Corona-Daten-Update 22.04.2020 So wird die Zahl der Corona-Todesfälle ermittelt

Manuel Mohr
Bildrechte: BR/Philipp Kimmelzwinger

Knapp 5.000 Menschen sind in Deutschland bislang im Zusammenhang dem neuartigen Coronavirus verstorben. Wie die Todesfallzahl ermittelt wird und welche Limitierungen zu beachten sind, das und mehr im Corona-Daten-Update.

Symbolbild - Ein Patient liegt auf einer Intensivstation im Krankenhaus.
Bildrechte: imago/photo2000

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Bei der täglichen Berichterstattung rund um die Corona-Epidemie in Deutschland erreichen meine MDR-Kollegen und mich jeden Tag zahlreiche Nachfragen. Immer wieder möchten User dabei wissen, wie genau die Todesfälle infolge einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus ermittelt werden.

Mir ging es vor einigen Wochen genauso. Meine damalige Anfrage beantwortete ein Sprecher des Sozialministeriums Sachsen-Anhalt wie folgt:

"Wer eine COVID-19-Infektion bestätigt bekommt und als Fall über das Gesundheitsamt und die Landesstelle elektronisch an das RKI gemeldet wird und dann stirbt (ob mit COVID-19 oder an COVID-19), wird auch vom RKI als COVID-19-Todesfall gezählt."

Das Robert Koch-Institut (RKI) zählt demnach also alle Menschen als Corona-Todesfälle, die mit einer COVID-19-Erkrankung in Verbindung stehen.

Dazu gehören einerseits Menschen, die direkt an der Erkrankung gestorben sind. Und andererseits auch die Menschen mit Vorerkrankungen, die zusätzlich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert waren und bei denen letztlich unklar ist, was genau die Todesursache war. Dieses Vorgehen ist – rein aus einer Daten-Sicht – problematisch, da in der Summe nicht trennscharf unterschieden werden kann, wie viele Todesfälle zur "an"-Kategorie gehören und wie viele zur "mit"-Kategorie.

Obduktionen schaffen Klarheit

Die genaue Todesursache kann allerdings nur eine Obduktion klären. Ursprünglich sollte diese laut RKI bei COVID-19-Verstorbenen nach Möglichkeit vermieden werden, da auch tote Infizierte als ansteckend gelten. In dieser Empfehlung hieß es: "Eine innere Leichenschau, Autopsien oder andere aerosolproduzierende Maßnahmen sollten vermieden werden." Diese Formulierung sei aber unscharf gewesen und wurde mittlerweile aktualisiert, teilte das RKI mit. In Absprache mit den Pathologie-Fachverbände wurde eine neue Empfehlungen herausgegeben. Covid-19-Verstorbene könnten demnach mit entsprechender Schutzausrüstung obduziert werden.

In der Stadt Hamburg hat man bereits seit Beginn der Epidemie durchgehend obduziert. Ergebnis: Nach RKI-Angaben waren in der Hansestadt bis zum Mittwochnachmittag 91 Personen im Zusammenhang mit einer COVID-19-Infektion verstorben. Laut Angaben des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin konnten allerdings bereits bei 95 Personen festgestellt werden, dass die COVID-19 Infektion todesursächlich war – die Menschen also an der Erkrankung gestorben sind.

Damit wäre es denkbar, dass Menschen an oder mit Corona sterben, ohne dass sie in die offizielle RKI-Statistik einfließen, weil sie vor oder nach dem Tod nicht getestet wurden. Anders herum wäre es aber auch möglich, dass mehr Menschen mit einer Infektion und weiteren Vorerkrankungen sterben als direkt an der COVID-19-Erkrankung – und die tödlichen Folgen der Infektion damit überschätzt werden.

RKI-Präsident Lothar Wieler sagte Anfang April auf einer Pressekonferenz, dass das RKI eher davon ausgehe, dass die Zahl der Todesfälle unterschätzt werde und demnach mehr Menschen sterben werden, als offiziell gemeldet werden.

Nachbetrachtung abwarten

Eine weitere Möglichkeit zur Ermittlung der Corona-Todesfälle ist die Betrachtung der sogenannten Übersterblichkeit. Dieses Verfahren wird bereits bei der jährlichen Ermittlung der Grippe-Toten angewandt und funktioniert – vereinfacht gesagt – wie folgt: Von der Todesfallzahl, die während einer Grippewelle auftreten, wird die Todesfallzahl abgezogen, die – aus historischen Daten geschätzt – aufgetreten wäre, wenn es in dieser Zeit keine Grippewelle gegeben hätte.

Gleiches wäre in einer Nachbetrachtung auch für die Corona-Epidemie möglich. Allerdings liegen zum jetzigen Zeitpunkt amtliche Statistiken zu den Todesfällen in Deutschland für den betreffenden Zeitraum noch nicht vor. Auch eine kürzlich veröffentlichte Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts mit vorläufigen Zahlen von Sterbefallmeldungen gibt noch keine Auskunft, ob eine coronabedingte Übersterblichkeit vorliegt oder nicht. Hier werden erst die nächsten Wochen und Monate Klarheit bringen, wenn entsprechende valide Daten verfügbar sind.

Andere Länder sind in dieser Hinsicht schneller im Aufbereiten der Statistiken. Wie aus einem Bericht der New York Times hervorgeht, liegt in Ländern wie Spanien, England oder der Schweiz die Übersterblichkeit deutlich über den offiziellen Corona-Todesfallzahlen.

Daten-Update Sachsen-Anhalt

  • Gesamtzahl der Infektionen: 1.429 (+30 zum Vortag)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 990 (+20)
  • Todesfälle im Covid-19-Zusammenhang: 34 (+1)

Daten-Update Sachsen

  • Gesamtzahl der Infektionen: 4.421 (+64 zum Vortag)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 3.100 (+100)
  • Todesfälle im Covid-19-Zusammenhang: 132 (+6)

Daten-Update Thüringen

  • Gesamtzahl der Infektionen: 1.952 (+54 zum Vortag)
  • Genesenen Patienten laut offiziellen Meldungen: 946 (+49)
  • Todesfälle im Covid-19-Zusammenhang: 65 (+0)

Daten-Update Deutschland

  • Gesamtzahl der Infektionen: 145.694 (+2.237 zum Vortag)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 99.400 (+4.200)
  • Todesfälle im Covid-19-Zusammenhang: 4.879 (+281)
  • Schätzung der Reproduktionszahl: 0,9 (Intervall: 0,7 – 1,0)

Nach Angaben des RKI waren bislang 58 Prozent der Verstorbenen Männer, 42 Prozent Frauen. 87 Prozent aller Todesfälle war älter als 70 Jahre, obwohl diese Altersgruppe weniger als 20 Prozent aller Infektionsfälle ausmacht.

Was wir anhand von Corona-Daten wissen

Wie werden Corona-Fälle überhaupt gezählt?

Ein Arzt oder ein Labor stellt mittels eines Testverfahrens (zum Beispiel Rachenabstrich) bei einem Patienten die Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 fest. Ein positives Testergebnis muss dem jeweils zuständigen Gesundheitsamt innerhalb von 24 Stunden gemäß Meldepflichtverordnung mitgeteilt werden.

Die so eingehenden Fälle werden von den zuständigen Gesundheitsämtern elektronisch an die zuständigen Landesbehörden und von dort spätestens am nächsten Arbeitstag ans Robert-Koch-Institut (RKI) übermittelt. Nach und nach tauchen neue Corona-Infektionen entlang dieser Meldekette zuerst in den Statistiken der lokalen Behörden und etwas später dann in denen der regionalen und bundesweiten Meldestellen auf.

Warum unterscheiden sich die Fallzahlen je nach Quelle?

Durch die eben beschriebene Meldekette kann es bei der Übermittlung zu einem Zeitverzug von einigen Stunden bis hin zu einigen Tagen kommen. Vorsicht also, wenn Sie beispielsweise die Angaben einer Landesbehörde am selben Tag noch mit den RKI-Zahlen für das gleiche Bundesland vergleichen.

Oder wenn die Angaben eines Landkreises höher sind als die der Landesbehörden. Schnell ist man da beim berühmten Vergleich von Äpfeln und Birnen. Das Vorgehen aller Institutionen ist legitim und durchaus nachvollziehbar, führt aber immer wieder dazu, dass in der Öffentlichkeit verschiedene Zahlen kursieren.

Welche Daten nutzen wir für das tägliche Corona-Daten-Update?

Um Sie möglichst umfangreich zu informieren, nutzen wir verschiedene Quellen. Bei der aktuellen Lage aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen greifen wir auf die jeweils neuesten landesweiten Zahlen zurück, die den MDR-Redaktionen in Magdeburg, Dresden und Erfurt am frühen Abend vorliegen.

In Sachsen-Anhalt sind das die Daten des Sozialministeriums, die zwei Mal pro Tag aktualisiert werden. Aus Sachsen stammen die Zahlen ebenfalls vom dortigen Sozialministerium und werden immer mittags aktualisiert. Da die Thüringer Landesregierung bereits immer am Vormittag das einzige Update des Tages veröffentlicht, erheben unsere Kollegen von MDR THÜRINGEN bis zum Abend selbst neue Fallzahlen, die einzelne Landkreise und Städte im Tagesverlauf veröffentlichen.

Um die Entwicklung der Corona-Daten auf Landes- und Kreisebene von Beginn an zu zeigen, verwenden wir ausschließlich Daten des RKI. Diese werden zwar nur einmal täglich aktualisiert, dafür aber aufgrund des Meldeverfahrens immer einheitlich. Sie sind deshalb für Vergleiche und das Betrachten von zeitlichen Entwicklungen gut geeignet.

Das RKI ist ebenfalls unsere Quelle für die deutschlandweiten Zahlen, die weltweiten stammen von der Johns-Hopkins-Universität (JHU) aus den USA. Mithilfe dieser Quellen ist es uns möglich, Ihnen einerseits sehr aktuelle Fallzahlen auf Bundesland- und Kreisebene und andererseits längerfristige Trends und Entwicklungen zu zeigen.

Welche Rolle spielen Alter und Geschlecht bei Corona-Infektionen und -Todesfällen?

Das Durchschnittsalter eines Infizierten in Deutschland liegt momentan bei knapp unter 50 Jahren. Die Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen ist bislang am häufigsten von Infektionen betroffen. Allerdings: Über 80 Prozent aller bislang in Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion Verstorbenen waren über 70 Jahre alt. Auch wenn nur etwa jeder zehnte Infizierte über 70 ist, so sind beinahe 9 von 10 Verstorbenen über 70 – und damit besonders gefährdet.

Das Verhältnis bei den Infektionsfällen ist zwischen Männern und Frauen fast ausgeglichen. Bei den Verstorbenen hingegen sind die Mehrheit Männern – und das, obwohl je älter die Menschen in Deutschland werden, der Anteil der Frauen umso höher ist. Männer im hohen Alter sind also – obwohl es sie seltener gibt – häufiger unter den Verstorbenen.

Warum ist bei Corona-Fällen auch immer die Einwohnerzahl wichtig?

Einwohnerzahlen sind wichtig, weil sie reine, absolute Fallzahlen in Bezug zur Bevölkerung setzen und Daten damit besser vergleichbar machen. Ein Beispiel dazu aus der Kriminologie: 2018 wurden in Berlin etwa 30.000 Fahrräder als gestohlen gemeldet. In Halle waren es hingegen nur rund 3.600. In absoluten Zahlen waren Berliner also weitaus stärker betroffen. Berücksichtigt man nun aber die verschiedenen Einwohnerzahlen – relativiert also die Fallzahlen – ergibt sich ein anderes Bild: Auf 100.000 Einwohner kommen demnach rund 1.500 Fälle in Halle und etwa 830 in Berlin.

Mithilfe dieser sogenannten Häufigkeitszahl ist es uns möglich, die Corona-Fallzahlen aus verschiedenen großen Städten, Landkreisen und Bundesländern besser miteinander vergleichen und Rückschlüsse auf die Lage vor Ort ziehen zu können. Deshalb sind Fallzahlen bezogen auf 100.000 Einwohner auch immer Bestandteil unserer Daten-Updates.

Wie stark sind Krankenhäuser mit Corona-Patienten ausgelastet?

Alle Maßnahmen – wie etwa Kita- und Schulschließungen oder Kontaktbeschränkungen – haben zum Ziel, dass sich möglichst wenige Menschen zeitgleich mit dem neuartigen Coronavirus anstecken und folglich nicht zu viele Infizierte gleichzeitig auf Intensivstationen behandelt werden müssen. Momentan wird deshalb ein bundesweites Intensivregister aufgebaut, in das Kliniken ihre intensivmedizinischen Kapazitäten und die intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Fälle eintragen.

Auch wenn gegenwärtig noch nicht alle Krankenhäuser an der Datenerhebung mitwirken, zeigen die Zahlen unserer Meinung nach ein aktuelles und realistisches Bild über die Lage in den Kliniken. Und bislang sind glücklicherweise die Kliniken noch nicht an ihre Grenzen gestoßen und können alle Covid-19-Patienten ausreichend versorgen.

Was wir anhand von Corona-Daten nicht wissen

Wie viele Menschen sind wirklich infiziert?

Aus unseren Daten-Quellen wird ersichtlich, in wie vielen Fällen ein Corona-Test positiv ausgefallen ist – sei es pro Landkreis, Bundesland oder bundesweit. Was sich daraus nicht ablesen lässt, ist die tatsächliche Anzahl der Infizierten. Warum?

  1. Weil im Gegensatz zur Infektion eine Genesung nicht meldepflichtig ist. Zu welchem Zeitpunkt ein Infizierter wieder vollständig gesund ist, wird also nicht exakt erhoben. Zwar gibt es Schätzungen, in die verschiedene Krankheitsverläufe eingerechnet sind, aber es sind und bleiben Schätzungen.
  2. Nicht jeder Infizierte wird auch getestet. Bei vielen Betroffenen treten nach der Infektion keine oder nur sehr milde Symptome auf. Wie hoch die sogenannte Dunkelziffer der Nicht-Getesteten ist, ist momentan noch zu wenig erforscht.

Wie entwickelt sich die Epidemie weiter?

Anhand der bisherigen Entwicklung ist es für uns nicht möglich, basierend auf den öffentlichen Daten den weiteren Verlauf der Corona-Epidemie vorherzusagen. Was wir können, ist die bisherige Entwicklung und den aktuellen Stand zu beschreiben.

Woran sind Covid-19-Patienten wirklich gestorben?

Mit zunehmendem Alter und der Zahl der Vorerkrankungen steigt für Covid-19-Patienten das Risiko für schwere und tödliche Krankheitsverläufe. Dabei wird aus den öffentlich zugänglichen Daten nicht ersichtlich, inwieweit eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus die alleinige Todesursache war oder nicht.


Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

Newsletter: Das Corona-Daten-Update

Zum Schluss empfehlen wir Ihnen noch unseren Newsletter zum Thema: In unserem Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihr Postfach. Hier geht es zur Anmeldung.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. April 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

denny vor 15 Wochen

Warum werden die Menschen die wieder genesen sind nicht aus der Liste der indizierten wieder rausgenommen

Mehr aus Sachsen-Anhalt