Corona-Epidemie vorherzusagen. Was wir können, ist die bisherige Entwicklung und den aktuellen Stand zu beschreiben.

Woran sind Covid-19-Patienten wirklich gestorben?

Mit zunehmendem Alter und der Zahl der Vorerkrankungen steigt für Covid-19-Patienten das Risiko für schwere und tödliche Krankheitsverläufe. Dabei wird aus den öffentlich zugänglichen Daten nicht ersichtlich, inwieweit eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus die alleinige Todesursache war oder nicht.


Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

Newsletter: Das Corona-Daten-Update

Zum Schluss empfehlen wir Ihnen noch unseren Newsletter zum Thema: In unserem Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihr Postfach. Hier geht es zur Anmeldung.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. April 2020 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Realist2 vor 26 Wochen

Corona ist die größte Volksverdummung aller Zeiten...da kann sich der Kapitalismus so richtig schön hinter verstecken um eigene Missstände der Pandemie die Schuld zuschieben...Wann ist endlich Schluss mit Kapitalismus???

Spinnenweberin vor 26 Wochen

Ein Virus verändert die Welt
Die Folgen der Corona-Pandemie sind dramatisch - nicht nur gesundheitlich, sondern auch wirtschaftlich und politisch. Tausende Menschen sterben. In großen Teilen der Welt kam das öffentliche Leben seit März 2020 zum Erliegen. Seit am 6. Januar die Weltgesundheitsorganisation eine neue Viruserkrankung, die in China ausgebrochen ist beobachtet.

Italienbeobachter vor 26 Wochen

Die Informationen über die Entwicklung der Neuinfektionsfälle gemittelt über 7 Tage in den mitteldeutschen Bundesländern (leider nur im Text) sowie in Deutschland sind sehr interessant. Wäre so etwas für alle Bundesländer sowie eventuell sogar Nachbarländer möglich? Das könnte tatsächlich auch klarer machen, ob es irgendwo eine zweite Welle gibt. Alternativ auch mit den Reproduktionszahlen.

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